Betriebspraktikum IG Bau will Schüler zu Praktika im Handwerk verpflichten

Während die Studentenzahlen in Deutschland seit Jahren steigen, gehen die Bewerber für Ausbildungsstellen zurück. Besonders das Handwerk äußert Nachwuchsprobleme. Die IG Bau will Schüler nun zu ihrem Glück zwingen.

Auszubildende in Werkraum
imago/allOver-MEV

Auszubildende in Werkraum


Dächer decken? Fliesen legen? Brötchen backen? Autos reparieren? Viele junge Menschen in Deutschen entscheiden sich dazu, lieber eine Hochschule zu besuchen als einen Ausbildungsberuf zu erlernen. Besonders das Handwerk benötigt mehr qualifizierte Mitarbeiter, die Auftragsbücher sind voll, das Image einiger Ausbildungen negativ.

Wie bekommt man den Nachwuchs von der Schul- an die Werkbank? Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG Bau) hat sich eine spezielle Idee ausgedacht: Sie fordert ein verpflichtendes Schulpraktikum im Handwerk.

"Beim Betriebspraktikum sollten Schüler wenigstens einmal Erfahrungen in einem Handwerksbetrieb sammeln können", sagte der stellvertretende Gewerkschaftsvorsitzende Dietmar Schäfers zum Auftakt der Internationalen Handwerksmesse in München. Eine Möglichkeit sei ein verpflichtendes Kurzpraktikum im Handwerk zwischen der siebten und zwölften Klasse.

Schülerbetriebspraktika dauern in der Regel zwei Wochen, werden während der neunten und zehnten Klasse durchgeführt und im Unterricht vor- und nachbereitet. Sie sollen Schülern Einblicke in das Arbeits- und Berufsleben vermitteln. Die Schüler wählen das Praktikum nach ihren Neigungen und Interessen aus.

Mehr Praktika - und eine Quote

Damit während der Schulzeit wenigstens eine Station im Handwerk in Frage komme, ließe sich nach Schäfers die Dauer und Zahl der Praktika erhöhen. "Denkbar ist eine Empfehlung der Kultusministerkonferenz, was die Pflichtpraktika in der Sekundarstufe I und II angeht", sagte Schäfers.

Auch eine Quotenregelung sei für ihn eine Möglichkeit: "Eine Quote fürs Handwerk beim Schulpraktikum könne einen Beitrag dazu leisten, die Berufe bekannter zu machen und mehr Schulabgänger für eine Ausbildung zu gewinnen", so Schäfers.

Im vergangenen Jahr standen erstmals mehr Ausbildungsstellen zur Verfügung, als es Bewerber gab. Die Zahl der abgeschlossenen Lehrverträge im Handwerk steigt allerdings seit Jahren. Bis zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres im Oktober hatten 136.784 junge Menschen eine neue Lehrstelle. Das waren 1,2 Prozent mehr als zum selben Zeitpunkt des Vorjahres, teilte der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) mit.

Die steigenden Studentenzahlen in Deutschland und die Frage, ob diese zu Lasten der Berufsausbildung gehen, sorgen seit Jahren für Diskussionen. Bildungsministerin Anja Karliczek hatte zu ihrem Amtsantritt vor einem Jahr gesagt, dass aus ihrer Sicht Hochschulabsolventen nicht mehr zum wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands beitragen als jemand mit einer Berufsausbildung.

Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigte im vergangenen Jahr, dass mittlerweile eine Berufsausbildung fast genauso gut vor Arbeitslosigkeit schützt, wie ein Studium. An den steigenden Studentenzahlen änderte das jedoch bisher nichts.

ngo/dpa



insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
luede75 13.03.2019
1. ganz verrückte Idee
bezahlt die Leute besser, dann bleiben auch keine Stellen frei.
jim_rewop 13.03.2019
2. Einverstanden.
Ich wäre einverstanden wenn im gleichen Zuge sich die Unternehmen verpflichten, sobald sich irgendwann mal der Arbeitsmarkt verändert bzw. dreht, ausreichend Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen.
doctiloquus 13.03.2019
3.
Unsere Wirtschaftsform ist Kapitalismus (und das ist auch gut so). Wenn sich etwas lohnt, wird es auch gemacht - das ist der eiserne Grundsatz. Jetzt kann man überlegen, warum Menschen nicht unbedingt ins Handwerk drängen.
edevonwolf 13.03.2019
4. Die Bezahlung ist ja nicht der Knackpunkt
Handwerker werden normalerweise nach Tarif bezahlt. Erklärungsansätze sind vielschichtig. Das Handwer hat sich in den 90ern und 200ern nicht vernünftig um Ausbildung gekümmert und viele Azubis eher als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Man kann heute auch keine Fachkräfte mehr einfach ersetzen, denn die ehemaligen Billigarbeiter aus den östlichen Nachbarländern haben dank EU-Beitritt nun auch in ihrer Heimatt ein gutes Auskommen (zum Glück). Gleichzeitig produzieren die Haupt- und Realschulen kaum ausbildungsfähige Schulabgänger, die auch einfach mal eine Anweisung des Meisters ausführen ohne diese vorher ausführlich diskutiert zu haben. Gleichzeitig mit einem Dreisatz und der Flächenberechnung eines Rechtecks überfordert sind. Politik und auch Presse haben sich sehr lange auf Akademisierung eingeschossen und Abitur und Studium zum einzigen Weg zum persönlichen Glück bzw. zum universellen Türöffner in die Traumkarriere angepriesen.
LieseMüller 13.03.2019
5. Nicht aufs Alter schauen
Warum nicht auch älteren Menschen , die Interesse haben, eine Chance geben? Viele würden sehr gern ein Handwerk lernen. Man sollte die ältere Generation direkt ansprechen!
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