Indische Schulplakate Wir malen die Welt, wie sie uns gefällt

Bunt, kitschig, lehrreich: Jedes Kind in Indien kennt die Plakate, auf denen handgemalte Bilder zeigen, wie der Mensch funktioniert, was einen braven Jungen ausmacht und welche Schlangen es gibt. Doch den traditionellen Postern droht die Verdrängung.

Indian Book Depot (Map House)/ Neu-Dehli

Von , Islamabad


Irgendwie müssen sie gegen das Internet bestehen, sagt Karan Chawla. Schließlich könne heutzutage jedes Kind bei Google oder Wikipedia nachschauen, wie ein bestimmtes Tier aussieht. Chawla ist ein Mann des gedruckten Wortes, oder besser: des gedruckten Bildes. Denn sein Verlag, das Unternehmen mit dem Namen "India Book Depot (Map House)", kurz: IBD, stellt seit 1936 Plakate her, die in Bildern das Alphabet erklären, die Tierwelt und den menschlichen Körper.

Jedes Kind in Indien kennt die bunten Poster (hier geht es zur Bilderstrecke). Sie hängen in hunderttausenden Schulen und bei vielen Familien zu Hause an den Wänden. Viele ältere Inder beginnen in Nostalgie zu schwelgen, wenn sie die Bilder sehen. Aber auch auf Kinder von heute üben sie eine Faszination aus.

Chawlas Firma ist Indiens größter Hersteller dieser Unterrichtsmaterialien. "Wir drucken jedes Jahr mehrere Millionen Stück", sagt er. "Allerdings ist die Konkurrenz ziemlich hart. Vor allem in Südindien gibt es mehrere Firmen, die ebenfalls solche Plakate herstellen." Aber noch größer, wiederholt er, sei die Konkurrenz durch das Internet.

"Kinder erinnern sich besser an individuelle Bilder"

Als IBD gegründet wurde, hatte das Unternehmen seinen Sitz noch in Lahore, im damaligen Britisch-Indien. Lahore war die Kulturmetropole schlechthin, dort gab es Maler und Künstler zuhauf, die der Verlag beauftragen konnte. Bei der Teilung des Subkontinents nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft im Jahr 1948 zog das Unternehmen nach Neu-Delhi, Lahore liegt im heutigen Pakistan. Mittlerweile arbeiten, je nach Saison, bis zu 20 Menschen für den Verlag.

"Leider finden wir kaum noch Maler, die uns die Bilder malen, die wir brauchen", sagt Chawla. Junge, kreative Leute würden eher das Zeichnen per Computer lernen. "Wir legen aber Wert darauf, dass die Bilder handgemalt sind. Denn Kinder erinnern sich viel besser an solche individuellen Bilder als an Grafiken aus dem Computer oder an Fotografien."

Die kitschigen Bilder haben bei Sammlern längst Kultstatus. Unlängst widmete ein Museum in Frankreich den Postern eine eigene Ausstellung.

Allerdings: Weil Maler rar sind und der Computer Einzug in alle Lebensbereiche hält, gerade auch im IT-Land Indien, will sich auch Chawla dem nicht verschließen. "Wir haben gerade damit begonnen, die Bilder per Computer zu kolorieren." Er betont aber, dass die eigentliche Zeichnung auch weiterhin per Hand erstellt werde, nur die Farbgebung übernehme eine Maschine. Man wolle "exklusive Bilder", keine, die sich irgendwo im Internet fänden.

Eltern ehren, Zähne putzen, beten - so verhält sich der ideale Junge

Die Plakate sind ein Spiegelbild des indischen Selbstverständnisses. Eines zeigt, was man sich als Familie vorzustellen hat. Ein anderes beschreibt den "idealen Jungen", und damit jeder versteht, was damit gemeint ist, steht drunter: "Gute Angewohnheiten". Die Bilder zeigen ein Kind, das früh am Morgen aufsteht, höflich die Eltern begrüßt, einen Morgenspaziergang macht, sich die Zähne putzt und betet. Natürlich geht der Junge zur Schule, wo er aufmerksam zuhört, anderen hilft, an Mannschaftsspielen teilnimmt und ein paar Jahre später seinen Anteil zur Landesverteidigung leistet.

Und damit der Kontrast deutlich wird, gibt es auch ein Poster, das schlechte Eigenschaften aufzeigt: zum Beispiel das Entsorgen von Müll auf der Straße, das Ärgern von Tieren, mit elektrischen Geräten oder Werkzeug zu spielen, zu stehlen, um Geld zu spielen oder zu streiten.

"Wenn man so etwas in ein Kinderzimmer aufhängt, prägt sich das ein", sagt Chawla. Viele Menschen in Indien tun das, zumal so ein Poster seit Jahrzehnten nur zwei Rupien - umgerechnet drei Cent - kostet. "Wir würden gerne die Preise anheben, aber der Konkurrenzdruck lässt das nicht zu", sagt Chawla, der grundsätzlich viel von der Idee hält, Bücher und Bildung für jedermann leistbar anzubieten. Viel verdienen würden sie mit den Plakaten nicht, die Produktionskosten würden gerade einmal gedeckt. Nur weil jährlich viele Millionen Stück verkauft würden, lohne sich das noch.

Schulen und Eltern kaufen die Plakate gleichermaßen. Und die Nachfrage hält an, denn regelmäßig kommen neue Plakate auf den Markt. Zu den neuesten gehört eines, das die indischen Sportler zeigt, die an den Olympischen Spielen teilgenommen haben. "Wir versuchen, aktuelle Themen und Ereignisse aufzugreifen", sagt Chawla. Dafür durchforste man täglich die Nachrichten und werte sie aus.

Chawla sagt, sein Verlag greife auf Fakten zurück, aber oft sind es auch Klischees, die aus den Bildern sprechen. Zum Beispiel auf dem Poster "Die Kinder der Welt", auf dem alle Kinder natürlich für ihre Nationen typische Trachten tragen. Viele Poster sollen auch ein wenig Patriotismus vermitteln, zum Beispiel jenes, das alle indischen Satelliten zeigt.

Vor allem aber geht es um Allgemeinbildung: die Völker der Erde, Gewürze, Schlangen und Vögel in Indien, die Tempel des Landes und, ganz neu, fleischfressende Pflanzen. Mehrere hundert Plakate gibt es inzwischen, Chawla weiß nicht genau, wie viele. Um überlebensfähig zu bleiben, hat der Verlag sein Sortiment ausgeweitet. Es gibt auch Kinderbücher, Atlanten und Aufkleber. Damit die Plakate auch in Zukunft für zwei Rupien das Stück zu haben sind.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
msmt 12.10.2012
1. Man kann nichts gegen diese Änderungen machen.
Vor einiger Zeit habe ich im Lehrmittelraum meiner Schule die alten Plakate - der Igel, der Bauernhof, unser Getreide, unser Körper, unsere Familie usw. - angesehen. Eine jüngere Kollegin war schockiert, warum diese noch nicht weggeworfen wurden. Natürlich gibt es inzwischen andere, bessere Unterrichtsmittel, aber traurig war ich doch. Damit bin ich aufgewachsen und damit habe ich auch gearbeitet. Und die Wandtafel won der Windrose fasziniert mich heute noch und ist für kleine Schüler durchaus anschaulich. Und die Arbeit und Maschinen bei der Getreideernte früher kann man mit diesen Tafeln auch gut darstellen. Die Kinder heute kennen keine Felder, geschweige denn einen Mähdrescher. Einen Mäher (Mensch) und eine Sense ist für sie ein großes Erlebnis. Vielleicht können aus diesen nostalgischen Gründen zumindest in einigen Schulen noch einige Tafeln überleben.
dihydrogenmonooxid 14.10.2012
2. es muss kein Smartboard sein
Ich persönlich halte Plakate für eine praktikablere Darstellungsform als die computergestützten Medien. Letztere werden gern als zukunftsweisend und alternativlos beschrieben, allerdings steht mehr das Medium selbst als der Inhalt im Vordergrund. Was letztlich auch dazu führen kann, dass primär auf Effekte und Graphik als auf Pädagogik und Zusammenhänge Wertgelegt wird. Auch stellen z.B. Lehrfilme eher eine monotone Beschallung als individuelles Lernen oder Lernen in der Gruppe dar. Außerdem stellt sich die Kostenfrage. Technik ist teuer und allgemein störanfällig und wartungsintensiv. Im Vergleich dazu sollten Plakate wesentlich erschwinglicher sein (auch wenn ich für mein Periodensystem 20€ hinlegen musste). Es ist nicht alles Gold, was an die Wand projiziert wird.
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