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01. Oktober 2008, 13:23 Uhr

Im Jugendknast

Vier Jahre auf acht Quadratmetern

Angst vor Gewalt, Machtlosigkeit, täglich eine Stunde Hofgang und hundert Gramm Nutella für zwei Wochen: Knastleben bedeutet vor allem, viel zu verpassen. Für das Jugendmagazin "Spiesser" besuchte Cornelius Pollmer drei junge Häftlinge im Gefängnis Adelsheim.

Die Sonne brennt vom knallblauen Himmel, die Luft steht. Es ist früher Abend im baden-württembergischen Adelsheim, kurz vor 17 Uhr und immer noch 34 Grad im kaum vorhandenen Schatten. Am Stadtrand schieben sich ein paar Russlanddeutsche gelangweilt einen Hacky-Sack hin und her, vor dem Streetball-Korb steigt ein körperbetontes Fünf gegen Fünf. Graue Wohnblöcke stehen abseits. Sieht aus wie ein Ferienlager, Marke kroatische Urlaubersiedlung, Siebziger-Jahre-Bausünde.

Ein kräftiger Typ in dunkelblauer Busfahrerhose schlurft zu einem Wärterhäuschen und greift zum Mikro: In drei Minuten Hofgang-Ende, blechert es aus Lautsprechern. Kein Feriendorf also, sondern der Jugendknast Adelsheim mit 430 Plätzen die drittgrößte Jugendstrafanstalt Deutschlands. Die ausschließlich männlichen Insassen sind zwischen 14 und 23 Jahre alt und rücken durchschnittlich für elf Monate ein; die meisten sitzen wegen Diebstahls oder Drogen-Delikten (je 30 Prozent), andere wegen Körperverletzung (18 Prozent) oder Raub (14 Prozent), nur wenige wegen Mordes oder Sexualstraftaten.

Wer in Freiheit auf dumme Gedanken kam, der kommt es in Unfreiheit erst recht. Die JVA Adelsheim ist weitgehend glasfrei. Im Einkaufsladen auf dem Gelände gibt es keine Alu-Tuben, in deren Falz sich leicht Drogen verstecken ließen. Und Klebeband ist auf den Zellen verboten, weil es das Pendeln erleichtert, also den Austausch von Drogen über Seilschaften entlang der Außenwände der Wohnblöcke.

Nur die Gedanken sind frei

Drogen gibt es trotzdem, die gleichen wie draußen, sagt ein Therapeut. Insassen bilden Grüppchen. In Adelsheim gibt es die Russlanddeutschen, die Türken, und beide sagen über die Deutschen, dass diese es schwer hätten, weil sie nicht zusammenhalten würden.

Wer auf sich allein gestellt ist, kann schnell zum Fisch werden. So nennen sie hier die Schwächeren, die psychische oder handfeste Gewalt aushalten müssen. In Ruhe gelassen zu werden, kann dann teuer werden: bis zu zwei Dosen Tabak im Monat.

Das Leben hier ist nicht leicht und soll es auch nicht sein. Ein Bild der Sehnsüchte zeichnet der Gefängnisladen, in dem ein Häftling 30 bis 70 Euro im Monat ausgibt, selbst erarbeitet oder von Angehörigen eingezahlt. Tabak und besonders Körperpflege sind Dauerbrenner, es gibt Tuning-Zeitschriften, HipHop-Mags und TV-Programmies.

Frauen gibt es in Adelsheim nur an zwei Stellen: im Fernseher, der im Monat 15 Euro Miete kostet; und im Einkaufsladen, auf dem Hochglanzpapier von "Coupé", "Playboy" oder "FHM". Die Gedanken sind frei.

Die JVA Adelsheim versucht noch ein gutes Stück Freiheit obendrauf zu packen mit einem modernen Verständnis von Jugendstrafvollzug, mit vielen Freizeit- und Bildungsangeboten. Doch jede Freiheit stößt an Grenzen, spätestens an der großen, grauen Mauer, 1300 Meter lang und fünfeinhalb Meter hoch.

Oder nach dieser einen Stunde, wenn um 17 Uhr der Typ in Busfahrerhose zum Wärterhäuschen schlurft und nach dem Mikro greift, wenn die Russland-Deutschen, die Türken und Deutschen zurückgehen in die Wohnblöcke zum Abendessen, wenn um 21.30 Uhr Zelleneinschluss ist, um 6.15 Uhr Aufstehen, 6.30 Uhr Frühstück, Abrücken um 7 Uhr und später dann, nach Schule oder Arbeit, Hofgang von 16 bis 17 Uhr.

Leben hinter Gittern - drei junge Gefangene erzählen...

Patrick, 18: "Ich hätte mir drei Jahre gegeben"

Patrick, 18, Körperverletzung, räuberische Erpressung, vier Jahre und sechs Monate

Es ist früh, kurz nach halb sieben. In der Küche des F-Baus, dem Haus für die schweren Jungs, holen sich Patrick und seine Zellennachbarn ihr Frühstück ab. Brot gibt es jeden Morgen, heute zusätzlich einen Joghurt. Alle zwei Wochen bekommen sie etwas über 100 Gramm Nutella, im Wechsel mit Marmelade 2,44 Euro pro Häftling gibt die JVA am Tag für Lebensmittel aus.

Punkt 7 Uhr spucken die Wohnblöcke Gefangene aus, eine Barackensiedlung am Rande der Anstalt schluckt sie wieder. Hinter den Insassen werden alle Türen verschlossen. Doppelt.

Patrick steht jetzt in Halle P3 an einer schweren Drehmaschine. Der 18-Jährige macht eine Ausbildung zum Teilezurichter. 1,51 Euro die Stunde bekommt er hier, in Adelsheim ist das der Regelsatz. Mindestlohn, sozusagen. Heute sind es Teile, die Patrick zurichtet, früher waren es auch mal Menschen. Mit 13 beging er seine erste Straftat. Jemand hatte ihn Hurensohn genannt. Schlägerei, Körperverletzung. Patrick machte weiter. Nach mehreren Bewährungsstrafen landete er schließlich in Adelsheim.

"Meine Freundin ist ein anständiges Mädchen"

"Es ist gerecht, dass ich hier bin. Aber das Strafmaß ist zu hoch. Ich hätte mir drei Jahre gegeben", sagt er. Trotzdem sei es gut, dass sie ihn rechtzeitig weggeschlossen haben. "Sonst wäre ich irgendwann vielleicht als Mörder hier rein gekommen."

Sicher, diesen immergleichen Alltag, den findet Patrick einfach scheiße. Schlimmer aber ist, dass auch jene darunter leiden, die ihm wichtig sind. Seine Eltern etwa. Die Mutter weint auch nach zwei Jahren noch, wenn sie ihren Sohn besuchen kommt, vier Stunden pro Monat mehr Besuch ist nicht erlaubt.

Oder die Freundin, mit der Patrick zusammen ist, seit sie 14 waren. Sie rutschte in der Schule ab, hat sich jetzt aber gefangen. Auch sonst macht sich Patrick da keine Sorgen: "Meine Freundin ist ein anständiges Mädchen." Das ist es, was Patrick auch sein will: anständig. Von einem geregelten Leben träumt er, von einer Arbeit, Familie, Kindern. Nichts besonderes, ein einfaches Leben eben, sagt er.

Das hier im Knast, das sei kein Leben. Da dürfe man sich "gar nicht erst dran gewöhnen, nur anpassen. Wer sich daran gewöhnt, der kommt auch wieder". Patrick hat Angst, dass auch er wiederkommen wird. Angst davor, dass es weitergeht , wenn er draußen ist. "Ich werde kein Engel sein, das ist sicher. Aber ich habe vor, ein geregeltes Leben zu führen."

Michael, 18: Die Geburt seines Kindes sah er auf DVD im Knast

Michael, 18, räuberische Erpressung, zwei Jahre und sechs Monate

Nicht viel an Michael erinnert an einen Verbrecher. Hagerer Typ, braune Augen, buschige Brauen, Bartflaum. Er trägt weiße Stoffschuhe mit schwarzen Totenköpfen darauf. Alles wirkt harmlos.

Jugendknast: "Dafür bin ich heute dankbar", sagt Michael
DDP

Jugendknast: "Dafür bin ich heute dankbar", sagt Michael

Dabei gab es eine Zeit, in der ist man Michael nachts lieber nicht auf der Straße begegnet. Mit seinen Kollegen lauerte er nahe Straßenlaternen Passanten auf. Teure Anzüge, wie die von Gucci oder Prada, schimmern bläulich im Lichtkegel der Laternen, sagt Michael. Und immer wenn es schimmerte, zog sich Michael die Maske runter. 30 Sekunden dauerte ein Überfall, wenn alles nach Plan lief.

Einmal lief es nicht nach Plan. Michael brauchte wieder Geld, wie jeden Tag hundert Euro für Heroin. Er war nicht nüchtern, machte einen Fehler, zack: Knast. "Dafür bin ich heute dankbar", sagt er, "und mit dem Strafmaß habe ich sogar noch Glück gehabt." Eigentlich bekomme man für sowas ein Jahr mehr.

Doch Unglück im Glück: Als Michael, damals 16, verurteilt wurde, war seine 15-jährige Freundin im zweiten Monat schwanger. Die Geburt hat er sich im Knast auf DVD angeschaut und danach das erste Mal seit vier Jahren geheult.

Briefe schreiben als Ablenkung

Gefängnis bedeutet, viel zu verpassen. Und das ist es, was Michael hier zu schaffen macht. Dieses Gefühl, machtlos zu sein, wenn ihn seine Freundin besucht, ihm im Besucherraum gegenüber sitzt und vom Ärger mit dem Jugendamt erzählt. Dieses Gefühl der Leere, wenn sie wieder mal fragt, wie es ihm nun verdammt noch mal gehe und Michael wieder nur mit den Schultern zuckt, wieder nur sagen kann, dass er das selbst nicht wisse.

Michael muss hier nicht arbeiten, er darf in der arbeitspädagogischen Gruppe schaffen. Gerade baut er an einer Modellbahnanlage. Der Bahnhof von Osterburken steht schon, jetzt pappt er mit Fliesenkleber einen Wasserfall zusammen.

Die Beschäftigung ist ihm auch deswegen lieb, weil er für ein paar Stunden am Tag nicht nachgrübelt über seine Tochter, seine Tat, seine Zukunft. Michael versucht oft, sich abzulenken. Er schreibt Briefe. An seine Mutter, mit der er eine Firma gegründet hat, die auf seinen Namen läuft und die zum florierenden Partyservice werden soll, wenn er endlich wieder raus ist und sein neues Leben beginnt. Er schreibt sich auch Briefe mit dieser Frau, bei der der Überfall nicht nach Plan verlief.

Er weiß, dass er es nicht leicht haben wird, draußen. Und dass es gut sein kann, dass er Adelsheim im Dezember nicht für immer verlässt: "Kommt es hart auf hart, geht es um meine Familie, dann ist mir auch in Zukunft jedes Mittel recht."

Abdu, 22: In einer Woche kommt er raus, will das Abitur machen und nicht mehr trinken

Abdurrahman, 22, Körperverletzung, zwei Jahre und sechs Monate

Durch das Fenster seiner 8,5 Quadratmeter großen Zelle sieht Abdu eine vertrocknete Wiese. Er sitzt auf seinem Bett, den Rücken zur Wand, und schaut sich um in diesem kleinen Quader Wohnraum, der so viel weniger bietet als draußen sein großes Zimmer mit dem vollen Kleiderschrank.

Eine Weltkarte hängt an der Wand, die Türkei ist rot eingefärbt, "da ist mein Ursprung, da will ich irgendwann hin zurück". Daneben räkeln sich großflächig ein paar Halb-Nackedeis, ein Holzschnittdruck hängt gegenüber.

Abdu hat sich mit kleinen Dingen Privatsphäre geschaffen, so etwas wie ein Zuhause. Zwei Dinge bedeuten ihm besonders viel: Die Urkunde für seinen Realschulabschluss im Knast, Abschlussnote 1,8. Und der Kalender, auf dem alle Tage abgestrichen sind bis auf acht. In gut einer Woche kommt er raus.

Über das, was war, will er eigentlich nicht mehr reden. Weil er jetzt neu anfangen will. Früher ist Abdu fast jeden Abend durch die Clubs gezogen, hat pro Nacht zwischen 500 und 1000 Euro auf den Suffkopf gehauen. Er und sein Kumpel, sie hätten "Party gemacht wie die Könige", "den Großen raushängen lassen, Mädels beeindrucken" - finanziert mit Muttis Kreditkarte. Das viele Geld aber half ihm nicht.

Sein Umfeld von damals beneidet Abdu nicht. "Nicht ich habe durch den Knast etwas verpasst, die haben mich verpasst. Ich bin gewachsen, die nicht", sagt er. Abdu will das Abitur machen, danach studieren, etwas erfinden, das die Welt besser macht.

"Ich habe Angst, dass ich sterbe, bevor ich etwas erreichen konnte. Ich will nicht als Nichts von dieser Welt gehen." Und Abdu hat Angst, wieder abzurutschen, wieder zu trinken. "Ich will nicht mehr trinken. Wenn ich trinke, bin ich ein anderer Mensch."

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