Am deutschen Schulsystem verzweifelt Letzter Ausweg Finnland

Antti ist hochsensibel - und weil der Zehnjährige an mehreren deutschen Schulen gescheitert ist, pendelt er inzwischen zum Unterricht nach Finnland. Jetzt läuft es für ihn viel besser.

Junge in Helsinki, Finnland (Symbolbild)
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Junge in Helsinki, Finnland (Symbolbild)

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Immer, wenn Lehrerin Iris Heikkinen nicht arbeiten muss, wenn also Ferien in Norddeutschland sind, fährt sie mit ihren Kindern in einen kleinen Ort im Westen von Finnland. Dort gehen Sohn Antti und Tochter Kira in die Schule, obwohl die Familie eigentlich in Norddeutschland lebt. Seit zwei Jahren geht das nun schon so.

Die Heikkinens, ein finnisch-deutsches Ehepaar, heißen eigentlich anders, aber sie wollen aus beruflichen Gründen anonym bleiben. Sie haben sich ihr eigenes Schulsystem zurechtgezimmert, das aus viel Pendelei und Organisation besteht. Sie schicken ihre Kinder in Finnland zum Unterricht, weil sie genug von deutschen Schulen haben.

In Finnland können Antti und Kira in die Schule gehen, weil sie die doppelte Staatsbürgerschaft besitzen und sich die Ferien in dem Land mit denen in Deutschland fast nie überschneiden. So nimmt Antti über das Jahr verteilt an der Hälfte des Unterrichts in Finnland teil. Den Rest der Zeit lebt die Familie in Deutschland. Jeden Sonntag erhält er dann wie seine Schwestern auch Aufgaben von seinen finnischen Lehrern. Zwei bis drei Mal die Woche telefonieren sie miteinander.

Jeden Sonntag gibt es Aufgaben der finnischen Lehrer

Vom deutschen Schulsystem sind die Heikkinens enttäuscht. Es sei ungeeignet für besondere Kinder wie Antti. Er ist Experten zufolge hochsensibel. "Er nimmt die Welt anders wahr als viele Kinder in seinem Alter und reagiert besonders stark auf das, was um ihn herum geschieht", sagt die Mutter. "Ist es ihm zu chaotisch oder zu laut, ist er schnell überfordert. Er braucht eine Welt, die herzlich ist, in der es Gerechtigkeit und Wärme gibt und Struktur."

So eine Welt hofften die Eltern eigentlich in einer kleinen Grundschule zu finden: 22 Kinder pro Klasse. Doch einige Monate nach der Einschulung stellen sie fest, dass ihr Sohn nicht mit dem besonderen Lernkonzept dort zurechtkommt.

Verkehrsschild in Finnland
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Verkehrsschild in Finnland

"Die Kinder mussten sich selbst organisieren. Sie konnten entscheiden, wann und wo sie welches Fach lernen. Aber wie soll ein Sechsjähriger wissen, was wichtig ist und was nicht?" Antti sei damit völlig überfordert gewesen, sagt Iris Heikkinen. Er habe nichts auf der Schule gelernt. Die Lehrer hätten ihnen schließlich einen Schulwechsel vorgeschlagen.

"Ihr Sohn muss sich wehren"

Also ein neuer Versuch, auf einer Waldorfschule: Dort läuft es zunächst gut. Ein älterer Lehrer habe die Kinder gut im Griff gehabt. Doch dann übernimmt eine neue Lehrerin die Klasse. Sie sei "völlig überfordert" gewesen, sagen Heikkinens. Die Schüler machen demnach dauernd Krach, rennen über Tische und Bänke - und ärgern Antti, weil er "anders" sei.

Nach zwei Monaten schubsen sie ihn von der Schaukel und ziehen ihn durch den Sand. Nach vier Monaten packen ihn drei Jungen und halten ihn fest. Einer schlägt ihm einen Zahn aus dem Mund. Die Lehrer hätten ihr geraten, Antti solle sich wehren, sagt die Mutter. Aber gerade das kann ihr Sohn nicht. Er schlägt nicht zurück, will er auch nicht.

Die Eltern sind wütend. Als niemand für den herausgeschlagenen Zahn Verantwortung übernehmen will, gehen sie zur Polizei und bitten um Rat. Die Beamten empfehlen der Familie eine Anzeige, so erzählen es die Heikkinens.

Doch damit bringen sie Lehrer und andere Eltern gegen sich auf. Die Schule habe ihnen nahegelegt, Antti woanders anzumelden. "In dem Moment habe ich die Welt nicht mehr verstanden", sagt Vater Keijo Heikkinen. Aus Sicht der Eltern ist es schon die zweite Schule, die Antti nicht mehr haben will.

"Wir wollten einfach nur Ruhe"

Es ist schwierig herauszufinden, wie die betroffenen Schulen die Sache sehen. Die Eltern wollen nicht, dass dort jemand nachfragt, weil sie Konsequenzen fürchten. Schulen äußern sich außerdem aus Datenschutzgründen nicht über einzelne Fälle. Allgemein heißt es von der Grundschule nur, dass es hin und wieder sozial und emotional auffällige Kinder gebe, die nicht mit dem Konzept klarkämen. Ein Schulwechsel mache aber selten Sinn, weil es woanders auch nicht anders sei.

An der Waldorfschule gebe es viele Quereinsteiger, die an anderen Schulen gescheitert seien, sagt eine Sonderpädagogin. "Einige integrieren sich gut, andere sind auch bei uns in Gruppen mit 30 Kindern sozial überfordert." Wie gut es laufe, hänge auch vom Lehrer ab.

Anttis Eltern suchen, aber sie finden keine neue Schule für ihren Sohn, von der sie glauben, dass er dort gut aufgehoben ist. "An vielen Schulen ist es einfach zu laut für ihn", sagt die Mutter. Die Schulleiter hätten vorgeschlagen, er solle Kopfhörer aufsetzen. Doch das wollen die Eltern nicht, weil ihnen Hals-Nasen-Ohren-Ärzte davon abraten.

"Vom ersten Tag an war alles anders"

Grundschüler in Finnland (Symbolbild)
AFP

Grundschüler in Finnland (Symbolbild)

Schließlich kommt den Eltern das finnische Schulsystem in den Sinn, das von so vielen Seiten gelobt wird und das Ferienhaus, das sie in einem Ort im Westen des Landes haben. Dort melden sie Antti schließlich an. "Vom ersten Tag an war alles anders", sagt die Mutter. Die Lehrerin habe Antti gleich in den Arm genommen und ihm gesagt, er sei ein ganz toller Junge. Später habe sie ihm Mut gemacht, als er noch nicht so gut Finnisch konnte. "Sie behandelt ihn mit Respekt und Würde ", sagt die Mutter.

So viel Verständnis für Kinder wie Antti hätte Iris Heikkinen sich auch von Schulen und Lehrern in Deutschland gewünscht. "Hochsensible Kinder fallen hier durchs Netz", glaubt sie, "auch weil die meisten zu wenig darüber wissen."

Antti gefällt es nun an der finnischen Schule: "Wenn man in Deutschland Ärger macht, interessiert das keinen. In Finnland wird so etwas bestraft, zum Beispiel wenn man mit einem Stock nach anderen wirft." Ein Leben in zwei Ländern, Freunde in zwei Ländern, für die Familie ein ständiges Hin und Her und das ist der Preis, den Heikkinens für die Bildung ihres Sohnes zahlen. Sie sagen, das sei es ihnen wert.

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