Hoffnung auf bessere Bildung Boom der Privatschulen

Eine stark steigende Nachfrage melden die deutschen Privatschulen. Nach der Pisa-Misere sind offenbar Schulen beliebt, die Werte vermitteln, eine gewisse Geborgenheit und ein gutes Klima bieten. Dafür müssen die Eltern allerdings tief in die Tasche greifen.


München - Manche Privatschule kann sich in diesen Tagen vor Anfragen kaum retten. "Die Zahl der Interessenten wächst rasant", berichtet Günther Reiter, Leiter der Münchner Maria-Ward-Schulen. "Dieses Jahr erreichen wir einen neuen Höhepunkt." Darüber freut sich Reiter nur teilweise, denn die Zahl der Anmeldungen übersteigt bei weitem die Zahl verfügbarer Plätze. "Wir müssen viele Schülerinnen ablehnen. Das ist auch eine große Belastung", erklärt der Chef der Mädchenschulen, die vom Orden Englische Fräulein getragen werden.

Privatschule (in Oberursel): Enormer Andrang
DPA

Privatschule (in Oberursel): Enormer Andrang

Auch viele andere Privatschulen, etwa das Obermenzinger Gymnasium und das Privatgymnasium Überreiter in München, berichten von einer ständig wachsenden Zahl von Anfragen und Anmeldungen. Dies entspricht einer allgemeinen Tendenz, wie der Bundesverband deutscher Privatschulen in Frankfurt erklärt: "Die Zahl der Ablehnungen hat sich in den letzten Jahren erhöht, weil nicht genügend Plätze da sind", sagt Sprecher Bernhard Marohn.

Dabei ist die Zahl der Privatschulen in Deutschland in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen: Nach Angaben des Statistischen Bundesamts erhöhte sich die Zahl allgemein bildender Privatschulen von rund 2000 im Jahr 1992 auf 2500 im Jahr 2002. Damit wuchs der Anteil der Privatschulen in diesem Zeitraum von 4,5 Prozent auf 6,2 Prozent.

Privatschüler lagen bei Pisa vorn

Experten führen verschiedene Gründe für die starke Nachfrage an. So sieht das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) die Pisa-Studie als Hauptursache. "Inzwischen dürfte sich herumgesprochen haben, dass Privatschüler bei Pisa deutlich besser abgeschnitten haben", sagt IW-Bildungsforscher Hans-Peter Klös. So lag bei der Pisa-Studie 2000 der Mittelwert der Schüler an öffentlichen Schulen auf der Gesamtskala Lesekompetenz bei 481 Punkten. Die Schüler an Privatschulen erzielten Klös zufolge durchschnittlich 563 Punkte.

Privatschulen seien einem stärkeren Wettbewerb ausgesetzt und hätten mehr Eigenverantwortung, erklärt Klös das bessere Abschneiden. "Bei uns wird in der Regel intensiver gearbeitet", sagt Ernst von Borries, Chef des Obermenzinger Gymnasiums. So lege die Schule etwa besonderen Wert auf Hausaufgabendidaktik. Marohn nennt neben Pisa auch weltanschauliche Gründe für den Zulauf an privaten Schulen: "Für viele Eltern spielt die Werteorientierung der Privatschulen eine immer größerer Rolle." Schließlich sei der Großteil der Privatschulen in kirchlicher Hand. Das bestätigt Reiter: "Viele Eltern suchen eine Schule, die eine gewisse Geborgenheit bietet und Werte vermittelt."

Eltern lassen sich den Platz etwas kosten

Auch das bayerische Kultusministerium sieht vor allem die weltanschauliche Orientierung vieler Privatschulen als Ursache für das starke Interesse. "Seit Pisa sind Bildung und Erziehung stärker in den Mittelpunkt gerückt", sagt Sprecher Peter Brendel. Eltern achteten stärker auf die Ausrichtung der Schulen und entschieden sich daher öfter etwa für kirchliche oder Montessori-Schulen. "Es gibt kein Konkurrenzverhältnis zwischen staatlichen und privaten Schulen", betont er.

Daneben ist für viele Eltern aber auch die Ganztagsbetreuung ein starkes Argument für eine Privatschule. "Das hatte vor allem in der Vergangenheit Bedeutung", sagt Marohn, "inzwischen holen die staatlichen Schulen hier auf." Daneben könnten Berichte über Gewalt an Schulen Eltern verunsichert haben. So etwas könne man nie verhindern, erklärt der Verbandssprecher - "aber wenn das Kollegium an einem Strang zieht, kann man deutlicher reagieren." Generell gelte für die Privaten nämlich, dass das Lehrerkollegium "nicht zufällig zusammen gewürfelt" sei und daher auch einvernehmlicher handeln könne.

Der Geschäftsführer des Münchner Lehrinstituts Derksen, Jan Derksen, erklärt den Boom an Privatschulen mit der Wirtschaftskrise: "In Krisenzeiten, die mit hoher Arbeitslosigkeit einher gehen, wächst generell das Bewusstsein, dass Bildung etwas wert ist." In der Tat greifen viele Eltern für diese Erkenntnis tief in die Tasche. So kostet ein Platz bei Derksen regulär 550 Euro pro Monat. Ein solcher Preis ist keine Ausnahme: Am Obermenzinger Gymnasium beträgt das Schulgeld für einen Halbtagsplatz 473 Euro, für einen Ganztagsplatz 617 Euro.

Von Angela Stoll, AP



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