Hightech im Klassenzimmer "Jede Stunde so? Furchtbar"

So stellen sich IT-Firmen das Klassenzimmer der Zukunft vor: Auf der Frankfurter Buchmesse testet eine Schulklasse Unterricht mit 3D-Fernseher. Ihr Lehrer fremdelt, doch die Kinder sind begeistert.

DPA

"Cool!", sagt Paul, 11. "Jede Stunde so? Furchtbar", sagt sein 53-jähriger Lehrer, Andreas Rech. Die Klasse 6c der Helene-Lange-Schule aus Wiesbaden ist in die Frankfurter Messehalle 4.2 gekommen, um ein "Klassenzimmer der Zukunft" zu testen. In drei sogenannten Cyber Classrooms saßen die Schüler dafür mit 3D-Pappbrillen auf der Nase.

Der Bildschirm zeigte ihnen den Blutkreislauf, Akkus und Batterien und den Teilchenbeschleuniger am Genfer Forschungszentrum Cern. Alle Lernmodule gehören zu naturwissenschaftlichen Fächern, angeboten werden sie von der Firma Visenso, einem IT-Spin-off der Uni Stuttgart.

Die Firma begann vor 15 Jahren mit Visualisierungen für die Autoindustrie, jetzt will sie auch im Bildungsbereich Geld verdienen. 70 Lernmodule gibt es laut Firmenangaben bereits, die bislang in 20 Schulen von Lehrern und Schülern getestet und mit ihnen weiterentwickelt werden.

Ihren aktuellen Stand der Technik zeigt die Firma nun auf der Frankfurter Buchmesse, auch wenn ihr Angebot mit klassischen Schulbüchern nichts mehr zu tun hat. Die Hardware - ein Stereofernseher, der mit einer Spielekonsole gesteuert wird - kostet 15.000 Euro. Geschäftsführer Martin Zimmermann verspricht aber für die nächsten Jahre günstigere, abgespeckte Versionen.

"Unsere Schule legt Wert auf Rausgehen"

Schüler und Lehrer sind geteilter Meinung, ob der 3D-Fernseher im Klassenzimmer wirklich eine Bereicherung ist. Paul fand seinen Besuch im Cyber Classroom eine "ganz tolle Erfahrung". Abstrakte Inhalte würden so "viel realistischer" und leichter zu begreifen. "Das wäre ziemlich cool, wenn der Unterricht immer so wäre."

Klassenlehrer Rech ist skeptisch. Seine Schule, die Helene-Lange-Schule Wiesbaden, wurde 2007 für innovative Lernmethoden mit dem Deutschen Schulpreis geehrt und gilt als fortschritlich. Rech sagt: "Gerade an unserer Schule legen wir viel Wert auf selbstständiges Lernen, auf Praktisches, auf Rausgehen." Das alles komme im Cyber Classroom nicht vor.

Die Kosten entsprächen in etwa dem Jahresetat der Theater AG. "Das würde ich abwägen." Wenn es beispielsweise im Unterricht um die alten Römer gehe, "dann würde ich lieber mit der Klasse nach Trier fahren", anstatt sie vor den Bildschirm zu setzen. Rech befürchtet, ein virtuelles Klassenzimmer könnte die Kreativität ersticken. Letztlich laufe es dann doch auf Frontalunterricht hinaus.

Der Lehrer sucht nach Skepsis in den Gesichtern seiner Schüler. "Wird das mit der Zeit nicht langweilig?", fragt er Paul. "Nö, ich kann mir das so besser vorstellen", sagt der. Am Ende einigen sie sich auf einen Kompromiss: Der 15.000-Euro-Fernseher mit 3D-Bildern sei eben "eine Ergänzung".

Sandra Trauner/dpa/cht



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erwachsener 11.10.2012
1.
Mri ist aus dem Artikel nicht klar geworden, was der inhaltliche Vorteil so einer Technik ist, was genau die Kinder dabei lernen sollen. Zwar will ich nicht grundsätzlich jede neue Technik in der Schule verteufeln, aber es muß doch darum gehen, die für ein Lernziel am besten geeigneten Mittel zu finden und nicht das mit einem (neuen) Mittel am besten zu erreichende Lernziel. 3D und bunt allein impliziert noch kein Verstehen, und es hilft den Kindern vor allem nicht dabei, selber irgendetwas zu tun oder zu können. Generell gilt für alle Arten von Bildschirmrepräsentationen: Farbraum, Auflösung und Akustik sind gegenüber der Realität bescheiden, und man gewöhnt gerade jungen Schülern damit an, alles für "wahr" zu nehmen, was sie auf einem Bildschirm sehen. Dabei zeigt das Spezialeffektekino von heute, daß jeder beliebige Nonsens realistisch dargestellt werden kann. Neue Methoden ja, aber nicht blindlings "irgendwas" einführen. In Schulversuchen wird die langfristige beobachtung von Konsequenzen und (Miß-)Erfolgen schon heute sträflich vernachlässigt.
käsekuchenfrau 11.10.2012
2.
Mehr als eine Ergänzung, um Inhalte abzubilden und zu erklären, sollte das nicht sein. Lebendiges, greifbares Lernen kann und sollte lieber "draußen", vor Ort stattfinden. Die 15.000€ sind doch in Schulausflüge wie in diesem Artikel z.B. nach Trier, viel besser investiert. Und ob es für die Sehfähigkeit auf Dauer gut ist, bezweifle ich, grad für Kinder. Ich kann mich jedenfalls noch daran erinnern wie meine Eltern schimpften "Du bekommst noch viereckige Augen, jetz wird der Fernseher aus gemacht!". Und das war gut so. Kinder sind doch ständig von Multimediageräten umgeben, ob Handy, Tablet oder PC. Da muss es nich auch noch in der Schule sein. Höchstens zu Ergänzung.
Leser161 11.10.2012
3. Hmm
Jeder, ganz besonders Kinder, findet es toll wenn er etwas Neues zum Ausprobieren bekommt. Das heisst aber, nicht das dadurch die Effizienz verbessert wird. Ergo: Neue Technik nur, wenn Kosten und Nutzen zueinander passen, NEU allein ist kein Argument.
mrsa 11.10.2012
4.
Zitat von käsekuchenfrauMehr als eine Ergänzung, um Inhalte abzubilden und zu erklären, sollte das nicht sein. Lebendiges, greifbares Lernen kann und sollte lieber "draußen", vor Ort stattfinden. Die 15.000€ sind doch in Schulausflüge wie in diesem Artikel z.B. nach Trier, viel besser investiert. Und ob es für die Sehfähigkeit auf Dauer gut ist, bezweifle ich, grad für Kinder. Ich kann mich jedenfalls noch daran erinnern wie meine Eltern schimpften "Du bekommst noch viereckige Augen, jetz wird der Fernseher aus gemacht!". Und das war gut so. Kinder sind doch ständig von Multimediageräten umgeben, ob Handy, Tablet oder PC. Da muss es nich auch noch in der Schule sein. Höchstens zu Ergänzung.
Die dargestellte Technik scheint für mich nur eine stumpfe Präsentationstechnik zu sein, die eine weitere Auseinandersetzung mit dem Lernstoff verhindert. Warum? Aufgrund der Brillen können die Schüler schlecht eigene Notizen zum Lernstoff machen oder Arbeitsaufträge, die nicht virtuell sind, bearbeiten (z.B. Arbeitsblätter zu den dargestellten Sachverhalten). Natürlich können die Brillen abgenommen werden, aber den ganzen Morgen Brille auf, Brille ab ist irgendwie auch keine Lösung. Zusätzlich wird es nicht lange dauern, bis die Brillen entweder kaputt bzw. verschwunden sind. Das Ganze erinnert mich an die topatuellen Sprachlabore aus den 80er Jahren, die jede Schule haben musste, die etwas auf sich hielt. Und jeder der sich jetzt fragt, was ein Sprachlabor ist, stellt den Beweis dar, dass Schulen sich vor der Einführung neuer, teurer Technik die Frage nach dem sinnvollen Einsatz stellen sollte.
vater03 11.10.2012
5. Barrierefreiheit ist das nicht!
Hallo, auch Schulunterricht sollte/muß barrierefrei sein, wenn es irgendwie geht. Und es gibt nicht wenige Menschen, wie mich, die kein räumliches Sehvermögen haben. Meine Kinder haben es zum Glück. Aber es wäre eine unzulässige Benachteiligung für Kinder, die nicht oder nur wenig räumlich sehen können! Und die könnten es, je nach Alter, noch nicht einmal benennen. Sie fänden das mit den komischen Brillen und eigenartig verschwommenen Bildern nur doof und blöd, und würden dafür vielleicht auch noch schlechte Noten bekommen... Ich würde auf die Barrikaden gehen, wenn das an der Schule meiner Kinder eingeführt würde! Das Bewußtsein für Menschen mit eingeschränktem oder ohne räumliches Sehvermögen muß endlich hergestellt und öffentlich diskutiert werden. Viele Grüße, Vater von 3 Kindern
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