"Die Förderschullehrerin und ich störten uns gegenseitig"

Das Wort "Inklusion" steht an der Tafel des König-Wilhelm-Gymnasiums in Höxter (Symbolbild)
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Das Wort "Inklusion" steht an der Tafel des König-Wilhelm-Gymnasiums in Höxter (Symbolbild)


"Meine Schule wurde vor vier Jahren zur Schwerpunktschule, ohne dass das Kollegium gefragt wurde. Wir nehmen seither jedes Jahr pro Klasse bis zu drei geistig behinderte oder lernbehinderte Kinder auf. Dafür wurden uns zuerst eine Förderlehrerin und später noch zwei weitere zur Seite gestellt.

Zuerst saßen die Förderkinder in allen Stunden mit den anderen Kindern in einem Klassenzimmer. In den Hauptfächern Mathe und Deutsch war in der Regel eine Förderlehrerin mit dabei. Sie unterrichtete die Förderkinder parallel nach einem eigenen Lehrplan.

Das war für beide Seiten oft anstrengend. Wir störten uns gegenseitig, weil zwei Lehrer in einem Raum gleichzeitig zwei verschiedene Unterrichtsinhalte vermitteln mussten. Viele Schüler konnten sich nicht gut konzentrieren.

Also überlegten wir Lehrer uns zusammen ein für uns machbares Konzept. In Mathe und Deutsch sollten alle Förderkinder einer Klassenstufe gemeinsam von einer Förderlehrerin unterrichtet werden, getrennt von den anderen Schülern. In den restlichen Fächern wollten wir Regelschullehrer selbst den Unterricht nach den Möglichkeiten der Kinder differenzieren.

Das Konzept funktionierte gut - bis die Schulbehörde einschritt. Sie forderte Inklusion in allen Fächern. Deshalb findet auch der Hauptunterricht zum neuen Schuljahr wieder im Klassenverband statt. Die gegenseitige Störung ist programmiert. Außerdem haben wir gar nicht genug Förderlehrer, um alle Deutsch- und Mathestunden abzudecken. Wenn wir alle Förderkinder einer Klassenstufe wieder in Lerngruppen zusammenfassen dürften, so wie letztes Jahr, wäre dieses Problem leichter zu lösen.

Mit dem Konzept, das die Behörde fordert, werden viele Förderkinder jedoch nicht einmal mehr in den Hauptfächern qualifiziert betreut. Dann müssen auch dort wieder wir Regelschullehrer einspringen. Das ist sehr frustrierend, weil ich so immer das Gefühl habe, nicht allen Kindern gerecht werden zu können."

Grundschullehrerin, 58 Jahre, Kleinstadt in Rheinland-Pfalz

Aufgezeichnet von Heike Klovert



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