Am Schulsystem verzweifelt "Ich wäre fast kaputtgegangen"

Mit dem ersten Schultag begann für Lea und Ben das Unglück. Die Geschwister kamen nicht klar im Unterricht, verzweifelten. Lea drohte auf dem Pausenhof mehrfach mit Selbstmord. Warum? Sie sind eben anders.

In fast jeder Klasse gibt es Kinder, die mit der Schule nicht klarkommen.
Getty Images/Blend Images

In fast jeder Klasse gibt es Kinder, die mit der Schule nicht klarkommen.

Von


Auf den ersten Blick wirkt Familie Schneider unkompliziert. Fürsorgliche, gebildete Eltern, freundliche, aufgeschlossene Kinder. Ben, 14, und Lea, 13. Im Wohnzimmer hängen Urlaubsfotos mit fröhlichen Gesichtern. Was man darauf nicht sieht: Wie sehr die Familie gelitten hat, immer dann wenn keine Ferien waren. Ihren richtigen Namen möchten sie deshalb lieber nicht nennen.

"Ich wäre an der Schule fast kaputtgegangen", sagt Ben. Er war lange depressiv. Lea hatte in der Schule oft Kopfweh, fühlte sich schlecht. Als Achtjährige drohte sie auf dem Schulhof mehrfach damit, sich umzubringen. Warum die Schule für die beiden so schlimm war, ist schwer zu erklären. Die Kinder sagen, sie seien "irgendwie anders" oder "schon besonders", genauer können sie es nicht beschreiben.

Gescheitert, am ersten Schultag

Schon der erste Schultag war für Ben ein Desaster. "Die erste Hausaufgabe hieß: Male deine Familie", erinnert er sich. Klingt harmlos. Aber Ben mühte sich stundenlang ab, zerknüllte ein Papier nach dem anderen. "Ich wollte, dass man unsere Familie wiedererkennt", sagt er. "Aber natürlich wären Strichmännchen okay gewesen."

Ben litt auch darunter, dass sein Tag von morgens bis nachmittags durchgeplant war. Fremdbestimmt. "Man durfte sich nicht einmal das Essen selbst auffüllen", sagt er. Nachmittags weigerte er sich, Hausaufgaben zu machen. "Vielleicht waren sie zu schwer", glaubt er. Aber kann das stimmen?

Ben konnte lesen, noch bevor er eingeschult wurde, und häufte Fachwissen an: über Fische, Dinosaurier, die Römer. Aber in der Schule kam er in einigen Fächern schlecht mit und war unglücklich. Am Gymnasium war Ben wegen seines "Andersseins" bei Mitschülern schnell unten durch. Er wurde ein Jahr gemobbt - und litt massiv.

Diese Skulptur stellte Lea in der Grundschule her.
Privat

Diese Skulptur stellte Lea in der Grundschule her.

Lea geriet oft mit Lehrern aneinander, zum Beispiel als sie in der 4. Klasse ein Referat über das Tagebuch der Anne Frank halten wollte. "Ich durfte nicht. Das Buch sei zu schwer für mich." Lea ärgert sich heute noch darüber. "Unser Thema war Haustiere, ich sollte Katzen nehmen." Aber Lea setzte sich durch und hielt zwei Referate.

"Sie nimmt sich ein Projekt vor und will alles perfekt machen, vorher gibt sie keine Ruhe", erzählt Leas Mutter, Iris Schneider. Das Kind stecke voller Ideen und habe einen eigenen Kopf. "Wie Pippi Langstrumpf." Und genauso fehlbesetzt in der Schule. Lea litt, wenn sie Aufgaben bearbeiten sollte, in denen sie "keinen Sinn sah", oder vor der Klasse gemaßregelt wurde.

So schob sie Frust - und ließ ihn raus, bis hin zu offenen Machtkämpfen. In der Grundschule stellte sie Lehrer mit spitzen Bemerkungen bloß, am Gymnasium weigerte sie sich mal im Sportunterricht aufzuräumen, selbst als die Lehrerin sie am Arm durch die Halle zog. Später erhielt Lea zwei "schriftliche Missbilligungen", etwa weil sie einer Schülerin auf die Nase geschlagen haben soll.

Wie die betroffenen Lehrer die Probleme sehen, ist schwer herauszufinden. An dem Gymnasium will man sich zu einzelnen Schülern aus Datenschutzgründen nicht äußern. Nur allgemein: "Für einige Eltern steht die Individualität ihres Kindes stark im Vordergrund, Lehrer erziehen aber eine Gruppe. Daraus entzünden sich Konflikte", sagt der Schulleiter. Sprich: Kinder müssen sich anpassen - aus Rücksicht auf andere.

"Einige Eltern stellen sich heute sehr schützend vor ihre Kinder. Das ist an sich richtig, Lehrer machen auch mal Fehler", sagt der Schulleiter. "Aber wenn ich früher Ärger hatte, fragte mein Vater mich: 'Wo war dein Anteil?' Diese Frage stellen einige Eltern heute nicht mehr mit der notwendigen kritischen Distanz zu ihrem Kind." Die Kinder müssen demnach selten Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen.

Macht und Gehorsam

Schneiders dagegen haben die Missbilligungen nicht unterschrieben, weil sie glaubten: "Die wollten Lea vom Gymnasium haben." Ihr Vertrauen in Schulen insgesamt war damals schon angeknackst. Einige Lehrer hätten sich sehr um ihre Kinder bemüht, anderen dagegen sei es "nur um Macht und Gehorsam" gegangen, sagen Schneiders. Sie waren immer wieder zum Gespräch zitiert worden, bei diversen Fachleuten gewesen und hatten sich anhören müssen: Sie hätten in der Erziehung versagt.

"Das ist verletzend", sagt die Mutter. "Und natürlich haben wir uns gefragt: Was haben wir falsch gemacht?" "Ich habe anfangs gedacht, wir müssen mehr Druck ausüben, Grenzen setzen", sagt der Vater, Ulf Schneider. "Aber das hat nicht geklappt." Auch die Mutter sieht das Verhalten ihrer Kinder kritisch. "Aber ich wollte wissen: Warum verhalten sie sich so?"

Vor zwei Jahren ergab ein Test, dass die Kinder in Teilbereichen überdurchschnittlich intelligent sind. War das die Erklärung für die Probleme? "Es gibt viele hochbegabte Kinder, die in einer 'normalen' Schule bestens zurechtkommen, auch sozial", sagt der Leipziger Kinderpsychiater Kai von Klitzing. "Für einige gilt das aber nicht."

Schneiders meldeten Ben und Lea deshalb in einer Privatschule an, die sich um sogenannte Minderleister bemüht: Schüler, die schlau sind, aber schulisch gescheitert.

SPIEGEL ONLINE

"Hochbegabte Kinder hinterfragen viel, das kann anstrengend sein", sagt die Geschäftsführerin der Schule, Gabriele Hartl. "Die werden kratzbürstig, wenn sie das Gefühl haben, von außen bestimmt zu werden." Die Schule will darauf Rücksicht nehmen - mit kleinen Klassen und viel Toleranz.

Ben und Lea nehmen dafür jeden Tag zwei Stunden Busfahrt auf sich. Ihren Eltern ist die Sache 500 Euro Schulgeld pro Monat wert.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.