Homeschooling Bibel-Lehre statt Sexualkunde

In Deutschland können es sich Eltern nicht aussuchen, ob sie ihre Kinder zur Schule schicken oder selbst unterrichten - in den USA schon. Die Freunde des sogenannten Homeschooling sehen in Europa noch viel Missionsbedarf. Ihr Cheflobbyist heißt Bryan Ray, ein ehemaliger Lehrer aus Oregon.

Von Volker ter Haseborg, Washington


Verwerfliche Lehrinhalte? Bio-Unterricht an einem deutschen Gymnasium
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Noch vor 15 Jahren wurde Brian Ray für seine Studien von seinen Landsleuten ausgelacht. "Leute, die ihre Kinder zu Hause selbst unterrichten wollen, galten als verrückte Außenseiter der Gesellschaft", sagt er. Heute ist Brian Ray Vertreter einer Bewegung, die in den USA immer mehr Eltern erfasst.

Das Erziehungsministerium geht von 1,1 Millionen Kindern aus, die zu Hause von ihren Eltern unterrichtet werden. Ray spricht aber von bis zu 2,2 Millionen Homeschoolern, deren Zahl zudem jedes Jahr um zehn Prozent wachse. Demgegenüber stehen laut dem US Census Bureau insgesamt 48 Millionen Kinder, die in den USA öffentliche Schulen besuchen.

Ray ist Direktor des National Home Education Research Institute in Salem (Oregon). Wohl kaum ein Wissenschaftler hat sich weltweit so eingehend mit dem Homeschooling-Konzept beschäftigt wie er. Gleichzeitig ist Ray Cheflobbyist der Bewegung. Er war selbst einige Jahre lang Lehrer an öffentlichen und privaten Schulen, hat zuvor Zoologie, Biologie und Erziehungswissenschaften studiert.

"Die Verantwortung für die Bildung der Kinder liegt bei den Eltern, nicht beim Staat", so meint er durch seine Studien bewiesen zu haben. Und: "Wenn Leute den Staat zu sehr in der Verantwortung für Bildung sehen, geht das in Richtung Tyrannei und Indoktrination."

"Gefahr für die Gesellschaft"

Die Kritiker der Homeschooling-Bewegung sind da völlig anderer Meinung. Sie halten es für verhängnisvoll, wenn nicht dafür ausgebildete Eltern ihren Kindern Rechnen, Lesen und Schreiben beibringen. Die Professoren Rob Reich und Michael Apple von den Universitäten Wisconsin und Stanford bezeichnen Homeschooling sogar als "Gefahr für die Gesellschaft".

Cheflobbyist für Heim-Unterricht: Brian Ray

Cheflobbyist für Heim-Unterricht: Brian Ray

Die "National Education Association" (NEA), die größte Lehrervereinigung des Landes, verabschiedete auf einer Tagung eine Erklärung, wonach "Homeschooling-Programme dem Schüler keine umfassende Bildung vermitteln" können. Ray bestreitet die Argumentation der NEA, Homeschooling-Kinder seien sozial isoliert und desinteressiert an ihrer Umwelt: "Meine Studie hat genau das Gegenteil erwiesen."

Homeschooling hat in den USA eine lange Tradition. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Kinder überwiegend zu Hause unterrichtet. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verschwand der Heimunterricht jedoch völlig. Es setzte sich die Auffassung durch, dass Kinder auf staatliche Schulen gehen sollten, die durch Steuergelder finanziert werden. Erst in den späten siebziger Jahren wurde das Homeschooling wiederentdeckt.

Mitte der achtziger Jahre begann Brian Ray, Daten zur Vermarktung des Homeschooling-Konzepts zu sammeln. In seiner letzten Studie aus dem Jahr 2004 befragte er über 3000 Erwachsene im Alter von 18 bis 24 Jahren. Sein Ergebnis: Heranwachsende, die ihr Wissen im elterlichen Wohnzimmer erwarben, schafften später höhere Bildungsabschlüsse als Abgänger staatlicher Schulen.

Bessere Bildungschancen für Heim-Schüler?

So besuche die Hälfte der Homeschooling-Kinder ein College, gegenüber nur 34 Prozent ihrer Altersgenossen aus den öffentlichen Schulen. Acht Prozent der Wohnzimmer-Schüler könnten darüber hinaus noch einen Master-Abschluss vorweisen, hingegen nur drei Prozent der Schüler aus den öffentlichen Klassenzimmern. Kinder, die von ihren Eltern unterrichtet wurden, seien auch politisch aktiver, wissensdurstiger und sozial aufgeschlossener - so jedenfalls liest es Ray aus seinen Erhebungen.

Im Clinch mit den Behörden: Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme"
DPA

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Aus Rays Institut werden Broschüren für Eltern und Lehrer in alle Welt verschickt, oft geht er als Missionar auf Reisen und hält Vorträge. Der Werbefeldzug der Homeschooling-Fans hat Erfolg: Die Ablehnung der US-Öffentlichkeit gegenüber Homeschooling sank von 73 Prozent im Jahr 1985 auf 57 Prozent heute. "Jeder Amerikaner kennt mindestens einen Menschen, der zu Hause unterrichtet wird", so Ray.

Die Gesetze in einigen amerikanischen Bundesstaaten begünstigen den Heim-Unterricht, allerdings räumen die Staaten lehrenden Eltern unterschiedliche Freiheiten ein. In Oklahoma, Idaho und Illinois zum Beispiel müssen Eltern ihre Kinder noch nicht einmal von der Staats-Schule abmelden - allein ihr Gewissen soll ihnen einhauchen, wie sie den Heim-Unterricht gestalten wollen. In Massachussetts, Pennsylvania und New York dagegen bestehen die Behörden auf Anträge zum Homeschooling und auf allgemeingültige Tests, die alle Kinder in regelmäßigen Abständen ablegen müssen.

Allein dem Gewissen verpflichtet

Deutschland hat eine völlig andere Tradition: Die allgemeine Schulpflicht - in Preußen bereits vor fast 300 Jahren eingeführt - gilt für alle Kinder ab dem sechsten Lebensjahr. Eltern, die mit den Lehrinhalten nicht einverstanden sind, können allenfalls eine Privatschule gründen; die staatlichen Auflagen dafür sind recht streng. Wer seine Kinder einfach zu Hause unterrichtet macht sich strafbar.

Deutsche Gerichte haben immer wieder entschieden, dass die Schulpflicht höher zu bewerten sei als etwa die Glaubensfreiheit, beispielsweise im Fall der hessischen Großfamilie Bauer. Nach Ansicht der Behörden bedeutet die Schulpflicht auch ein Kinderrecht - nämlich zum Beispiel das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit: Die Kinder sollen nicht nur alle Chancen für die Ausbildung oder den späteren Beruf bekommen, sondern sich auch in der Schule mit anderen Werthaltungen auseinander setzen.

Konflikte gibt es häufig zwischen Staat und bibelfrommen Christen, die nicht wollen, dass ihre Kinder in der Schule mit der Evolutionstheorie und Sexualkunde in Kontakt kommen. So wanderten Angehörige der Sekte "Zwölf Stämme" hinter Gitter, weil sie ihre Kinder vom staatlichen Unterricht fern hielten. Nach Meinung der Hardliner lauern in der Schule Drogen, Alkohol und Sittenverfall. Zuletzt sorgten Paderborner Baptisten für Aufsehen, weil sie seit Monaten die staatlichen Schulen boykottieren.

Dennoch unterrichten auch anderswo viele Eltern heimlich Bibel-Lehre im eigenen Wohnzimmer, machen den Wald zum Klassenzimmer oder lassen ihre Kinder einfach zu Hause, wo sie nach ihrer Meinung von selbst das lernen, was sie zum Leben brauchen. Nach Angaben des Rechtshilfevereins "Schulunterricht zu Hause" werden in Deutschland trotz Schulpflicht 550 Kinder zu Hause unterrichtet. Amtliche Zahlen gibt es nicht. In Großbritannien, Dänemark, Österreich, Frankreich, der Schweiz und Finnland gilt dagegen nur eine Unterrichtspflicht, keine allgemeine Schulpflicht.

Brian Ray sieht in Europa noch viel Missionierungsbedarf. Gerade ist er von einer Rundreise durch Ungarn, Tschechien, Lettland und Deutschland zurückgekehrt. "Die deutsche Situation ist vergleichbar mit der in Amerika vor 20 Jahren", glaubt er. In Deutschland nehme der Staat die Entscheidung für sich Anspruch, was der beste Bildungsweg sei, kritisiert Ray. "Ich finde es alarmierend, dass deutsche Beamte meinen, den besten Bildungsweg für alle Deutschen zu kennen."

Großes Interesse habe er auch im Osten Europas registriert. In Lettland sei er sogar vom Bildungsminister empfangen worden, auch in Polen habe man sich sehr aufgeschlossen gezeigt. Von deutschen Behörden allerdings hat Ray bislang noch nichts gehört.



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