Homeschooling in Hessen Gericht verurteilt Schulboykotteure zu Mini-Strafe

Auf dem Schulhof drohe die "Verführung zum Bösen", fürchtet eine streng religiöse Familie aus Hessen. Ihre neun Kinder wollen die fundamentalen Christen deswegen lieber zu Hause unterrichten. Ein Gericht verurteilte sie jetzt zu einer geringen Geldstrafe.

Schule? Nicht mit unseren Kindern, entschied eine streng gläubige Familie in Hessen
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Schule? Nicht mit unseren Kindern, entschied eine streng gläubige Familie in Hessen


Von öffentlichen Schulen halten Thomas S., 48, und seine Frau Marit, 45, nicht viel; genauer gesagt: eher nichts. Dort drohe die "Verführung zum Bösen", zitiert der "Hessische Rundfunk" (HR) den Familienvater. Den Sexualkundeunterricht prangert er als "schamlos" an, berichtet die "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" (HNA).

Kein Ort für die eigenen neun Kinder, finden die streng gläubigen Christen, nicht vereinbar mit den eigenen Werten. Deshalb behielten sie ihre Söhne und Töchter zu Hause und unterrichteten sie dort.

Jetzt verurteilte das Amtsgericht Fritzlar die Eltern wegen wiederholter Verstöße gegen das Hessische Schulgesetz. Der Vorwurf laut Staatsanwaltschaft Kassel: Die Eltern haben ihre Kinder wiederholt der Schulpflicht entzogen. Allerdings ging es in dem Verfahren nur um vier der neun Kinder, die anderen fünf sind entweder noch nicht oder nicht mehr im schulpflichtigen Alter.

Der Staat dulde keine Parallelgesellschaften, mahnt die Richterin

Da die Familie von sehr wenig Geld lebt, wie HR und HNA übereinstimmend berichten, fällt die Geldstrafe aber gering aus. Das Gericht verurteilte die Eltern demnach zur Zahlung von 40 Tagessätzen von je einem Euro, also insgesamt 40 Euro. Nach Berichten der HNA hatte die Staatsanwaltschaft ursprünglich 40 Tagessätze in Höhe von fünf Euro gefordert.

Der Verstoß gegen das Hessische Schulgesetz sei nun einmal eine Straftat, sagte die Richterin demnach, der Staat dulde keine Parallelgesellschaften. Der Vater will das Urteil nicht akzeptieren. Er kündigte den Berichten zufolge an, in Berufung zu gehen.

Hausunterricht, wie ihn einige bibeltreue Christen für richtig halten, ist überall in Deutschland untersagt - die Verfassungen der Bundesländer sehen eine allgemeine Schulpflicht vor. Österreich, Frankreich, Großbritannien und andere Staaten kennen dagegen nur eine Unterrichts- oder Bildungspflicht. In den USA gilt Homeschooling als klassisches Elternrecht. Ein bis zwei Millionen Kinder lernen Schätzungen zufolge bei den Eltern. Nicht immer sind die Gründe dafür religiös; einige Eltern kritisieren auch starre Lehrpläne und hohe Kosten für Privatschulen.

Besonders verbissen führen aber evangelikale Christen den Kampf für das Homeschooling. Sie wollen ihre Kinder von weltlichen Einflüssen fernhalten und versuchen, sie im Weltbild ihres streng ausgelegten Glaubens zu erziehen. So sorgte Anfang 2010 eine streng religiöse Homeschooling-Familie aus Baden-Württemberg für Aufsehen, weil sie in den USA um Asyl baten.

otr

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insgesamt 187 Beiträge
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derosa, 19.01.2011
1. Wenn man den Medienberichten
glauben kann, dann gibt es noch immer zahlreichen Rütli-Schulen. Das Elend des Lehrkörpers kann man bei Frau Sarrazin nachlesen. Die Politik bekommt es offenbar nicht in den Griff. Dann bleibt nur wegziehen, verweigern, auswandern oder aushalten, das letztere wollen die Grünen. Es ist schon nachvollziehbar, daß Schulboykotteure ihre Kinder schützen wollen, wenn es der Staat nicht macht. Oder die Kinder müssen lernen, sich selbst zu schützen. Das kann dann ein Kind als Lebensschule in einer Rütli-Schule lernen, oder untergehen. Meinen Kindern werde ich dieses Risiko nicht zumuten.
boeseHelene 19.01.2011
2. -
ich wette der Fall geht noch zum Europäischen Gerichtshof und dort bekommen die Eltern dann recht wegen Diskriminierung von Eltern die ihre Kindern zu Hause unterrichten möchten -.- Kinder von solchen religiösen Fundamentalisten können einem nur leid tun, die merken in ihrem Wahn nämlich leider nicht was sie ihren Kindern damit an tun, wenn sie ihnen die Zukunft so verbauen.
sic tacuisses 19.01.2011
3. Viel wichtiger ist diese Aussage:
Zitat von boeseHeleneich wette der Fall geht noch zum Europäischen Gerichtshof und dort bekommen die Eltern dann recht wegen Diskriminierung von Eltern die ihre Kindern zu Hause unterrichten möchten -.- Kinder von solchen religiösen Fundamentalisten können einem nur leid tun, die merken in ihrem Wahn nämlich leider nicht was sie ihren Kindern damit an tun, wenn sie ihnen die Zukunft so verbauen.
"Der Staat dulde keine Parallelgesellschaften, mahnt die Richterin." Da dies die schiere Lüge von einem Organ der Judikative ist, solte das alleine bereits als Revisionsgrund erfolgreich sein.
nebenjobber 19.01.2011
4. richtig so
allerdings dürften die 40€ kaum beeindrucken, auch nicht den hartz4-empfänger. ohne haftandrohung bei wiederholung juckt das keinen fundi. mir geht es nicht darum den willen 2er eltern zu brechen, sondern um die wahrung der chancen ihrer kinder in eben dieser von den eltern abgelehnten gesellschaft.
Gebetsmühle 19.01.2011
5. absolut ok
Zitat von boeseHeleneich wette der Fall geht noch zum Europäischen Gerichtshof und dort bekommen die Eltern dann recht wegen Diskriminierung von Eltern die ihre Kindern zu Hause unterrichten möchten -.- Kinder von solchen religiösen Fundamentalisten können einem nur leid tun, die merken in ihrem Wahn nämlich leider nicht was sie ihren Kindern damit an tun, wenn sie ihnen die Zukunft so verbauen.
mir tun sie nicht leid. es muss immer auch verlierer in der gesellschaft geben und dafür sind die kinder solcher religiösen fundis genau richtig. es hat schon seinen sinn, wenn pfarrer zeugungsverbot haben.
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