Hochbegabter Randaleschüler IQ 139, und keiner hat's gemerkt

David schlug Fenster ein, zertrümmerte ein Waschbecken, mobbte Mitschüler, piesackte Lehrer. Zweimal flog er von der Schule, hat immerhin den Hauptschulabschluss geschafft. Vor kurzem machte der 16-Jährige einen IQ-Test. Ergebnis: Der Junge ist hochbegabt.

Hochbegabter David: Zwei Schulverweise, 38 Tadel, IQ 139

Hochbegabter David: Zwei Schulverweise, 38 Tadel, IQ 139

Von


In der sechsten Klasse trieb David* "jugendlichen Schabernack", wie er es selbst nennt. "Wir haben unsere Lehrerin fast zum Heulen gebracht", schiebt er nach kurzem Überlegen hinterher, Schabernack klang ihm dann doch zu harmlos. In der siebten Klasse schlug er ein Fenster ein und zertrümmerte ein Waschbecken. "Früher habe ich gedacht: geile Aktion", sagt David stolz und zieht dabei einen Mundwinkel nach oben. Eigentlich denkt er das immer noch.

Wenn David, 16, von seiner Schullaufbahn erzählt, reiht sich eine "geile Aktion" an die andere. Er ist heute auf einer Berufsfachschule und kann dort 2012 seinen Realschulabschluss nachmachen. Er flog zweimal von der Schule, wurde von einem Mitschüler angezeigt, bekam 38 Tadel, die seine Mutter erreichen sollten, bei ihr aber nur selten ankamen. In seine rechte Wade hat er "St. Pauli" mit einem Zahnstocher eingeritzt, "nach einer Flasche Wodka neulich abends". Die Haut auf dem linken Unterarm hat er mit einer Rasierklinge aufgeschlitzt.

Ende November machte David einen IQ-Test. Ergebnis: 139 Punkte. David ist hochbegabt.

Er sitzt zu Hause am Esstisch, durch das Fenster sieht man eine Windmühle und den Elbdeich. Das Haus steht in einem Dorf nahe Hamburg, Kreis Pinneberg. Während David von weinenden Lehrern und zertrümmerten Waschbecken spricht, blickt seine Mutter auf eine Broschüre des Bundesbildungsministeriums: "Begabte Kinder finden und fördern". Im Kapitel "Was die Schule für begabte Schüler tun kann" heißt es: "Jedem Kind zur optimalen Entfaltung seiner individuellen Persönlichkeit zu verhelfen, ist der Auftrag des Staates an die Schule."

Allmählich entwickelte sich David zum Schulversager

Underachiever, Minderleister, nennen Bildungsforscher Kinder und Jugendliche wie David: Schüler, die ihre Begabung nicht entfalten können, die in puncto Leistungen, Wissenszuwachs und persönliche Entwicklung unter ihren Möglichkeiten bleiben. In Studien tauchen sie meist als Dunkelziffer auf - erkannt werden sie in deutschen Schulen selten.

David schloss die Grundschule mit einem Schnitt von 1,7 ab. Seine Lehrer empfahlen ihm und seiner Mutter die Realschule, obwohl er auch auf das Gymnasium hätte gehen können. Ein typischer Fall: Schätzen Lehrer die Lernvoraussetzungen eines Schülers als schlecht ein, raten sie auch bei guten Noten zur niederen Schulform. Und selbst wenn nicht, schicken Eltern, die selbst kein Abitur haben, ihre Kinder häufiger nicht aufs Gymnasium, trotz Empfehlung.

Im Sommer, bevor David auf die Realschule kam, trennten sich seine Eltern. Gleich in der fünften Klasse verschlechterten sich seine Noten, in der sechsten auch sein Verhalten. David begann, sich zum Schulversager zu entwickeln: In der achten Klasse drückte er Sekundenkleber auf den Stuhl der Klassenlehrerin, die setzte sich und kam nicht wieder hoch. Ein Klassiker, der nur für die lustig ist, die nicht vor 30 pubertierenden Jugendlichen einen Stuhl am Hintern kleben haben.

Eine Klassenkonferenz wurde einberufen, seine Mutter empfand sie als "Gerichtsverhandlung". David wurde für eine Woche von der Schule ausgeschlossen. Danach sammelte er weiter Tadel, wurde in den Trainingsraum geschickt, sollte sein Fehlverhalten reflektieren. Aufsicht hatte ein Lehrer, eine Stelle für einen Sozialarbeiter bekommt die Schule erst im nächsten Jahr. David sollte einsehen, dass er etwas falsch macht, dass er im Unrecht ist.

Nachdem er zehnmal in den Trainingsraum musste, wurde die nächste Klassenkonferenz einberufen.

Er schrieb einen Song über eine Mitschülerin: "Abgefuckte Crackbitch"

Die neunte Klasse musste er wiederholen und wurde von einem Mitschüler angezeigt: David habe ihm ein Messer an den Hals gehalten. Die Polizei kam in die Schule, befragte David, durchsuchte seine Sachen. Mittags am gleichen Tag stand sie vor dem Haus der Familie. Ein anderer Schüler hatte berichtet, David habe im Internet einen Amoklauf angekündigt. Der Stiefvater ist Jäger, im Haus steht ein Waffenschrank. Doch der war verschlossen, David sagt, er habe nicht gedroht.

Die Anzeige des Schülers wurde fallengelassen, doch diesmal gab es ernstere Konsequenzen als Tadel oder Sitzungen im Trainingsraum: David wurde von der Schule verwiesen, einen Tag vor dem Halbjahreszeugnis im Januar 2010. Er wechselte auf eine Realschule im Nachbarort.

"Ich saß schon eine lange Zeit immer zu Hause und habe ständig gefürchtet, dass der nächste Anruf aus der Schule kommt", sagt seine Mutter. Als David erst wenige Wochen auf der neuen Schule war, klingelte das Telefon. Er hatte zusammen mit Freunden im Musikunterricht einen Rapsong getextet, gewidmet einer Mitschülerin. Der Song handelt von einer "abgefuckten Crackbitch", einem "Schlammmonster". Ein Freund stellte das Video ins Internet, schrieb den Namen des Mädchens dazu und nannte David als Autor.

Warum dieses Lied, David? "Keine Ahnung, keiner konnte sie leiden."

Als David die neunte Klasse abschloss und den Hauptschulabschluss mit einem Notenschnitt von 1,3 in der Tasche hatte, flog er erneut von der Schule: Der Schulleiter empfahl ihm, dass er die zehnte Klasse auf einer anderen Schule verbringen solle. Darauf habe man sich geeinigt, friedlich, sagt der Rektor.

Drei Schulpsychologinnen für 33.525 Schüler

Als Kapitulation der Schule sieht er den Schritt nicht. "Die Klassen dürfen nicht an einem Schüler kaputtgehen." Es sei manchmal gut, wenn man "pädagogisch auf Reset drückt".

David wechselte auf die Berufsfachschule. Auch dort fiel er auf, drehte Zigaretten im Unterricht, störte die Lehrer. Doch an dieser Schule arbeitet eine Sozialarbeiterin. Die erinnert sich "an einen 16-Jährigen, der sich enorm reife Gedanken über Religion, über Werte und Normen macht".

Es ist richtig, dass sich David, der sich als Atheist bezeichnet, Gedanken über allerhand Dinge macht. "Moses war ein Crackraucher, der auf den Berg gestiegen ist, um Crack zu rauchen" ist so ein Satz, den er im Gespräch unvermittelt einstreut. Seine Stimme klingt immer bestimmt, Zweifel kommen nicht vor, er spricht in wohlformulierten Sätzen, verwendet häufig Fremdwörter - und hat dabei doch kaum etwas zu sagen. Es ist tragisch, aus wie wenig Wissen er schöpfen kann.

Vielleicht erhält David doch noch eine Chance

Die Sozialarbeiterin schickte David zur schulpsychologischen Beratungsstelle. Der Kreis Pinneberg beschäftigt dort Psychologinnen, genauer: drei Psychologinnen für 33.525 Schüler an allgemeinbildenden Schulen. David machte einen IQ-Test, seither weiß er, dass er hochbegabt ist.

"Lehrer versagen häufig beim Erkennen der Underachiever", sagt Detlef Rost, Psychologieprofessor an der Uni Marburg, der sich wie kaum ein anderer in Deutschland mit Hochbegabten beschäftigt hat. Er will den Lehrern das aber nicht vorwerfen. "Ihr Erziehungsauftrag wird immer größer, während die Ausbildung und die Rahmenbedingungen, unter denen sie arbeiten müssen, nicht besser werden." Es gebe auch unüberwindbare Grenzen: "Lehrer können nicht eine umfangreiche Ausbildung in Diagnostik durchlaufen wie Psychologen."

Was hat David gedacht, als er von seiner Begabung erfahren hat? "Haha an alle, die mich dumm genannt haben." Während er das sagt, blättert seine Mutter im Prospekt eines Internats für Hochbegabte. Die Schulpsychologin versucht nun, für die Mutter einen Weg zu finden, ein Internat zu finanzieren. Und sie hat David einen Psychologen in Hamburg empfohlen. Dort wird er eine Gesprächstherapie beginnen.

Es könnte sein, dass David doch noch eine Chance erhält.

* Name von der Redaktion geändert

insgesamt 506 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
857IJS 22.12.2010
1. Aha
Ja, hochbegat sozial geächtetes und abweichendes Verhalten zu zeigen. Wenn er zufällig nebenbei auch noch schlau sein sollte .... warum tut er es dann? Zwingt ihn seine Intelligenz zur Kriminalität?
mmueller60 22.12.2010
2. x
Der Under*ar*chiever ist wohl eher ein Under*a*chiever, das hat mit Archivierung nämlich nichts am Hut!
maconaut, 22.12.2010
3. Welchen Test?
Mich hätte jetzt doch mal interessiert, welchen IQ-Test (und nach welchem Verfahren) der Junge gemacht hat. Wurde der Test von Schulpsychologen durchgeführt? Welcher Test? Hat er ihn selbst auf TesteDeineSuperIntelligenz.de gemacht? Oder in einer Zeitschrift beim Friseur...?
keinzeitungsleser 22.12.2010
4. Good Will Hunting
Zitat von 857IJSJa, hochbegat sozial geächtetes und abweichendes Verhalten zu zeigen. Wenn er zufällig nebenbei auch noch schlau sein sollte .... warum tut er es dann? Zwingt ihn seine Intelligenz zur Kriminalität?
Mal angenommen Sein Alter hat ihn verprügelt solange er denken konnte und die Mutter gesoffen und einen Scheiß auf ihn gegeben. Hat er dann noch eine häßliche Warze und die Schüler hänseln, nütz alle Intelligens der Welt nix um sich 'sozial zu intergrieren' Klingt wie Sozialpädagogenggewschwätz, aber genauso läuft das eben.
multitox 22.12.2010
5. Drei Schulpsychologinnen für 33.525 Lehrer?
na der schreiber ist auch nicht der hellste. das soll wohl heissen Drei Schulpsychologinnen für 33.525 SCHÜLER! abgesehen vom underachiver.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.