Iglu-Analyse Starker Osten, schwache Städte

Starke Mädchen, verbesserte Jungs, viele Büchermuffel in den Stadtstaaten: Der Lesetest Iglu zeigt, wo Viertklässler besonders gut lesen - und wie stark die Herkunft über Bildungschancen entscheidet. Aber um alle Streitfragen machen die Kultusminister einen großen Bogen.

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Der Streit ist vertagt, die Stimmung toll. Kein Bundesland schneidet beim Lesetest Iglu richtig katastrophal ab, einige sogar ziemlich gut. International müssen sich die deutschen Grundschulen nicht verstecken. Das hatte schon die Iglu-Auswertung im vergangenen Jahr gezeigt, der nationale Ländervergleich lieferte nun die Details.

Grundschüler (in Erfurt): Mädchen lesen lieber und besser als Jungen
DPA

Grundschüler (in Erfurt): Mädchen lesen lieber und besser als Jungen

Spürbares Aufatmen bei den Kultusministern: "Erfreulich", jubelt Doris Ahnen (SPD), zuständige Ministerin aus Rheinland-Pfalz. Und möglichst ausdauernd zu jubeln, das hatten sich die Kultusminister für Dienstag fest vorgenommen. Selbst die schlechtplatzierten murren nur ein bisschen, etwa der Berliner Bildungssenator Jürgen Zöllner: "Ich sage ganz deutlich, dass wir mit dem Ergebnis nicht zufrieden sein können."

Jedoch wurde vieles, was strittig ist in der Bildungspolitik, auf später verschoben: Wann soll der Wechsel auf die weiterführende Schule erfolgen - schon nach vier Jahren oder besser später? Wie gerecht sind Bildungsempfehlungen am Ende der Grundschule? Und wer entscheidet darüber, ob ein Kind aufs Gymnasium, die Real- oder die Hauptschule kommt? Stellungnahmen dazu sollen erst im Frühjahr veröffentlicht werden, die Diskussion möchten die Kultusminister in Expertengremien abschieben.

Stadtstaaten: Viele schlechte Leser und wenige gute

Erkenntnisse der Iglu-Forscher zu den Bildungsempfehlungen hatten sie ausdrücklich nicht bestellt: bitte stillhalten. Trotzdem bekommen sie welche geliefert. Denn auch ohne Aufforderung widmeten sich die Wissenschaftler um Wilfried Bos dem brisanten Thema und erhoben Daten - die durften sie aber jetzt nicht veröffentlichen. Warum? "Das war nicht Teil des Auftrages", sagte Renate Valtin SPIEGEL ONLINE. Die Professorin im Ruhestand an der Humboldt-Universität Berlin hat mitgeschrieben an der Studie und gehört zum Iglu-Konsortium. "Ich nehme an, dass einige Länder das nicht wissen wollen", denn das Thema berge soziale Sprengkraft, so Valtin. Schließlich sei das frühe Aufteilen von Kindern auf die verschiedenen Schulzweige "ein hausgemachtes Problem" und ein "unsinniges Verfahren".

Die Iglu-Ergebnisse

Rang Bundesland Punkte
1. Thüringen 564
2. Bayern 562
3. Sachsen 556
4. Sachsen-Anhalt 555
5. Rheinland-Pfalz 554
6. Mecklenburg-Vorpommern 553
7. Saarland 550
8. Baden-Württemberg 550
- Deutschland 548
9. Niedersachsen 544
10. Schleswig-Holstein 544
11. Nordrhein-Westfalen 543
12. Brandenburg 540
13. Hessen 536
14. Berlin 525
15. Hamburg 528
16. Bremen 522

Quelle: dpa

Veröffentlichen ließen die Minister lediglich die Rangliste, in der die Bundesländer gegeneinander antreten. Ganz vorn liegt Thüringen mit 564 Punkten, nur ein Punkt weniger als der internationale Spitzenreiter Russland. Die Stadtstaaten Berlin, Hamburg und Bremen schneiden mit jeweils unter 530 Punkten deutlich schlechter ab - im Bundesvergleich landen sie auf den hinteren Plätzen.

Deshalb sind die aktuellen Iglu-Ergebnisse nicht der ganz große Aufreger der Bildungspolitik wie etwa die Pisa-Studie, auf den ersten Blick läuft es ja an Deutschlands Grundschulen einigermaßen rund. Doch zeigt sich: Es gibt ziemliche Unterschiede, wenn man die Details betrachtet.

Die Autoren der Studie unterscheiden das Lesen literarischer und informierender Texte und unterteilen die Schüler in fünf Kompetenzstufen. Stufe eins meint das bloße Dekodieren von Wörtern und Sätzen - wer gerade mal das kann, erreicht weniger als 400 Punkte. Stufe fünf bedeutet, ein Schüler kann abstrahieren, verallgemeinern und Präferenzen begründen, dafür gibt's mehr als 625 Punkte. Die mittlere Stufe beschreibt die Fähigkeit, "relevante Einzelheiten" in einem Text zu finden und miteinander zu verknüpfen.

Mehr Büchermuffel bei den Jungen...

Vor allem in den Stadtstaaten bleiben viele Schüler auf der ersten oder zweiten Stufe - mehr als jeder fünfte. Nur wenige aber erklimmen die höchste Stufe. In den Gewinnerländern Thüringen und Bayern ist es umgekehrt. 50 Punkte Unterschied machen etwa ein Schuljahr aus. Schüler in Bremen hinken also in Sachen Lesekompetenz denen in Thüringen fast ein Schuljahr hinterher. Insgesamt schneiden die östlichen Flächenländer im Schnitt stärker als die westlichen ab.

Im letztplatzierten Bremen gibt es zudem besonders viele Büchermuffel: Der Anteil der Kinder, die außerhalb der Schule nie oder fast nie zum Vergnügen lesen, ist dort besonders hoch. Ähnlich sieht es in Sachsen-Anhalt und Brandenburg aus. Auch in Hamburg und Rheinland-Pfalz nimmt knapp ein Sechstel der Schüler ein Buch nur sehr selten in die Hand - überraschenderweise genauso viele wie im Gewinnerland Thüringen.

In der Geschlechterfrage haben die Mädchen beim Lesen zwar noch die Nase vorn, doch lesen auch Jungs immer besser. Im Schnitt erreichen Mädchen etwa sieben Punkte mehr als Jungen, und sie haben deutlich mehr Lust zu lesen. Während nur etwa neun Prozent der Mädchen sagen, dass sie fast nie lesen, liegt der Anteil männlicher Büchermuffel bei gut 20 Prozent.

...aber auch größere Leistungssprünge der Jungen

Doch im Vergleich zur letzten Iglu-Runde haben Jungs größere Fortschritte gemacht: Sie steigerten ihre Leistungen um elf Punkte, Mädchen nur um sechs. "Deshalb gehen die signifikant besseren Leistungsergebnisse für Deutschland mitunter auch auf das Konto der Jungen", schreiben die Forscher.

Die Iglu-Zahlen bestätigen, was alle Bildungsstudien zuvor gezeigt haben: An Deutschlands Schulen haben es Kinder aus Einwandererfamilien und armen Elternhäusern schwer. Schüler mit "Migrationshintergrund" erzielten in fast allen Bundesländern deutlich schwächere Leistungen als Schüler, deren Eltern beide in Deutschland geboren wurden.

Der kulturelle Hintergrund und der soziale Status beeinflussen überall die Leseleistungen der Schüler in hohem Maße - vor allem in den schlecht platzierten Stadtstaaten. So habe in der Hauptstadt knapp die Hälfte der Teilnehmer ausländische Wurzeln, sagte Berlins Bildungssenator Jürgen Zöllner. Und fügte hinzu: "Das erklärt vieles, aber es entschuldigt nichts. Wir müssen die Effektivität ohne Zweifel überprüfen und erhöhen."

Deutlich bessere Chancen, in der Schule mitzukommen, haben Schüler aus wohlsituierten Familien, in denen viel gelesen wird. Die Forscher schlagen daher vor, mit der Sprach- und Leseförderung schon vor der Schulzeit anzufangen - auf der "Grundlage einer frühzeitig erfolgten Lernstandserhebung". In einigen Bundesländern werden Vier- bis Fünfjährige bereits zu solchen Tests eingeladen und bei erheblichen Sprachdefiziten zu Förderprogrammen verpflichtet. Das ist aber noch recht neu und konnte für die Iglu-Welle 2006 keine Rolle spielen.

Nur vage und zaghafte Verbesserungs-Hinweise

Auch sollten Lehrer gezielter und inidividueller auf jedes Kind eingehen. Zudem plädieren die Forscher dafür, den Leseunterricht fächerübergreifend zu verankern und eigene "Schullesepläne" zu entwickeln. Verwundert zeigen sie sich, dass es in Deutschland weniger Leseunterricht gibt als noch vor einigen Jahren bei der letzten Iglu-Runde.

Ansonsten sind nur wenige kritische Worte in der Studie zu finden, die im Pädagogendeutsch alle konkreten Forderungen nur diplomatisch bis zaghaft umkreist. Der Dortmunder Bildungsforscher Wilfried Bos, verantwortlich für Iglu, sagte bei der Vorstellung der Ergebnisse: "Die deutschen Grundschulen haben ihre Hausaufgaben gemacht. Die Grundschule in Deutschland hebt die Kinder auf ein hohes Niveau." Zudem sei die Leistungsbreite zwischen starken und schwachen Schülern relativ gering.

Bos hielt sich bei der Veröffentlichung an die Linie, die ihm von den Kultusministern aufgegeben worden war. Der Forscher kann auch anders: Noch vor wenigen Jahren, bei der letzten Iglu-Runde, hatte er gewettert über den "bildungspolitischen Skandal", dass beim Übergang zu weiterführenden Schulen eine "soziale Auslese" stattfinde. Dabei solle die Schule genau diese Differenzen ausgleichen, zürnte Bos damals.

2003 hatte Iglu gezeigt, dass Kinder wohlhabender Eltern den Vorzug vor Viertklässlern aus niedrigeren Schichten bekommen, wenn es um den Wechsel nach der Grundschule geht. Insgesamt erhalte fast die Hälfte aller Schülerinnen und Schüler falsche Schulempfehlungen, urteilte Bos über jenes Thema, das die Bildungspolitiker diesmal ausklammerten.

Mit Material von dpa und AP



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