Inklusion Behinderte Kinder lernen an Regelschulen besser

Wenn sie Regelschulen besuchen, lernen behinderte Kinder laut einer neuen Studie mehr. Einige Eltern und Experten fürchten aber, andere Mitschüler könnten durch die Kinder mit Förderbedarf schlechter werden.

Sonderpädagogin mit Schülerinnen (Archiv): Wie gut funktioniert Inklusion?
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Sonderpädagogin mit Schülerinnen (Archiv): Wie gut funktioniert Inklusion?

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Bildungsforscher haben ein Problem: Jede ihrer Studien und Empfehlungen wird schnell verkürzt, verfälscht und instrumentalisiert. Denn Debatten um Kindergärten, Schulen und Unis werden mit einer Leidenschaft geführt, die selten ist in der Politik. Ob es um Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen geht, um das Turbo-Abitur oder eine Kita-Pflicht - Eltern, Politiker, Lehrer neigen dazu, gefühltes Wissen mit Tatsachen zu verwechseln.

Die heftigste Debatte tobt gerade um die Inklusion behinderter Schüler. Jedes Kind hat das Recht auf gemeinsamen Unterricht, so verlangt es eine Uno-Konvention, die vor fünf Jahren auch in Deutschland in Kraft trat. Das heißt: Behinderte dürfen eine Regelschule besuchen, wenn sie beziehungsweise ihre Eltern das wollen. Sie dürfen nicht mehr auf Förderschulen abgeschoben werden.

Jetzt könnte eine neue Studie den Streit befeuern. So kommen Wissenschaftler vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) zu dem Schluss, dass Kinder mit Förderbedarf mehr und besser lernen, wenn sie mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam unterrichtet werden. Sie schneiden im Lesen, Zuhören und Rechnen deutlich besser ab als vergleichbare Schüler an Förderschulen, heißt es in dem Papier, das SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Bis zu einem Jahr Lernvorsprung

Das IQB soll die Bundesländer dabei unterstützen, vernünftige Bildungspolitik zu machen, es vergleicht in eigenen Tests regelmäßig die Leistungen der Schüler in Deutschland. Für die neue Studie "Wo lernen Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besser?" haben die Autoren Daten von Grundschülern aus dem Jahr 2011 neu ausgewertet. Der Text soll demnächst in der "Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie" erscheinen.

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Demnach sind Kinder mit Förderbedarf an Regelschulen ihren Altersgenossen an Förderschulen im Lesen und in der Mathematik um ein halbes Jahr voraus, im Zuhören sogar um ein Jahr. Die Forscher sind selbst erstaunt. Der Lernvorsprung sei "überraschend groß", so zitiert die "Zeit" die Leiterin des IQB, Petra Stanat. Sie habe damit nicht gerechnet.

Befürworter der Inklusion werden das als Argument nutzen - auch als Argument gegen Förderschulen, die früher Sonderschulen hießen und oft einen noch schlechteren Ruf haben als ehemals Hauptschulen.

Andere Experten warnen jedoch vor voreiligen Schlüssen: "Man darf die Förderschule nicht verteufeln", sagt Elke Wild von der Uni Bielefeld. Die Psychologin leitet seit zwei Jahren das Projekt BiLief, eine Längsschnittstudie zu Inklusion. Wild und ihre Kollegen beobachten 450 Kinder, die unterschiedliche Schulformen in Nordrhein-Westfalen besuchen.

Sind Regelschulen immer die bessere Wahl?

Ihr Zwischenfazit: Ja, behinderte Kinder an Regelschulen sind in ihrer Lese- und Rechtschreibkompetenz erfolgreicher als Kinder an Förderschulen. Über die Zeit hinweg, also im Längsschnitt, verringert sich der Vorsprung jedoch etwas. Wild erklärt diese Beobachtungen damit, wie Kinder auf Schulen verteilt werden - und nicht damit, dass Regelschulen per se besser sind. Alle Schulformen hätten daher durchaus ihre Berechtigung, sagt Wild. Und die Forscherin teilt die Sorgen mancher Eltern, dass die schulischen Leistungen ihrer nicht behinderten Kinder unter zu viel Inklusion leiden könnten. Würden alle Kinder von Förderschulen auf eine Regelschule wechseln, "würde das Niveau dort sinken", so Wild.

Je schwerer die Behinderung, desto größer sei außerdem die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind schon früh die Schule wechselt oder eine Klasse wiederholen muss und schließlich auf einer Förderschule landet. Je geringer die Behinderung beim Schuleintritt, desto höher die Chance, dass ein Kind von Anfang an besser mitkommt und vom Besuch einer Regelschule profitiert.

Die Autoren der IQB-Studie räumen ein, sie hätten den Schweregrad des Förderbedarfs in ihrer Arbeit nicht berücksichtigen können. Auch sei es möglich, "dass die kognitiven Grundfähigkeiten durch die Art der Beschulung beeinflusst worden sind".

So wird auch nach der Veröffentlichung der Ergebnisse die Debatte um die Mammutaufgabe Inklusion weitergehen. Lehrer werden klagen, sie seien mit verhaltensauffälligen Kindern überfordert. Eltern nichtbehinderter Kinder werden fürchten, das Lernniveau ihres Nachwuchses könnte leiden. Eltern behinderter Kinder werden für den Regelschulbesuch kämpfen. Und Politiker werden versuchen, den Schulumbau möglichst billig voranzutreiben. Und die Bildungsforscher werden weiter arbeiten und damit leben müssen, dass ihre Ergebnisse verkürzt wiedergegeben werden.

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fredadrett 08.05.2014
1. Was wird aus den nichtbehinderten Kindern
Was bedeutet das für sie. Werden die in ihrem Lernen gebremst. Die Frage ist doch, wen lässt man für die Erfolge der behinderten Kinder zahlen?
Tiananmen 08.05.2014
2.
Wen wundert das Ergebnis? Auf der "Regelschule" sind die Anforderungen im "Regelfall" höher, die behinderten Kinder werden im Sog der Leistung der Mitschüler mitgerissen. Das ist gut so und richtig. Dann muss man aber auch so konsequent sein, dass man begabteren Kindern eine vergleichbare Chance einräumt und sie ebenfalls fördert. Es darf auf keinen Fall so sein, dass begabtere Kinder, die schon im normalen Unterricht unterfordert sind, durch ein Absinken des Niveaus noch weiter frustriert werden. Political correctness hin oder her: Menschen, auch Kinder, sind unterschiedlich leistungsfähig, unterschiedlich leistungswillig und unterschiedlich leistungsorientiert.
Hans_Nase 08.05.2014
3. Vorschlag zur Güte
Zitat von sysopDPAWenn sie Regelschulen besuchen, lernen behinderte Kinder laut einer neuen Studie mehr. Einige Eltern und Experten fürchten aber, andere Mitschüler könnten durch die Kinder mit Förderbedarf schlechter werden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/inklusion-behinderte-kinder-an-regelschulen-lernen-besser-a-968288.html
Eine Reaktion wurde vergessen: Viele Eltern stärker behinderter Kinder werden a) Alles dafür tun, dass Ihre Kinder auf einer Förderschule mit entsprechend qualifizierten Personal und behindertengerechter Ausstattung verbleiben und b) Alles dafür tun, dass die weniger behinderten Kinder ebenfalls auf die Förderschulen gehen, da diese die stärker behinderten mitziehen. Mein Fazit: Inklusion ist sicher eine gute Idee. Jedoch ist eine die Umsetzung sehr teuer (Investitionen in die Ausstattung der Schulen, zusätzliche Lehrkräfte und Betreuer) und wahrscheinlich unbezahlbar. Als Folge wird eine halbherzig umgesetzte Inklusion (abgesehen von Einzelfällen) eher zum Nachteil Aller sein - der behinderten Kinder, deren Eltern, den Lehrern/Betreuern. Vielleicht sollte man sich das besser mal eingestehen und ensprechend handeln. Ein Vorschlag wäre, dass man Inklusion nicht flächendeckend ausrollt sondern nur punktuell - dort aber dann richtig. Damit wäre den Beteiligten wohl am meisten gedient.
gonzel 08.05.2014
4. Denkschemata durchbrechen
Inklusion ist richtig und wichtig! Es gilt nicht nur behinderte Kinder zu fördern, sondern direkt in die Gesellschaft zu integrieren. Behindertenparkplätze sind kein Aushängeschild einer mündigen Gesellschaft. Die selektive Ausgliederung von behinderten Menschen aus dem öffentlichen Leben kann nur dann gestoppt werden, wenn der "Umgang" mit ihnen "Alltag" wird. Der Ansatzpunkt der Inklusion packt das Problem bei der Wurzel und schliesst Leistung nicht aus. Unabdingbar aber ist die finanzielle Unterstützung der Schulen damit "normale" Kinder auch ihrer schnelleren Entwicklung ungehemmt nachgehen können. Mehr Lehrer, mehr Spezialisten, mehr Kommunikation mit den Eltern, mehr Verständnis und vor allem mehr Nachdenken...dann kann es funktionieren und die Gesellschaft an sich wachsen.
Privatier 08.05.2014
5. Mehr fordern als fördern, hätscheln und politisieren...
Zitat von sysopDPAWenn sie Regelschulen besuchen, lernen behinderte Kinder laut einer neuen Studie mehr. Einige Eltern und Experten fürchten aber, andere Mitschüler könnten durch die Kinder mit Förderbedarf schlechter werden. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/inklusion-behinderte-kinder-an-regelschulen-lernen-besser-a-968288.html
...dürfte ebenso einfache wie zielführende Konzept sein, das Niveau der SchülerInnen an Förderschulen zu steigern.
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