Inklusion an einer deutschen Schule "Frau Hess kann das gar nicht schaffen"

Inklusion an Schulen kann dramatisch schiefgehen. Das zeigt der Dokumentarfilm "Ich.Du.Inklusion" auf eindringliche Weise. Die Kinder kommen zu kurz, ist das Fazit von Autor Thomas Binn.

ICH.DU.INKLUSION - Szenenbild
Thomas Binn / BINN-Medienprodukt

ICH.DU.INKLUSION - Szenenbild

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Herr Binn, Sie haben fast drei Jahre lang eine Grundschulklasse in dem kleinen Ort Uedem in Nordrhein-Westfalen begleitet, um zu zeigen, wie Inklusion abläuft. Warum gerade Uedem?

Binn: Ich habe mir bewusst eine Schule ausgesucht, die nicht in einem sozialen Brennpunkt liegt. Dann hätten am Ende alle Zuschauer gesagt: "Ist ja klar, dass Inklusion nicht klappt, weil es dort so viele Probleme gibt." Uedem ist "heile Welt". Hier kommen fast alle Kinder aus der bürgerlichen Mitte, alle sprechen Deutsch, die Lehrer sind erfahren, kompetent und engagiert, die meisten Eltern wollen Inklusion. Das Erschreckende ist: Trotzdem scheitert die Umsetzung. Inklusion ist unter diesen Bedingungen nicht machbar: Es fehlt an Personal, Räumen, Material, Zeit - an allem.

Zur Person
  • mindjazz pictures
    Thomas Binn, 47,ist diplomierter Sozialpädagoge. Seit 2003 arbeitet er zudem als Filmemacher und Fotograf - seit 2009 hauptberuflich. Kinder und Jugendliche spielen in seiner Arbeit eine große Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Das wird in der Debatte um Inklusion schon länger beklagt. Welche neue Erkenntnis liefert Ihr Film?

Binn: Normalerweise wird viel von außen über Inklusion diskutiert, aber der Unterricht läuft hinter geschlossenen Türen ab. Ich habe tiefe Einblicke bekommen, weil ich eine Klasse fast drei Jahre mit der Kamera begleiten durfte. Dabei habe ich neben Lehrern und Eltern vor allem auch Kinder zur Inklusion zu Wort kommen lassen. Die waren alle dafür, haben aber viel gesagt, was Bildungspolitiker erst einmal nicht wegdiskutieren können.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Binn: Mich hat sehr berührt, dass ein Kind über die Klassenlehrerin sagt: "Frau Hess, die will sich um alle kümmern, aber die kann das gar nicht schaffen." Ein Mädchen erzählt, dass es sich oft einen ganzen Vormittag meldet, aber nicht drankommt. Es versucht sich bis zum nächsten Tag zu merken, was es sagen will, aber das klappt meist nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Kinder kommen zu kurz - ist das Ihr Fazit nach 70 Drehtagen?

Klassenlehrerin Helga Hess
Thomas Binn / BINN-Medienprodukt

Klassenlehrerin Helga Hess

Binn: Ich habe das vorher geahnt, aber erst bei den Dreharbeiten gemerkt, was für ein immenser Kraftakt es für Lehrer ist, jeden Tag 22 Kindern gerecht werden zu müssen, darunter sieben mit Förderbedarf, eins auf dem Entwicklungsstand eines Dreijährigen. Die Klassenlehrerin war die meiste Zeit allein in der Klasse - ohne Sonderpädagogin, da die nur maximal sieben Stunden in der Woche zur Verfügung stand. Das ist einfach nicht zu leisten, und das hat für einige Kinder dramatische Folgen. Ein Junge muss zum Beispiel morgens Tabletten schlucken, die ihn nach eigener Auskunft sehr stressig machen und ein zweiter soll medikamentös eingestellt werden, obwohl er einfach einen Erwachsenen braucht, der neben ihm sitzt.

SPIEGEL ONLINE: In dem Film sind sehr oft Kinder zu sehen, die über Arbeitsblättern brüten und daran verzweifeln. Geht Inklusion auch schief, weil der Unterricht abwechslungsreicher sein müsste?

Szene aus "Ich.Du.Inklusion"
Thomas Binn / BINN-Medienprodukt

Szene aus "Ich.Du.Inklusion"

Binn: Selbst so ein langer Film kann natürlich nur Ausschnitte zeigen. Ich habe den Unterricht als sehr abwechslungsreich empfunden. Die Kinder haben nicht nur am Tisch gesessen, sondern zum Beispiel mit einer Trommel zählen und rechnen geübt, ein Theaterstück einstudiert, Ausflüge gemacht und vieles mehr. Die Inklusion scheitert hier, weil die Ressourcen fehlen, weil die Politik das Geld nicht ausgeben will. So simpel ist es leider. Ich finde das sehr, sehr bedauerlich. So wird die nachwachsende Generation kaputt gemacht - und eine eigentlich sehr gute Idee, die Inklusion, gleich mit.

SPIEGEL ONLINE: Sie zeigen die Kinder mit all ihren Schwächen und in großer Verletzlichkeit. Das ist eine Stärke des Films, greift aber auch tief in die Intimsphäre der Kinder ein. War das ein Dilemma für Sie?

Mindjazz Pictures

Binn: Es war eine Gratwanderung. Aber wenn man etwas ändern möchte, darf man sich nicht scheuen, die Probleme zu zeigen. Die Kinder haben den Film alle gesehen, nachdem ich mit ihnen zusammen in der Schule übernachtet habe. Ein Junge war etwas befremdet, weil im Film zu sehen ist, wie er einem anderen eine Backpfeife gibt. Ein anderes Kind, das im Film fast verzweifelt, als es die Uhr lesen lernen soll, meinte dagegen nur: "Ja, so war es eben."


Offizieller Kinostart von "Ich.Du.Inklusion" ist der 4. Mai 2017

insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
Herr Bayer 04.05.2017
1. Deutschland hatte das beste inklusive Schulsystem
kein Kind wurde das Recht auf Bildung verweigert. Nur werden (bald: wurden früher) Kinder, die besondere Förderung benötigen, in eigenen, speziellen Einrichtungen (Förderschulen) unterrichtet. Wie haben sich die Leistungen der Schüler im Vergleich zu Klassen ohne Inklusion entwickelt?
alaba27 04.05.2017
2. Das zeigt doch nur
und der Filmemacher sagt es ja selbst, dass diese Form der Inklusion gescheitert ist. Warum unterrichtet man die Kinder nicht (wie früher) an eigens dafür vorhandenen Schulen mit ausschließlich dafür ausgebildeten Pädagogen ? Nur weil es manchen Eltern nicht passt ??! Einen anderen Grund gibt es nämlich nicht. Und ob ich in jede Klasse 2 - 3 Lehrer (wer hat denn hier das Sagen ?) stecke oder wieder Sonderschulen einrichte, kostet dasselbe.
Freidenker10 04.05.2017
3. Sträflich vernachlässigt
Den Lehrern wird doch seit Jahren viel zu viel aufgebürdet! Von G9 auf G8 und wieder zurück, Inklusion, Flüchtlingskinder, Brennpunkte usw. und das alles bei vielerorts maroder Infrastruktur und viel zu wenigen Lehrern! Dazu kommen noch immer mehr nervige Eltern die ihre Kinder alle auf Gymnasialniveau sehen, obwohl es nicht so ist. Die Politik versagt hier schon seit Jahrzehnten, obwohl alle Parteien wacker mit Bildung Wahlkampf betreiben! Bei den staatlichen Finanzen wäre es doch ein leichtes ALLE Schulen zu sanieren und mehr Lehrer einzustellen, aber passieren tut recht wenig! Da verstecken sich die Bundespolitiker hinter dem Abkommen nicht in Schulen investieren zu dürfen weil dies Ländersache sei, ist doch ein schlechter Witz! Bildung ist unsere einzige wirkliche Ressource und die vernachlässigen wir so sträflich...
inmado 04.05.2017
4. Offizieller Kinostart...
Kinostart? Echt jetzt? - Das ist wohl mehr ein Film für's TV...
zippelzappel 04.05.2017
5. Nicht ganz...
Zitat von Herr Bayerkein Kind wurde das Recht auf Bildung verweigert. Nur werden (bald: wurden früher) Kinder, die besondere Förderung benötigen, in eigenen, speziellen Einrichtungen (Förderschulen) unterrichtet. Wie haben sich die Leistungen der Schüler im Vergleich zu Klassen ohne Inklusion entwickelt?
Sie haben offensichtlich den Unterschied zwischen Integration und Inklusion nicht verstanden.
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