HipHop aus dem Osten In Plattenbauten die ersten Platten bauen

Junge Rapper wie Dissziplin und Ossi Ostler singen über die Tristesse ostdeutscher Landstriche, aber in trotzigem Stolz. Sie sehen sich als Pioniere einer neuen Ostrap-Szene - und wollen auf keinen Fall mit Neonazis verwechselt werden.

Von Mathias Hamann


Mitte Juni, Diskothek Easyschorre in Halle. 30 Jugendliche warten auf Einlass zum Konzert des Rappers Dissziplin. Der Musiker aus Cottbus spielt heute im Vorprogramm eines HipHoppers aus dem Ruhrgebiet. Mit auf den Ostdeutschen warten Roland Steiner, 18, und Enrico Hoffmann, 16. Sie sind Teil einer kleinen neuen Szene, die mit "Ostrap" beschrieben werden kann: eine Szene, die versucht, ein wenig stolz zu sein auf die tristen Plattenbauten in armen Landstrichen.

Nicht aus der Bronx oder South Central, sondern aus Neubauwüsten Marke WBS 70 oder Q3A erzählen die jungen Künstler wie Dissziplin und sein Kumpel Ossi Ostler, die das HipHop-Label "Ostmob" gegründet haben. Ihre Songs heißen "Ich liebe mein Land", "Wo ich herkomm" und "Glaub an dich", sozusagen der Soundtrack zur Freudlosigkeit ostdeutscher Wohnsilos. Zu düsteren Beats erschallt ein Dreiklang in A-Moll – Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Alkoholismus. Das ist der Stoff, aus dem sie ihre ersten Platten bauten.

Texte über den freudlosen Alltag

"Plattenbauten" heißt das Debutalbum von Dissziplin alias Ben Arnold, 22. Er brachte seine Scheibe im Eigenvertrieb unter die Leute. Mit Erfolg, der Brandenburger wurde bekannt: Die zweite Auflage steht gerade in den CD-Regalen. Bei einer TV-Talkshow des Rundfunk Berlin-Brandenburg erzählte er als Experte von der Wut und dem Frust seiner Generation. Aber auch von der Heimatverbundenheit, schließlich heißt der beliebteste Titel "Patriot".

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Oft fühlt sich Ben Arnold missverstanden. Wegen seiner kurzen Haare zu Blouson und Baseballmütze wurde der Mediendesign-Azubi einige Male für einen verkappten Nazi gehalten. "Wie kann man braun sein, wenn man schwarze Musik macht?", fragt Ben zurück.

Außerdem habe er immer wieder Probleme mit Neonazis, die Stunk bei seinen Rap-Konzerten machten. Noch heute ärgert er sich über den Lokalreporter seiner Heimatzeitung, "einer aus dem Westen, der meinte, in Dissziplin ist ein Doppel S, wie bei SS, und deswegen sei ich braun." Dabei komme sein Rap-Name vom Dissen, dem Heruntermachen.

Rapperin Pyranja kennt diese Probleme im ostdeutschen Rap-Geschäft. Die Musikerin aus Rostock ist schon seit 15 Jahren dabei und hat auch ihre Uni-Abschlussarbeit über HipHop geschrieben. Jeden Mittwoch moderiert sie beim Berlin-Brandenburger Jugendsender "Fritz" eine HipHop-Sendung.

Den Begriff Ostrap mag sie allerdings nicht. "Es gibt höchstens Rap aus dem Osten", sagt Pyranja. Mit den USA sei das nicht zu vergleichen, "wo man am Beat erkennen konnte, ob jemand aus New York oder L.A. kam".

Auch im Osten wird gerappt

Ostdeutschland gegen Westdeutschland, so wie einst amerikanische Ostküste gegen Westküste? Stilistisch gibt es zwar kaum Unterschiede, aber "viele Wessis machen Ossis ganz schön runter", berichten Pyranja und Dissziplin unisono. Das scheint besonders im HipHop zu gelten, so will Dissziplin mit Titel wie "Patriot" zeigen: Auch im Osten wird gerappt.

Trotz weniger Gäste kommt beim Konzert in Halle schließlich doch noch Stimmung auf. Dissziplin ruft von der Bühne: "Gebt mir ein Ost-Deutsch-Land!", und Roland und Enrico brüllen: "Ost-Deutsch-Land". Auch Marcel Fischer grölt mit im Chor. Der 23-Jährige aus Halle kommt aus einer Plattenbausiedlung und meint: "Was in den Tracks beschrieben wird, das ist mein Alltag, das ist der Osten."

Dissziplins Wut über das Hoffnungslose teilt Marcel nur zum Teil, denn eigentlich findet er den Ostruck in den Texten traurig. "Fast 20 Jahre nach der Deutschen Einheit betont man so eher die Unterschiede anstatt die Gemeinsamkeiten." Die rappende Radiomoderatorin Pyranja meint gar: "Das ist mir zu wenig, nur das Schlechte kritisieren und keine Lösung vorschlagen." Aber muss Musik das?

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