Homeschooling in Deutschland Familie klagt in Straßburg gegen Schulpflicht

Ist es ein Menschenrecht von Eltern, die Kinder selbst zu unterrichten? Diese Frage muss der Europäische Gerichtshof bald klären - weil eine Familie aus Hessen Klage eingereicht hat.

Dirk und Petra Wunderlich mit ihren Kindern
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Dirk und Petra Wunderlich mit ihren Kindern


"Wir hatten so ein schönes Familienleben", klagt Dirk Wunderlich. Doch dann mussten seine Kinder, heute zwischen elf und 17 Jahre alt, in die Schule. Die Polizei holte die Kinder ab, nachdem Wunderlich und seine Frau die Kinder zu Hause unterrichtet hatten und sich weigerten, sie auf eine öffentliche Schule zu schicken. Das schilderte der Vater heute auf einem Pressetermin in Straßburg.

Die streng religiöse Familie aus Ober-Ramstadt bei Darmstadt hält die Schulpflicht für eine "Freiheitsbeschränkung". Die Abholaktion der Polizei beschreibt Wunderlich als "furchteinflößend". Die Haustür sei mit einem Rammbock geöffnet, die Wohnung "gestürmt", die Eltern zur Seite gestoßen und die Kinder "weggezerrt" worden.

In Straßburg wird der Fall inzwischen vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt. Mit einem Urteil ist allerdings erst in ein paar Monaten zu rechnen (Beschwerde-Nr. 18925/15). Hier die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

  • Was ist die Schulpflicht?

Der deutsche Staat pocht darauf, dass jedes Kind eine öffentliche oder staatlich genehmigte private Schule besucht. Erstmals gab es diese Pflicht für ganz Deutschland mit der Weimarer Verfassung von 1919. In der Bundesrepublik ist sie in den Landesverfassungen geregelt und unterscheidet sich daher in Details. Sie gilt überwiegend für neun bis zehn Schulbesuchsjahre.

  • Ist das ein skurriler Einzelfall?

Die Kultusministerkonferenz schätzt, dass bundesweit 500 bis 1000 schulpflichtige Kinder zu Hause unterrichtet werden.

  • Wie ist die Rechtslage in Deutschland?

Ausnahmen von der Schulpflicht sind in Deutschland kaum möglich. Das Bundesverfassungsgericht hält das für gerechtfertigt. 2014 entschied es: Die Allgemeinheit habe ein berechtigtes Interesse daran, religiös oder weltanschaulich motivierte Parallelgesellschaften zu verhindern. Anders als im Heimunterricht könnten sich Kinder in der Schule nicht vor einem Dialog mit Andersdenkenden verschließen.

  • Wie sieht der Europäische Menschenrechtsgerichtshof das?

Genauso. In einer Entscheidung von 2006 heißt es klar: Es gibt kein Recht auf Heimunterricht. Zur Begründung schlossen sich die Straßburger Richter der Argumentation des Bundesverfassungsgerichts an. Außerdem könnten Eltern ihre Kinder auch nach der Schule entsprechend ihrer religiösen Überzeugungen erziehen.

  • Sind andere europäische Länder auch so streng?

Nein. Beim Homeschooling herrscht in Europa kein Konsens, stellte der Menschenrechtsgerichtshof fest. Familie Wunderlich wollte deshalb nach Frankreich auswandern, ein anderes Elternpaar brachte seine Kinder in ein österreichisches Dorf. Auch die Schweiz lässt hier mehr Spielraum.

  • Darf der Staat die Schulpflicht um jeden Preis durchsetzen?

Eltern, die ihre Kinder nicht in die Schule schicken, riskieren Bußgelder, Geld- oder sogar Freiheitsstrafen. Die Polizei kann die Kinder abholen und in die Schule bringen. Den Eltern kann das Sorgerecht entzogen werden. Was angemessen ist, hängt auch vom Kindeswohl ab.

  • Gibt es Kritik an dieser strengen Schulpflicht?

Ja, und die Debatte wird teils sehr scharf geführt. "Die Schulpflicht ist juristisch sogar falsch", sagt Juraprofessorin Frauke Brosius-Gersdorf. Statt an einem Alles-oder-nichts-Prinzip festzuhalten, müsse man fragen, ob Kinder nicht auch anders als durch den Schulbesuch in die Gesellschaft integriert werden könnten, etwa nachmittags im Sport- oder Musikverein.

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Zu Hause in die Schule: Ein Leben ohne Klassenkameraden

Ilka Hoffmann von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft warnt dagegen davor, die Schulpflicht aufzuweichen. "Das ist eine große demokratische Errungenschaft", sagt sie. Demnach wird demokratische Teilhabe erst durch ein Mindestbildungsniveau ermöglicht. "Häufig stecken hinter dem Wunsch nach Heimunterricht radikalreligiöse Gruppen. Es kann nicht im Interesse einer Demokratie sein, diesem Ansinnen nachzukommen." Außerdem müssten die Kinder vor solchen Sekten geschützt werden.

  • Wird Straßburg das deutsche Heimunterrichtsverbot kippen?

"Nein, wahrscheinlich nicht", sagt selbst Andreas Thonhauser, dessen Nichtregierungsorganisation Familie Wunderlich in Straßburg vertritt. "Wir hoffen aber, dass eine Diskussion darüber in Gang kommt, ob ein komplettes Verbot noch zeitgemäß ist."

Ein Sprecher der Kultusministerkonferenz hält eine Reform für unrealistisch: "Die Haltung ist klar. Es gibt eine Schulpflicht. Punkt."

Und selbst Dirk Wunderlich erwartet nicht, dass der Menschenrechtsgerichtshof Heimunterricht erlauben wird. Selbst eine vollständige Niederlage würde er gelassen hinnehmen, sagt er: "Unser Leben ist nicht mehr abhängig von der Entscheidung. Wir werden völlig in Ruhe gelassen vom Jugendamt."

mamk/dpa



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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frodosix 07.04.2017
1. Integration
---Zitat--- Statt an einem Alles-oder-nichts-Prinzip festzuhalten, müsse man fragen, ob Kinder nicht auch anders als durch den Schulbesuch in die Gesellschaft integriert werden könnten, etwa nachmittags im Sport- oder Musikverein. ---Zitatende--- Klar ist das auch eine Möglichkeit Kinder in die Gesellschaft zu integrieren. Nur wieso sollten streng religiöse Gruppen ihren Kindern erlauben solchen Vereinen beizutreten, wenn diese ihre Kinder nicht mal auf die Schule schicken wollen.
j.thaler 07.04.2017
2.
Äh, Hallo? "Ist es ein Menschenrecht von Eltern...". Wie sieht es mit den Menschenrechten der KINDER aus? Das sollte hier das Ausschlaggebende sein. Die Schulpflicht hat schon irgendwie einen Sinn (gehabt). Als sie eingeführt wurde, war es noch viel üblicher, dass die Kinder z.B. im elterlichen Betrieb einfach mitarbeiten und nie die Möglichkeit bekamen etwas anderes zu sehen und ihren Lebensweg freier zu gestalten als es nur den quasi geerbten gehen zu können. Und ob es den Schülern gut tut zu religiösen Fanatikern erzogen werden ist äußerst fraglich. Dass auf öffentlichen Schulen allerdings eine gewisse "staatliche Indoktrination" stattfindet und die Schüler eben nicht mit Meinungen Andersdenkender per se konfrontiert werden, sondern oft nur mit ausgewählten und sie daraufhin getrimmt werden diesen entsprechend wie gewünscht zu begegnen ist eine andere Sache. Nicht, dass ich die gewünschte Reaktion i.a. als falsch ansehe, aber zu einem frei denkenden Menschen wird man so auch nicht erzogen. Zur Selbständigkeit und Eigenverantwortung wir eher nicht erzogen, die Schüler stehen unter dem Regiment der Lehrer, dürfen nur wenig entscheiden sind aber auch für wenig verantwortlich. Vielleicht läuft sowas in alternativen Schulformen, etwa Montessori- oder Waldorf-Schulen, vielleicht auch bei manchen Home-Schoolern (nicht alle sind gleich irgendwelche Fanatiker) besser, in den Genuss bin ich nur leider nie gekommen und kann das daher nicht beurteilen. Insofern sollten Alternativen durchaus eine Stärkung erfahren.
juju1978 07.04.2017
3.
Schulpflicht ist Schulpflicht, wer dagegen verstößt, muss halt damit rechnen, dass die Kinder mit der Polizei geholt werden. Des weiteren denke ich, dass die Polizei nicht gleich beim ersten Versuch die Tür mit dem Rammbock geöffnet hat. Kinder benötigen den Kontakt zu anderen gleichaltrigen Kindern, die nicht unbedingt aus dem selben sozialen Umfeld kommen, wie sollen sie sonst lernen, dass es verschiedene Lebensentwürfe gibt und Toleranz lernen.
g_bec 07.04.2017
4. Wie?
Zitat von j.thalerÄh, Hallo? "Ist es ein Menschenrecht von Eltern...". Wie sieht es mit den Menschenrechten der KINDER aus? Das sollte hier das Ausschlaggebende sein. Die Schulpflicht hat schon irgendwie einen Sinn (gehabt). Als sie eingeführt wurde, war es noch viel üblicher, dass die Kinder z.B. im elterlichen Betrieb einfach mitarbeiten und nie die Möglichkeit bekamen etwas anderes zu sehen und ihren Lebensweg freier zu gestalten als es nur den quasi geerbten gehen zu können. Und ob es den Schülern gut tut zu religiösen Fanatikern erzogen werden ist äußerst fraglich. Dass auf öffentlichen Schulen allerdings eine gewisse "staatliche Indoktrination" stattfindet und die Schüler eben nicht mit Meinungen Andersdenkender per se konfrontiert werden, sondern oft nur mit ausgewählten und sie daraufhin getrimmt werden diesen entsprechend wie gewünscht zu begegnen ist eine andere Sache. Nicht, dass ich die gewünschte Reaktion i.a. als falsch ansehe, aber zu einem frei denkenden Menschen wird man so auch nicht erzogen. Zur Selbständigkeit und Eigenverantwortung wir eher nicht erzogen, die Schüler stehen unter dem Regiment der Lehrer, dürfen nur wenig entscheiden sind aber auch für wenig verantwortlich. Vielleicht läuft sowas in alternativen Schulformen, etwa Montessori- oder Waldorf-Schulen, vielleicht auch bei manchen Home-Schoolern (nicht alle sind gleich irgendwelche Fanatiker) besser, in den Genuss bin ich nur leider nie gekommen und kann das daher nicht beurteilen. Insofern sollten Alternativen durchaus eine Stärkung erfahren.
Könnten Sie und Ihre Brüder und Schwestern im Geiste dieses "staatliche Indoktrinieren" mal irgendwie erläutern? Seit wann ist die Vermittlung von Mathematik, Grundregeln der Sprache/n, der Naturgesetze, des Aufbaus des Landes, der Entwicklung der Menschheit etc. pp. "staatliche Indoktrination"? Weil keine hanebüchenen "alternativen" Theorien vermittelt werden? Oder weil es Sexualkunde gibt? Oder weil versucht wird, auf Anstand und Toleranz zu achten?
jschm 07.04.2017
5. Pflichten und Rechte
Die Schulpflicht ist eher die Pflicht der Eltern ihre Kinder in die Schule zu bringen. Dem steht nämlich das RECHT der Kinder auf Bildung gegenüber, das sonst nicht immer ausgeübt werden kann da die Eltern allgemeine Entscheidungsgewalt über ihre Kinder haben. Das ist genauso wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit.
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