"Inklusion kann richtig Spaß machen"

"Schräge Vögel" vor der Louise Schroeder Schule in Hamburg - Sinnbild für Verschiedenheit
Louise Schroeder Schule

"Schräge Vögel" vor der Louise Schroeder Schule in Hamburg - Sinnbild für Verschiedenheit


"Ich höre von anderen Schulen oft, dass Inklusion dort ungefähr so beliebt ist wie die Steuererklärung. Das finde ich tragisch. Ich erlebe an unserer Schule seit vielen Jahren, wie viel Spaß der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischem Förderbedarf macht - wenn es gut läuft. Das geht aber nicht so, dass man einfach einige Schüler mit Förderbedarf in eine Klasse steckt und hofft, dass sich das von alleine regelt.

Ich arbeite als Sonderpädagogin an einer Grundschule in Hamburg, die seit mehr als 20 Jahren Erfahrung mit integrativem Lernen hat. Wir sind daran gewöhnt, dass sich Lehrer-Teams auf die Bedürfnisse der Kinder einstellen müssen - und nicht umgekehrt.

Wir haben aufgrund unserer Tradition vergleichsweise viele Kinder mit besonderem Förderbedarf. Deshalb sind wir personell recht gut aufgestellt und können fast immer zu zweit in der Klasse sein. Das ist ein riesiger Vorteil, denn für Kinder mit Förderbedarf ist es extrem wichtig, dass nicht mal für zwei Stunden eine Lehrerin für eine Förderung hereinschneit und dann wieder geht, sondern dass verlässlich feste Bezugspersonen da sind.

Der Unterricht wird für alle besser

Durch die Arbeit in Teams können wir uns als Kollegen gegenseitig unterstützen und Unterricht gemeinsam gestalten. Das nützt nicht nur den Kindern mit besonderem Förderbedarf, sondern allen Schülern in der Klasse.

Für Schüler mit Förderbedarf muss man zum Beispiel Zusammenhänge sehr anschaulich erklären, Gegenstände zum Anfassen und Begreifen mitbringen, Bilder und Filme einsetzen, Kinder mit allen Sinnen lernen lassen - so wird der Unterricht insgesamt für alle Kinder besser. Schließlich geht es bei der Inklusion um jedes einzelne Kind.

Ich beobachte außerdem, dass Kinder mit Förderbedarf von anderen Kindern oft viel mehr lernen als von uns Lehrern, unter anderem weil sie ihnen viel nachmachen. Ich werde dabei immer wieder neu davon überrascht, was einige Kinder leisten, was wir ihnen gar nicht zugetraut hätten. Es ist toll, das zu sehen, und ich erlebe auch, wie sehr die anderen Kinder von dem gemeinsamen Lernen profitieren.

Kinder ohne Förderbedarf lernen bei uns, dass es nichts Besonderes ist, wenn jemand im Rollstuhl sitzt, autistisch ist oder hin und wieder einen Wutanfall bekommt. Sie gehen sehr entspannt damit um. Ich glaube, all diese Erfahrungen machen Kinder für die Zukunft angstfrei und tolerant - und das ist ein riesiger Gewinn."

Andrea Lübbe, Louise Schroeder Schule in Hamburg

Aufgezeichnet von Silke Fokken



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