Hitlers V2-"Wunderwaffe" Raketenbauer der Nazis ist Namenspate einer Schule

Er war beteiligt am Bau der V2-Rakete, nun trägt eine Schule seinen Namen: Klaus Riedel. Das sächsische Bernstadt feiert den "Raketenpionier", Kritiker sehen ihn als mitverantwortlich für den Tod von über 30.000 Menschen. Kann ein Waffenentwickler Vorbild für Schüler sein?

Von Alexandra Sillgitt und


Bernstadt auf dem Eigen - Die Bernstädter halten große Stücke auf Klaus Riedel. Auf einer Anhöhe südlich der Stadt machte sich der Raketenkonstrukteur im Sommer 1930 für die Einwohner unvergesslich: Mehr als 100 Brennversuche mit einer Flüssiggasrakete startete er hinter dem Haus seiner Großmutter. In gemeinsamen Experimenten mit Hermann Oberth und Wernher von Braun legte Riedel den Grundstein für die "Aggregat 4", besser bekannt unter dem Namen, den ihr der Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels gab: "Vergeltungswaffe 2" (V2). Sie gilt als Vorreiter der zivilen Weltraumträgerraketen - und aller militärischer Langstreckenwaffen.

Die Bewunderung vieler Bernstädter für Klaus Riedel ist bis heute ungebrochen. 1993 ließen sie dem Raketenbauer ein Denkmal bauen - und benannten im September 2007 gar ihre Mittelschule nach ihm. "Drei Jahre lang hat sich die Schule um den Namen Klaus Riedel bemüht", sagte der Bernstädter Bürgermeister Gunter Lange SPIEGEL ONLINE. Aufgrund seiner Leistung und seiner Kreativität sei er auch der Stadt als Namenspatron geeignet erschienen. "Für uns gab es keine Widersprüche", so Lange.

Für Astrid Günther-Schmidt, Grünen-Abgeordnete im sächsischen Landtag, hingegen schon: "Vollkommen unkritisch und naiv" habe die Schule auf ihrer Homepage für den Namensgeber geworben. Kein Wort über die Opfer, kein Wort über die Folgen, kein Wort über die Bedingungen, unter denen die Rakete gebaut worden sei. Aufgrund der undifferenzierten Darstellung habe sie sich an das Kultusministerium gewendet. Bürgermeister Lange und das Ministerium hätten sich daraufhin auf eine modifizierte Version der Homepage geeinigt: Aus "Adolf Hitler hatte Gefallen an der Rakete gefunden und ließ sie in Massenproduktion anfertigen" wurde so "Hitler ließ sie in Massenproduktion anfertigen", mit dem Zusatz "Mit diesen Raketen wurden von Peenemünde aus Städte in England beschossen und viele unschuldige Menschen getötet". Allerdings wurden von der Heeresversuchsanstalt aus keine Raketen gegen London abgefeuert.

"Riedel wusste, wofür die Rakete eingesetzt wurde"

Bürgermeister Lange räumt ein, dass die Homepage der Schule anfangs zu unkritisch gewesen sei und nicht den richtigen Ton getroffen habe. Astrid Günther-Schmidt hält die Änderungen für unzureichend, sie plädiert für einen anderen Namenspatron. Doch der Bernstädter "Riedel-Kult" lasse derlei Überlegungen gar nicht erst zu, ebensowenig wie eine kritische und neutrale Auseinandersetzung mit ihm, sagte die Grünen-Abgeordnete SPIEGEL ONLINE.

Nach Auffassung des Riedel-Biografen Harald Tresp setzen sich die Bernstädter in aller Regel nur sehr oberflächlich mit der Person des Raketenforschers auseinander. Tresp zählt zu den Gründungsmitgliedern eines Vereins, der das Museum Peenemünde aufbaute. Er beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit Riedel, hat mit dessen Familie gesprochen und Quellen analysiert. Die Benennung der Schule nach Riedel hält Tresp für äußerst bedenklich: "Er war zwar kein Nazi, doch er wusste ganz klar, wofür die Rakete eingesetzt wurde."

Nach vielen Experimenten mit Vorläufermodellen wurde die V2 in der Peenemünder Heeresversuchsanstalt entwickelt. Nach Angaben des Historisch-Technischen Informationszentrums Peenemünde war der Auftrag für die Wissenschaftler und Techniker unmissverständlich: Die neue Waffe sollte eine Tonne Sprengstoff rund 300 Kilometer weit bringen. Klaus Riedel war dabei für die Einsatzvorbereitung der V2 zuständig. Außerdem arbeitete er an der Entwicklung von Triebwerken für eine militärische Interkontinentalrakete mit.

Rund 30.000 Todesopfer durch die V2

Die Nazis stilisierten die V2 zur deutschen Hoffnung auf den "Endsieg"; sie sollte den Widerstandswillen der britischen Bevölkerung brechen. Der erste erfolgreiche Start gelang im Herbst 1942, die V2 wurde bis kurz vor Kriegsende eingesetzt. An der Serienherstellung mussten Häftlinge des Konzentrationslagers Dora-Mittelbau mitarbeiten, eines der grausamsten Lager des Nazi-Reichs.

Rund 20.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene starben beim Bau der Versuchsanlagen in Peenemünde, der unterirdischen Raketenfabrik in Thüringen und bei der Waffenproduktion. Während des Zweiten Weltkrieges wurden Tausende V2-Raketen auf Städte in England, Frankreich, Belgien und Holland abgefeuert. Laut Bundeszentrale für politische Bildung kamen dabei etwa 12.000 Menschen ums Leben, vor allem in London und Antwerpen.

Kann der Mitentwickler von Hitlers vermeintlicher "Wunderwaffe" ein geeigneter Namenspatron für eine Schule sein? Für Kritiker wie die Grünen-Abgeordnete Günther-Schmidt waren die Raketenkonstrukteure um Klaus Riedel und Wernher von Braun, der sich später den US-Amerikanern andiente und bei der zivilen Raumfahrt mitwirkte, nichts als Waffenschmiede, die als Erfüllungsgehilfen der Nazis den Tod Tausender im Namen der Forschung billigend in Kauf nahmen.

Die Bernstädter ficht das nicht an. Sie preisen Klaus Riedel, der 1944 bei einem Autounfall starb, auf der Homepage der Stadt noch heute als "Raketenpionier", der maßgeblich daran beteiligt gewesen sei, den "Vorstoß des Menschen ins Weltall" einzuleiten. Bürgermeister Lange merkt man an, wie leid er die Diskussion ist. Für ihn ist klar: "Die ganze Stadt steht hinter Klaus Riedel als Namensgeber der Mittelschule."

Andere Schulen heißen nach Wernher von Braun

Zwei andere deutsche Schulen haben seit Jahrzehnten Wernher von Braun als mindestens ebenso problematischen Namensgeber, mussten sich mit dessen historischer Rolle auseinandersetzen und dokumentieren das auch auf ihren Homepages. So ist ein Gymnasium im bayerischen Friedberg seit 1979 nach Braun benannt; 1995 setzte sich damit ein Arbeitskreis der Schule auseinander und sprach sich am Ende "nach sorgfältiger Abwägung der in der Fachdiskussion vertretenen Positionen" einmütig für die Beibehaltung des Namens aus. Brauns "Anteil an der Entwicklung der Weltraumrakete und am Vorstoß in den Weltraum" habe eine "überragende wissenschaftlich-technische Leistung bedeutet, deren Ergebnisse heute nicht mehr wegzudenken sind". In den biographischen Daten betont die Schule, Braun sei 1944 von der Gestapo verhaftet worden und habe sich Ende 1944 "gegen einen Einsatz von KZ-Häftlingen gewehrt".

Damit macht die Friedberger Schule das Mitglied der NSDAP und der SS beinahe zum Widerstandskämpfer. Differenzierter und eindringlicher setzt sich mit seiner Rolle die Wernher-von-Braun-Schule im hessischen Neuhof auseinander. Als Wissenschaftler komme ihm zwar "auch heute noch Weltgeltung zu", schreibt die Gesamtschule auf ihrer Homepage. Er habe aber "anscheinend kein Problem darin gesehen, sich mit den nationalsozialistischen Machthabern zu arrangieren". In einem Eintrag vom November 2007 weist die Schule ausdrücklich auf die vielen tausend bei der V2-Produktion getöteten KZ-Insassen hin - und auf Belege, "dass Wernher von Braun im KZ Buchenwald war und dort selbst Häftlinge aussuchte".

Wegen der Verstrickung in das Nazi-Regime weise Brauns Karriere also "dunkle Seiten auf", schreibt die Schule und zitiert den Neffen Christoph von Braun: "Das 'Dritte Reich' bot ihm die Möglichkeit, seinen Traum zu verwirklichen. Das hatte etwas Faustisches - er verkaufte sozusagen seine Seele an das Böse. Aber vielleicht war ihm das gar nicht bewusst, oder er nahm es in Kauf." Vom Namensgeber trennen mochte sich aber die Neuhofer Gesamtschule bisher ebenfalls nicht - und dokumentiert auch durchaus mit Stolz, inklusive Foto- und Filmaufnahmen, einen Besuch Wernher von Brauns an der Schule 1975.



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