Zwischenruf eines Lehrers Gebt den Kindern die Verantwortung zurück

Helikopter-Eltern sind tückisch, findet Lehrer Felix Nattermann: Sie ziehen unselbstständige Kinder heran, die schon an einer Busfahrt scheitern. Was sollen aus diesem Nachwuchs später für Erwachsene werden?

Kinder auf dem Schulhof
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Kinder auf dem Schulhof


Zur Person
  • privat
    Felix Nattermann, 37, ist Lehrer für Mathe und Informatik an einem Gymnasium in Mönchengladbach. Er hat sich zum Ziel gesetzt, besonders die sozialen Fähigkeiten seiner Schüler zu fördern. 2014 wurde er mit dem Deutschen Lehrerpreis ausgezeichnet.

Neulich wurde ich gefragt, ob auch vor unserer Schule Helikopter-Eltern mit ihren Autos die Straße verstopfen. Ich antwortete, dass die Autos der Helikopter-Eltern das kleinste Problem seien. Viel schlimmer ist, was diese Mütter und Väter von Anfang an beim Nachwuchs anrichten.

Kinder werden heute vor allen potenziellen Gefahren bewahrt: Mama hält sie auf der Rutsche fest und bestimmt auch, welche anderen Geräte auf dem Spielplatz tabu sind. Dabei sollten das die ersten wichtigen Entscheidungen im Leben eines Kindes sein: das Wagnis der Höhe und das Risiko des Scheiterns.

Auch der Schulweg ist ein wichtiger Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Aber heute dürfen ihn kaum noch Erstklässler allein gehen. Das beraubt sie zum einen um die Erfahrung und zum anderen um das Vertrauen der Eltern, dass sie die Situation schon meistern werden. Dabei führt stetiges fehlendes Vertrauen zu mangelndem Selbstvertrauen.

Meister des Konsumierens

Meine Schüler sind entweder in der Schule, sitzen zu Hause vor dem Computer oder machen irgendwas im Verein.

Nichts gegen Vereine - sie leisten wertvolle pädagogische Arbeit. Aber auch hier gibt es eine Aufsicht und ein Programm. Die Kinder und Jugendlichen konsumieren lediglich, was ihnen vorgesetzt wird. Dabei ist es egal, ob sie ein Instrument lernen oder einen Sport. Sie haben keine wirkliche Verantwortung.

Auch in der Schule konsumieren sie brav ihren Stoff - mal frontal, mal in Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit. Sie sind Meister des Aufsaugens geworden: schlucken jeden Stoff, lernen und jagen im Idealfall guten Noten hinterher. Was ihnen aber fehlt ist Leidenschaft, das wirkliche Interesse an einem Inhalt.

Früher gab es noch an fast jeder Schule Schülerzeitungen, die komplett in Schülerhand lagen. Heute leiten oft Lehrer die "Schüler"-Zeitungs-AG und haben Mühe, Schüler für Artikel zu begeistern.

Wie sollen aber auch Schüler so ein Projekt allein betreuen? Im Zweifelsfall haben sie noch nie zuvor irgendwas selber managen müssen (oder eher dürfen). Sie wissen nicht wie es sich anfühlt, eine eigene Idee mit viel Elan erfolgreich umzusetzen.

Spielen, surfen, chatten

Wie gleichen Schüler diesen Mangel an positiven Gefühlen aus? Sie spielen, surfen und chatten. Die Computerspiel-Industrie hat erkannt, wie sie Kinder und Jugendliche glücklich machen kann. Punkte, Level, Achievements und Pokale lassen den Endorphinspiegel ins Unermessliche steigen. Und das soll jetzt nicht der übliche Vorwurf gegen die Spieleindustrie sein.

Sie liefert, was der Markt verlangt: Spiele, bei denen man sich nicht verletzen kann, keine Verantwortung übernimmt und auch nicht besonders kreativ sein muss. Die Spiele füllen perfekt die Lücke, die wir selbst aufgerissen haben.

Wenn Kinder keine positiven Erfahrungen damit verbinden, durch den Wald zu toben oder durch die Stadt zu stromern, werden sie später keinen Sinn darin sehen, rauszugehen. Gleiches gilt für Freunde: Haben wir sie lange genug davon abgehalten, mal spontan zu einem Freund zu gehen oder dort zu übernachten, dann fehlen auch da die positiven Erfahrungen.

Die 7-jährige Lisa darf nicht einfach so drei Straßen weiter zu ihrer Freundin gehen. Vorher wird geklärt: Sind die Eltern da? Übernehmen sie die Aufsicht? Notfallnummer? Und dann wird Lisa vorbeigefahren und eine Abholzeit vereinbart.

Dabei müssen Kinder und Jugendliche altersgemäße Herausforderungen bestehen, um daran wachsen zu können. Denn sicher ist: Mit 18 Jahren sollten sie auf eigenen Beinen stehen können. Reif genug, um für sich und auch für andere Verantwortung zu übernehmen. Sie müssen Verträge unterzeichnen und sich selbstständig um ihre Zukunft kümmern können.

Überforderte Eltern

Wenn wir also reife 18-Jährige wollen, dann müssen wir ihnen vorher auch schon etwas abverlangen. 6-Jährige sollten den Schulweg allein meistern und auch ein kleines Taschengeld verwalten. 8-Jährige schaffen in der Regel eine erste mehrtägige Ferienfreizeit - weg von den Eltern, hinein ins Abenteuer. In dem Alter können Kinder auch bereits problemlos etwas einkaufen gehen, wenn zum Beispiel noch eine Packung Milch fehlt.

Mit 10 allein mit Freunden ins Schwimmbad, mit 12 mal eine Strecke mit der Bahn allein fahren, mit 13 auch schon mal die Strecke raussuchen, ein Fahrkarte kaufen und die Verwandtschaft besuchen. Mit 15/16 Jahren sollte jeder Schüler soweit sein, ein Auslandsjahr zumindest theoretisch zu packen.

Stattdessen erlebe ich täglich die Auswirkungen der Unselbstständigkeit. Wenn ich mich mit meiner 7. Klasse (12/13-Jährige) in einem Park in unserer Stadt treffe und sie bitte, mit dem öffentlichen Nahverkehr zu kommen, werden trotzdem mindestens 80 Prozent der Kinder von ihren Eltern mit dem Auto gebracht. Dabei haben fast alle ein Monatsticket. Aber sie sind damit überfordert, die Busverbindung herauszubekommen und eine ihnen unbekannte Strecke zu fahren.

Auch die Eltern sind überfordert. Denn während der Busfahrt wären ihre Kinder ohne Aufsicht und sie müssten es aushalten, dass der Nachwuchs plötzlich selbst Verantwortung trägt.

Das Manko zieht sich auch im Unterricht durch: Die Schüler sind darauf trainiert, nur das zu machen, was wir sagen. Sich selbstständig ein Thema zu erarbeiten, fällt vielen sehr schwer. Die mangelnde Verantwortung für sich selbst führt auch dazu, dass die Kinder nie die Schuld für schlechte Noten bei sich selber sehen: "Ich hatte einen Blackout", "Ich habe doch schon eine Nachhilfe". Oder das Thema war doof oder der Lehrer schuld oder die Eltern haben es einem falsch beigebracht.

Letztlich machen unsere Schüler Abitur. Sie sind bestens ausgebildet, können Integrale lösen und Gedichte interpretieren. Doch was sie nach der Schule machen sollen, das wissen viele nicht. Sie sind mit der Freiheit überfordert, eine relevante Entscheidung treffen zu müssen.

Wir sollten die Kinder nicht an die Hand nehmen und vorsichtig über jede Stolperstelle führen, sondern Räume mit altersgemäßen Stolperstellen schaffen - und ihnen vertrauen.

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insgesamt 373 Beiträge
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Seite 1
uweuweuwe 13.06.2016
1.
Eigentlich möchte ich kein Helikopter-Papa sein. Ich habe halt Angst um meine Kinder, speziell im Straßenverkehr. Ggf. kann es hier mal einen Artikel geben, das auch die Sichtweise der Eltern versucht zu verstehen und dafür Lösungen anbietet, wie Eltern weg vom Helikopter-Dasein kommen können?
riedlinger 13.06.2016
2. Danke!
Diesen großartigen Text sollte man auf DIN A 1 ausdrucken und vor jeder Schule aufhängen - da, wo die Eltern ihre Autos parken. Was aus diesen unselbstständigen Kindern einmal wird, die vor allem Angst haben und mit Freiheit nicht umgehen können? Vermutlich AfD-Wähler.
Leser222 13.06.2016
3. Einverstanden
Dem habe ich nichts hinzuzufügen. Angst frisst Eltern frisst Kinder.
odapiel 13.06.2016
4. Was so faszinierend ist
Dies sind die Kinder meiner Generation, bzw. der direkt danach. Wir sind doch alle mit einem Maximum an Freiheit und Selbertun aufgewachsen. Warum also die eigenen Kinder so einschränken? Mit 5 habe ich um die Ecke eingekauft, mal Milch, mal Eier, mal Kartoffeln. Wir haben in dem Alter auf den Straßen gespielt und sind im gesamtem Viertel herumgestromert. Mit 6 bin ich jeden Morgen gut eineinhalb Kilometer durch Großstadtstraßen zur Schule, hin und zurück. Mit 8 die erste Wanderung mit dem Lehrer, mit 10 wurde der Schulweg auf 8 km erweitert, Rad oder Straßenbahn, Fußweg, winters wie sommers. Mit dem Auto nur wenn jemand verschlafen hatte. Mit 5 und 6 gabs auch schon die ersten Sommerurlaube bei den Großeltern, allein und 160 km entfernt. Zuerst hingebracht, ab 10 Jahren selbst mit der Bahn. Abends allein waren wir auch ab 6-7 Jahren, wir wussten ja wo die Nachbarn wohnen. Für Notfälle. Bereits mit 15 waren wir so selbständig, wie es dieser Lehrer für 18 fordert. Die meisten von uns arbeiteten bereits mit 14 in den Ferien. Wir waren politisch, Pershing oder Startbahn West, da gabs so manchen Jugendlichen auf den Demos. Hat uns nicht geschadet, keiner wurde vom schwarzen Mann erwischt, wir sind ziemlich entspannt aufgewachsen. Was also ist schiefgelaufen?
Florentinio 13.06.2016
5. Zustimmung
Ich kann dem Autor voll und ganz zustimmen. Um eine wirkungsvolle Veränderung zu initiieren fehlt mir aber eine Ursachenanalyse, warum sich Eltern, Schule und Schulpolitik so verhalten, dass das Ergebnis die Erziehung zur Unselbständigkeit ist.
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