Informatikunterricht an Schulen Apps programmieren - kinderleicht

Ein Hamburger Start-up hat kostenloses Lehrmaterial für den Informatikunterricht entwickelt. Wie eine Graswurzelbewegung wollen die Macher den Unterricht modernisieren.

Grundschüler am Computer
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Grundschüler am Computer

Von Susan Djahangard


Maheen Ahmed malt einen blauen Strich auf ihren Handybildschirm, darüber einen gelben. Eine simple Zeichenapp - aber die Zwölfjährige hat sie selbst programmiert. Seit zwei Monaten lernt sie im Informatikkurs an einer Hamburger Stadtteilschule, wie man mit bunten Bausteinen Programme für Smartphones baut.

Ihr Lehrer Michael H., 37, hat Deutsch und Geschichte studiert. Wie er unterrichten in Deutschland viele Lehrer Informatik, ohne dies studiert zu haben, aber mit Zusatzqualifikationen. Dieses strukturelle Defizit erfährt Kritik: "Deutschland liegt deutlich hinter den Ländern, die im Informatikunterricht spitze sind", sagt Peter Hubwieser, Professor für Didaktik der Informatik an der TU München. "Da ist noch einiges notwendig, um eine Hightech-Nation bleiben zu können."

Dass es in Deutschland länger dauert, den Unterricht auszubauen und modern zu gestalten, störte auch Politikwissenschaftler Philipp Knodel. "Vor allem wird diskutiert, ob Informatik Pflichtfach werden soll oder nicht, viel weiter geht es nicht", sagt er. Mit seiner Frau Diana Knodel, promovierte Informatikerin, gründete er deshalb App Camps. Das Start-up bietet kostenlos Lehrmaterial für den Informatikunterricht zum Download an. Auch an Maheens Schule kommt es zum Einsatz.

Das Material ist darauf ausgelegt, dass Lehrer wenig machen müssen. Das Wichtigste steht auf Lernkarten zum Ausdrucken, mit denen die Schüler eigenständig arbeiten sollen. Sie entscheiden selbst, wie schnell sie arbeiten und wie viel Anleitung sie wollen. In Videos erklären Softwareentwickler die Aufgaben und erzählen von ihren Jobs.

Gute Noten für selbstständige Arbeit

In der Klasse von Michael H. brauchen trotzdem viele Schüler Hilfe. Er glaubt, dass sie die Karten nicht richtig lesen. "Und wir haben hier einige Kinder mit erhöhtem Förderbedarf", sagt er. Das Tolle an dem Material von App Camps sei aber, dass verschiedene Leistungsniveaus berücksichtigt werden.

H. beobachtet die Schüler im Unterricht und schaut sich die gespeicherten Projekte an, auf dieser Basis benotet er. Gut schneidet ab, wer selbstständig arbeitet und die Bausteine korrekt zusammensetzt. Stoßen die Schüler auf technische Probleme, kann er im Troubleshooting nachschauen - einem Verzeichnis der häufigsten Fehler. Notfalls helfen die Knodels im Chat.

Professor Hubwieser ist trotzdem skeptisch. "Wenn ein Lehrer Dinge erklärt, die er selbst nicht verstanden hat, kann das komplett schiefgehen", sagt er.

Die Idee zu App Camps kam den Knodels im Silicon Valley, wo sie ihre Elternzeit mit dem ersten Kind verbrachten. Dort lernten sie ein Programm vom Massachusetts Institute of Technology kennen, mit dem schon Kinder Apps programmieren können. Warum nutzt das keiner in Deutschland, fragten sie sich.

Zurück aus den USA warben sie Fördergelder ein, kündigten ihre Jobs als Softwareentwicklerin und wissenschaftlicher Mitarbeiter und mieteten ein Büro im Hamburger Betahaus. Seither sitzen sie sich an zwei Holztischen gegenüber, zum Team gehören mittlerweile auch ein Entwickler, mehrere Werkstudenten und freie Mitarbeiter. Vergangenes Jahr gewannen sie die Google Impact Challenge und damit eine Viertelmillion Euro, auch die Körber-Stiftung fördert das gemeinnützige Projekt.

Fake News und Social Bots

"Wir sind inhaltlich aber absolut unabhängig", sagt Diana Knodel. "Gerade bei Inhalten für Schulen kann das ja sehr heikel sein." Neben den App-Kursen bieten sie Lehrmaterial zum Programmieren von Homepages an und zum Erlernen von Scratch, einer Programmiersprache für Kinder. Ab Mai soll es eine Einheit zum Minicomputer Calliope geben, eine weitere zu Fake News und Social Bots ist geplant.

Auch Meike Wiese, Lehrerin für Deutsch und Musik am Hamburger Gymnasium Altona, gibt ab nächstem Schuljahr Informatik. Die 34-Jährige kennt sich aus mit Schiller und Beethoven, Gedichtinterpretationen und Dreiklängen. Selbst programmiert hatte sie nicht - bis sie die Informatikfortbildung begann.

Jetzt bereitet sie sich auch mit den Unterlagen von App Camps vor. Das Material sei leicht verständlich und didaktisch reduziert, sodass sie sich auch fachfremd gut einarbeiten könne. "Diese Einblicke in die App-Entwicklung könnte ich allein nur unter großem Aufwand gewähren", sagt sie. "Und super ist, dass sie sich am Rahmenplan orientieren."

Weil alles online läuft, können die Entwickler schnell auf technische Veränderungen reagieren. "Wir brauchen vier bis sechs Wochen für einen neuen Kurs", sagt Diana Knodel. Ein Schulbuchverlag kann damit nicht mithalten. "Vom technischen Fortschritt her könnten wir unsere Bücher jedes Jahr aktualisieren", sagt Georg Wierichs, Verlagsleiter des Ernst Klett Verlags.

Zehn Jahre alte Informatikbücher

Der erste Band der Informatikbücher von Klett für Bayern wurden vor zehn Jahren gedruckt und seither nicht mehr aktualisiert. Weil in den meisten Bundesländern Informatik kein Pflichtfach ist, lohnt es sich für den Verlag nicht, weitere Bücher zu entwickeln. "Private Initiativen, die Lehrmaterial zur Verfügung stellen, sind für uns deshalb keine Konkurrenz, sondern ein sinnvolles Angebot", sagt Wierichs.

Auch Unternehmen haben den Informatikunterricht schon länger entdeckt: Lego vertreibt Roboter, mit denen Schüler programmieren lernen sollen. Und Microsoft bietet mit der Initiative "Code Your Life" ebenfalls online Lehrmaterial an.

Die Kurse von App Camps benutzen bundesweit etwa tausend Lehrer, die meisten kommen über Suchmaschinen. "Dass sie nach Wörtern wie Informatikunterricht und Lehrmaterial online suchen, zeigt den Bedarf", sagt Diana Knodel. Alle können sie aber natürlich nicht gewinnen. "Wer ein Smartphone skeptisch beäugt, den werden auch wir nicht überzeugen", sagt Philipp Knodel.

Für das Paar ist App Camps auch eine Initiative für soziale Gerechtigkeit. Seit Jahren bringen private Anbieter Kindern in Workshops programmieren bei. "Da kommen vor allem Jungs mit Eltern, die sie darauf hinweisen", sagt Philipp Knodel. "Wir wollen in die Schulen, damit wir alle erreichen." Auch die Schüler aus sozial schwachen Familien. Und Mädchen, die sich programmieren vorher nicht zutrauen.

Auch Professor Hubwieser betont: "Nur mit breitem Unterricht in der Mittelstufe können wir alle erreichen. Am Ende der Schulzeit wird es schwierig, stereotype Bilder aufzubrechen. Dann kommen nur noch die zur Informatik, die das von vornherein schon interessiert."

In der Hamburger Stadtteilschule arbeitet Maheen als Nächstes an einer Spiele-App. Wenn sie die Aufgabe schafft, kann sie bald einen Schafskopf auf ihrem Handy in ein Haus führen. Dass sie später professionell Apps entwickelt, kann sie sich nicht vorstellen, sie möchte lieber Ärztin werden. "Aber Computer und Smartphones gehören zum Leben. Da sollte man schon wissen, wie sie funktionieren", sagt die 12-Jährige.

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Theya 27.04.2017
1. Ach, Deutschland
"Ihr Lehrer Michael Hopfensitz, 37, hat Deutsch und Geschichte studiert. Wie er unterrichten in Deutschland viele Lehrer fachfremd Informatik. Zwar erwerben sie Zusatzqualifikationen, oft reichen diese aber kaum für einen fundierten Unterricht aus." -- Tja, und Informatikern, die gerne als Quer-/Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf wechseln wollen, wird gesagt, es herrsche kein Bedarf.
hmoik 27.04.2017
2. ...was für ein wunderbarer Bericht...
...es besteht noch Hofffnung. Und als Silicon Valley Bewohner/Pendler kann ich den Knodels nur a) Respekt zollen, b) sie beglückwünschen und c) alles Gute sowie Erfolg wünschen! Typisch ist die unterschiedliche Haltung, zu beobachten in der Aussage des Herrn Professor Hubwiesers und den Knodels: hier Bedenkenträger (was geht nicht?; was könnte alles schiefgehen?), dort Macher, die einfach loslegen (ich behaupte mal, u.a. hervorgehend aus der sehr steilen Lernkurve im Valley). der Unterschied tritt bei einem, vielleicht kleinem, aber sehr sehr bedeutendem Detail zu Tage. die 12jährige Maheen kann jetzt schon einfache Dinge programmieren und einen blauen Strich auf ihren Handybildschirm malen. Ohne es wirklich zu wissen, aber ich behaupte mal, der Herr Professor kann das so nicht. Fragt sich, wer von beiden in 10 Jahren vielleicht, sagen wir mal, so 6-8 Arbeitsplätze geschaffen hat - wir wollen es ja nicht gleich zum neuen Google machen. Aber wer weiß, wovon Maheen so träumt. Go for it, Maheen!
hmoik 27.04.2017
3. ...was für ein wunderbarer Bericht...
...es besteht noch Hofffnung. Und als Silicon Valley Bewohner/Pendler kann ich den Knodels nur a) Respekt zollen, b) sie beglückwünschen und c) alles Gute sowie Erfolg wünschen! Typisch ist die unterschiedliche Haltung, zu beobachten in der Aussage des Herrn Professor Hubwiesers und den Knodels: hier Bedenkenträger (was geht nicht?; was könnte alles schiefgehen?), dort Macher, die einfach loslegen (ich behaupte mal, u.a. hervorgehend aus der sehr steilen Lernkurve im Valley). der Unterschied tritt bei einem, vielleicht kleinem, aber sehr sehr bedeutendem Detail zu Tage. die 12jährige Maheen kann jetzt schon einfache Dinge programmieren und einen blauen Strich auf ihren Handybildschirm malen. Ohne es wirklich zu wissen, aber ich behaupte mal, der Herr Professor kann das so nicht. Fragt sich, wer von beiden in 10 Jahren vielleicht, sagen wir mal, so 6-8 Arbeitsplätze geschaffen hat - wir wollen es ja nicht gleich zum neuen Google machen. Aber wer weiß, wovon Maheen so träumt. Go for it, Maheen!!!
Spiegelleserin57 27.04.2017
4. das ist möglich weil...
Zitat von Theya"Ihr Lehrer Michael Hopfensitz, 37, hat Deutsch und Geschichte studiert. Wie er unterrichten in Deutschland viele Lehrer fachfremd Informatik. Zwar erwerben sie Zusatzqualifikationen, oft reichen diese aber kaum für einen fundierten Unterricht aus." -- Tja, und Informatikern, die gerne als Quer-/Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf wechseln wollen, wird gesagt, es herrsche kein Bedarf.
zum Beruf des Lehrers auch der didaktische Teil gehört...also weit mehr als nur die Fachkenntnisse. Es werden Kinder unterrrichtet und keine Erwachsenen. Wären Kinder soweit entwickelt wie Erwachsene könnten sie auch Autos fahren was ihnen strikt untersagt ist weil das kindliche Gehirn eben noch nicht ausgereift ist. Lehrer müssen die Entwicklung eines Kindes einschätzen können und es auch indviduell fördern. Daher ist es nachvollziehbar dass Informatiker erst durch eine Zusatzausbildung ( Doppelstudium) Lehrer werden können.
Spiegelleserin57 27.04.2017
5. Apps programmieren ist leicht...
Kinder sollten aber die Verantwortung lernen die sie im Netz tragen und die Gefahren kennen lernen. Auch dies gehört zum Unterrricht Informatik dazu. Es macht sicher viel Spass Technik zu lernen und auch Technik zum Lernen zu nutzen aber immer mit der Kenntnis um deren Gefahren. Mobbing in Schulen ist auch via Internet mittlerweile Tagesordnung. Da sind auch die Eltern gefordert ihre Kinder gut anzuleiten und deren Aktivitäten zu überwachen. Dass IT-Firmen auf den Schulbuchmarkt drängen ist durchaus positiv, ersetzen werden sie die Lehrer allerdings nicht!
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