"Ich wurde oft dazu missbraucht, die Förderschüler ruhig zu halten"

Ein Kind mit Down-Syndrom am Gymnasium Marienschule (Symbolbild)
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Ein Kind mit Down-Syndrom am Gymnasium Marienschule (Symbolbild)


"Ich wurde oft dazu missbraucht, die Förderschüler ruhig zu halten"

"Ich habe mich vor einem Jahr vorzeitig pensionieren lassen, weil ich einfach nicht mehr ausgehalten habe, wie die Inklusion an meiner Schule umgesetzt wurde. Ich konnte meinem Beruf überhaupt nicht mehr gerecht werden.

Ich bin Sonderschullehrerin, habe viele Jahre an einer Sonderschule und zuletzt an einer Gemeinschaftsschule in Schleswig-Holstein gearbeitet. Dabei habe ich durchaus beobachtet, dass sich die Schüler in der Sonderschule stigmatisiert fühlten. Als sie im Zuge der Inklusion mit allen anderen Kindern in eine "normale" Schule gehen durften, war das für viele befreiend. Aber leider sind die Bedingungen, unter denen sie jetzt lernen, so miserabel, dass die Kinder in der Regel völlig überfordert sind: mit dem Stoff, dem Tempo, der Unruhe.

In meinem Landkreis gilt folgende Regel: Jedes Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf hat Anspruch auf 1,8 Stunden Förderung pro Woche durch einen Sonderpädagogen. An meiner Schule saßen meist vier bis sechs Schüler mit Förderbedarf in einer Klasse, so dass ich dort acht bis 12 Stunden pro Woche mit im Unterricht war. Leider nicht immer kontinuierlich in einem Fach. Es konnte sein, dass sich die acht Stunden auf vier Fächer verteilten. So war eine systematische Förderung oft ausgeschlossen.

Die Schüler finden keine Ruhe

Ich habe vor allem Schüler mit auffälligem Verhalten und Lernschwierigkeiten betreut und mich bemüht, ihnen den Stoff auf einem einfachen Niveau zu vermitteln. Aber wenn ständig jemand neben ihnen sitzt, erleben Schüler das oft als neue Stigmatisierung und fühlen sich zerrissen. Sie merken, dass sie Hilfe brauchen, lehnen sie aber ab, weil damit für alle sichtbar wird: Der ist anders, der schafft es nicht alleine. Die Schüler finden deshalb oft keine Ruhe.

Wenn der Lehrer vorne Unterricht macht oder in Gruppen gearbeitet wird und ich den Förderschülern im gleichen Raum etwas erkläre, steigt außerdem der Lärmpegel immens. Das war für meine Schüler ein riesiges Problem, weil sie ohnehin Schwierigkeiten haben, sich zu konzentrieren. Ich hätte mit den Schülern zeitweise gerne woanders gelernt. Um Ausweichräume zu finden, wanderte ich mit meinen Schülern oft durch das Schulhaus. Manchmal saßen wir auch im Flur.

Gerade für Schüler mit Förderbedarf sind solche Notlösungen schlimm. Die brauchen einen festen Rahmen, klare Strukturen und vor allem feste Bezugspersonen. All das hat gefehlt. Dazu kommt, dass kein Lehrer für jede Unterrichtsstunde Stoff auf vier bis fünf Niveaustufen vorbereiten kann. Das ist eine Illusion. In vielen Stunden war ich aber nicht dabei, um diese Lücke zu schließen. Dann haben die Förderschüler oft nichts vom Unterricht verstanden. Und was macht man, wenn man dasitzt und nichts kapiert?

Eins können sie richtig gut: Stören

Es ist frustrierend, wenn man immer wieder merkt, dass man nicht mithalten kann. Einige Schüler ziehen sich völlig in sich zurück, andere langweilen sich - und stören. Sie merken dabei, dass Stören und Pöbeln etwas ist, was sie richtig gut können und womit sie sich in der Klasse - wenn schon nicht über schulische Leistungen - Anerkennung verschaffen: Guck mal, was der sich traut, wie dreist der sich dem Lehrer gegenüber verhält.

Das führte bei uns aber dazu, dass einige Lehrer Schüler mit Förderbedarf nur noch als Störenfriede gesehen haben. Sie haben die Störungen als bewusste Provokation empfunden, weil sie in ihrer Ausbildung nicht gelernt haben, dass sich einige Schüler gar nicht anders verhalten können, dass sie nicht mutwillig stören. Von diesen Lehrern wurden die Kinder nur noch als Belastung empfunden. Ich finde, das ist eine extrem traurige Entwicklung.

Als Sonderschullehrerin wurde ich oft dazu missbraucht, die Förderschüler ruhig zu halten, damit die anderen in Ruhe lernen können. Den Kindern selbst konnte ich so aber überhaupt nicht gerecht werden.

Ich möchte das Rad nicht zurückdrehen und Schüler wieder in die Sonderschule schicke, überhaupt nicht. Aber so wie die Inklusion jetzt läuft, werden die Bedürfnisse von Förderschülern nicht berücksichtigt. Das gilt auch für die Inhalte.

Schüler mit Lernschwierigkeiten sollen sich zum Beispiel auf einem einfachen Level mit der Französischen Revolution beschäftigen, bekommen aber keinen Unterricht in lebenspraktischen Dingen: Einkaufen, Kochen, Preise vergleichen. Dabei wäre das gerade für diese Schüler extrem wichtig, denn sie müssen in ihrem späteren Leben wahrscheinlich mit sehr wenig Geld auskommen.

Ich fand das alles so schlimm und war so unglücklich, dass ich es nicht mehr aushalten und nicht mehr mit mir vereinbaren konnte. Deshalb bin ich in den Ruhestand gegangen.

Sonderschullehrerin, 63 Jahre, Schleswig-Holstein

Aufgezeichnet von Silke Fokken



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