Patriotismus-Unterricht in Hongkong "Hat das Gehirn ein Problem, muss man es waschen"

Demonstrationen, wütende Proteste, Unterrichtsboykott - Schüler und Lehrer in Hongkong gehen auf die Barrikaden. Grund ist die geplante Einführung des Fachs "Moral und Nationale Erziehung" in der Sonderverwaltungszone. Die Bürger wittern Gängelung durch die roten Herrscher in Peking.

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Die Oberen der Volksrepublik China wollen es, Schüler in Hongkong lehnen es vehement ab: Das neue patriotische Schulfach "Moral und Nationale Erziehung". Zwei Tage vor Beginn des neuen Schuljahres haben in Hongkong erneut Tausende Eltern, Schüler und Lehrer gegen die Einführung des pro-chinesischen Unterrichtsstoffs demonstriert.

Am Samstag versammelten sich nach Veranstalterangaben rund 40.000 Demonstranten vor dem Regierungsgebäude in der chinesischen Sonderverwaltungszone. Die Polizei sprach von 8100 Teilnehmern. Für Montag ist ein Streik an allen Schulen in Hongkong geplant, von dem bis zu 340.000 Schüler betroffen sein könnten.

Damit steuert der schwelende Streit auf einen neuen Höhepunkt zu. Bereits im Juli hatte es mehrere Demos gegen die Einführung des Schulfachs gegeben, an der Tausende teilnahmen. Die Demonstranten trugen Plakate mit der Aufschrift "We don't need no thought control", ein Zitat aus einem Protestsong der Band Pink Floyd gegen die Beeinflussung von Schülern. Am Donnerstag waren außerdem drei Schüler in den Hungerstreik getreten.

Beide Seiten werfen sich "Gehirnwäsche" vor

Was die Hongkonger auf die Straßen treibt, ist der Plan, das patriotisch geimpfte Schulfach zur chinesischen Geschichte und Politik verpflichtend an Grund- und Sekundarschulen einzuführen. Starten soll es im Sommer 2013, bis spätestens 2016 soll es überall in Hongkongs öffentlichen Schulen unterrichtet werden.

Erster Auslöser für den Ärger war ein Textbuch mit dem Titel "Das China-Modell", das für die patriotischen Unterrichtseinheiten vorgesehen ist. Es erklärt unter anderem, wie die kommunistische Partei die Volksrepublik China effektiv und geeint in eine glückliche Zukunft führt. Als Vergleich zieht das Werk die USA heran. Deren Zwei-Parteien-System habe vor allem Stillstand und Streitigkeiten produziert. Auch zur Rede- und Versammlungsfreiheit hat das Buch eine Lesart, die den freiheitsliebenden Hongkongern nicht gefällt: Bürger sollten sich öffentlich nur "vorsichtig äußern".

"Das ist noch kruder, als manche Dinge, die man in chinesischen Schulbüchern findet", sagte Willy Wo-Lap Lam, Geschichtsprofessor an der Chinese University of Hong Kong einem Reporter des Nachrichtendienstes Bloomberg News. Seit Wochen macht unter anderem die Lehrergewerkschaft PTU erfolgreich Front gegen den Patriotismusunterricht. Der Hauptvorwurf der Gegner: Die Stadtverwaltung erfülle mit dem Fach den Plan Pekings, die Hongkonger Bevölkerung politisch auf zentralchinesische Linie zu zwingen und auf die kommunistische Obrigkeit einzuschwören.

"Probleme mit dem Gehirn"

Hongkong, bis 1997 britisches Kolonialgebiet, fiel vor 15 Jahren an China zurück. Seitdem versuchen die Bürger sich ihre Eigenständigkeit zu bewahren. Alles was nach Pekinger Einflussnahme aussieht, wird genau registriert. Entscheidungen wie die über das Patriotismus-Schulfach werden schnell zu einer Grundsatzfrage über die Zukunft Hongkongs. Die Stadt verfügt, anders als die Volksrepublik, über eine freie Presse und das Recht auf Versammlungsfreiheit. Das allgemeine Wahlrecht, das den Hongkongern versprochen wurde, will Peking ab 2017 gewähren.

Die "New York Times" zitierte Ende Juli einen Vertreter einer pro-chinesischen Hongkonger Bildungsvereinigung aus einer lokalen Zeitung mit den Worten: "Wenn es Probleme mit dem Gehirn gibt, muss man es waschen, genauso wie man schmutzige Kleidung oder eine kranke Niere waschen muss." Vor allem dieses Zitat hatte zu den ersten Protestkundgebungen geführt.

Für die chinesische Regierung kommt der Protest wohl überraschend, denn Erziehung im nationalen Sinn gehört in der ganzen Volksrepublik zum normalen Schulunterricht, der jeden Morgen mit Fahnenappell und Nationalhymne beginnt. Gegen die Hongkonger Proteste brachte Peking seine staatlichen Medien in Stellung.

Ein Kommentator in der staatlichen Zeitung "China Daily" erklärte, "einige wenige Mitglieder" der Lehrergewerkschaft PTU hätten mit Streik gedroht. Die Bevölkerung von Hongkong sehe das aber ganz anders. Der Schulboykott sei daher "völlig falsch und sollte von allen Hongkongern zurückgewiesen werden". Dem Aufruf folgte eine Aufzählung von Gründen, warum ein Boykott undemokratisch und gefährlich für das wirtschaftliche Wachstum und die Kinder sei.

Das Parteisprachrohr "Global Times" erklärte Anfang August, das Schulfach "Moral und Nationale Erziehung" sei notwendig. Wer dagegen protestiere, sei selbst ein Opfer westlicher Gehirnwäsche. Am Ende werde "China als Ganzes" der Gewinner der Proteste sein.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes stand, Hongkong sei bis 1997 unabhängig gewesen. Das war nicht richtig. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
snickerman 02.09.2012
1. Der Fisch
beginnt vom Kopf her zu stinken. In der chinesischen Führung steht eine umfassende Auswechslung an, da muss alles glatt über die Bühne gehn. Wenn die Leute zu viel selbstständig denken, könnten ihnen sonst die Parallelen zu "1984" auffallen, wo ständig die Geschichtsbücher umgeschrieben werden, wenn es den Mächtigen so gefällt. Gedankenverbrechen müssen bekämpft werden. Schon wer anfängt, selber zu denken, ist eine Gefahr für das System. In der herrschenden Klasse scheint vor allem Angst zu herrschen..
neu_ab 02.09.2012
2. Wir haben es da momentan auch nicht viel besser
Stichwort "EU". Die sind mindestens genauso lernresistent, autoritär, undemokratisch & rücksichtlos. Aber vielleicht war China ja insgeheim das Modell für die "EU"?
flieder2 02.09.2012
3. Ein Land - zwei Systeme....
Ich habe mich lange Zeit gefragt, wie China das realisieren will! Jetzt wird klar- HK soll sich einem diktatorischen Staat unterordnen. Schade!
newsfreak 02.09.2012
4. Alles Entscheidungen aus Unsicherheit heraus,
über den zukünftigen verlauf vieler Dinge in der Welt. Der Westen hat die Kunst der repressiven, manipulativen Gehirnwäsche auch drauf. Im Westen wirbt man mit der Freiheit, in China mit der Sicherheit! Beides enthebelt des jeweiligen Recht auf Freiheit, und somit wird man eher zu Feind als Freund, denn wer wird am Ende recht behalten und als Sieger hervor gehen?
biobanane 02.09.2012
5.
Zitat von neu_abStichwort "EU". Die sind mindestens genauso lernresistent, autoritär, undemokratisch & rücksichtlos. Aber vielleicht war China ja insgeheim das Modell für die "EU"?
Genau, die EU schreibt auch ein neues Schulfach vor, indem der Bürokratie gehuldigt wird, ach ne doch nicht. Haben Sie überhaupt den Bericht gelesen, oder wollen Sie nur ein populistische Statement zur EU los werden ob es passt oder nicht. Und nein, die EU ist kein undemokratisches Gebilde, sie besitzt ein frei gewähltes Parlament. Wahrscheinlich meinen Sie die Europäische Kommission, aber Genauigkeit ist ja nicht die Sache des Populismus.
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