Behinderte Kinder an Regelschulen "Wir brauchen eine andere Art des Unterrichtens"

Eigentlich sollten behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen - doch das gelingt in Deutschland nur mäßig, zeigt eine neue Studie. Im Interview sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, was sich ändern muss und warum sein Sohn eine Inklusionsklasse besucht.

DPA

SPIEGEL ONLINE: Behinderte Kinder sollen gemeinsam mit allen anderen zur Schule gehen - so will es eine Uno-Konvention (hier als pdf). Ihre Stiftung hat nun eine Studie vorgestellt, inwiefern Inklusion in Deutschland gelingt. Was ist das Ergebnis?

Dräger: Es fällt gemischt aus. Zwar steigen die Inklusionsanteile, also der Anteil der Förderschüler, die eine Regelschule besuchen. Doch gleichzeitig sinkt die Zahl der Sonderschüler kaum, weil zunehmend Förderbedarf diagnostiziert wird. Dadurch bleibt eine Doppelstruktur aus Regel- und Sonderschulen erhalten, und das ist problematisch. Etwa deshalb, weil an den Sonderschulen nur ein Viertel der Schüler einen Hauptschulabschluss schafft. So werden Bildungschancen ungerecht verteilt.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt ungefähr eine halbe Million Kinder mit ausgewiesenem Förderbedarf. Sollen alle in die Regelschulen überwechseln und die Sonderschulen geschlossen werden?

Dräger: Natürlich ist manches mehrfach behinderte Kind besser aufgehoben in der Kleingruppe einer Sonderschule. Die Mehrheit der jetzigen Sonderschüler ließe sich aber in der Regelschule unterrichten. Die sollten wir schrittweise dort integrieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollen die Regelschulen und der Staat als Geldgeber dieses Großprojekt stemmen?

Dräger: Es kostet zunächst Geld, das stimmt. Wenn wir aber mehr Kinder, die im Sonderschulsystem scheitern, zu einem Abschluss führen, dann rechnet sich das auf Dauer.

SPIEGEL ONLINE: Politiker sämtlicher Parteien haben die Inklusion zum Mega-Thema ausgerufen. Passiert nicht schon genug?

Dräger: Die Inklusion ist auf der Agenda der Bildungspolitik angekommen, und es ist viel Positives passiert. Nur: Ein politisches Bekenntnis macht noch keine gute Inklusion. Viel wichtiger als steigende Quoten ist doch, was in den Klassenzimmern passiert. Wir brauchen eine andere Art des Unterrichtens, und dafür wiederum besser ausgebildete Lehrer und gut ausgestattete Schulen. Sonst sind Enttäuschungen programmiert.

SPIEGEL ONLINE: Wonach bemisst sich erfolgreiche Inklusion?

Dräger: Zum Beispiel daran, dass die Ressourcen von den Sonderschulen an die Regelschulen mitwandern. Die Expertise der Sonderpädagogen würde dann nicht mehr nur einer kleinen Gruppe von Schülern zugutekommen. In der Grundschule meines Sohnes, zweite Klasse, sind beispielsweise durchgängig eine Regelschullehrerin und ein Sonderpädagoge beim Unterricht dabei.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Ihren Sohn in eine Integrationsklasse eingeschult?

Dräger: Er hat keinen Förderbedarf, aber wir haben uns bewusst dafür entschieden, wie auch andere Eltern. In seine Klasse gehen vier Förderschüler, einer hat sogar dauerhaft einen Integrationshelfer dabei, meist sind drei Erwachsene im Unterricht anwesend. In solchen Gruppen wird besser mit der Tatsache umgegangen, dass alle Schüler eben unterschiedlich sind. Die Besten bekommen genauso ein Extra-Angebot wie die Schwächeren.

SPIEGEL ONLINE: Für die weitere Schullaufbahn Ihres Sohnes, besonders wenn er ein Gymnasium besucht, wird es weniger Modellprojekte dieser Art geben.

Dräger: Leider verringert sich die Zahl inklusiver Schulangebote mit fortschreitender Schullaufbahn. Die Kindergärten nehmen viele Inklusionskinder auf, die Grundschulen einige, in den weiterführenden Schulen sind es nur noch wenige, besonders wenige an den Gymnasien.

SPIEGEL ONLINE: Mit welchen Folgen?

Dräger: Die Gymnasien setzen sich nicht ausreichend mit der Frage auseinander, wie unterschiedlich Kinder lernen. Das halte ich für problematisch. Wenn Sie sich ansehen, welcher Anteil eines Altersjahrgangs etwa in den Hamburger Elbvororten das Gymnasium besucht, dann ist das Gymnasium dort längst zur Gesamtschule der Mittelschicht geworden. Das Gymnasium ist kein elitäres System mehr. Wer behauptet, er habe dort noch eine homogene Lerngruppe vor sich sitzen, Inklusion hin oder her, macht sich etwas vor.

SPIEGEL ONLINE: Macht es die Integration behinderter Kinder nicht noch schwieriger, ein gewisses Leistungsniveau zu garantieren?

Dräger: Es ist ohne Frage eine Herausforderung. Aber lösbar, wenn wir den Unterricht ausreichend individualisieren. Die Idee ist falsch, dass sich Leistung und Gerechtigkeit ausschließen. Ein gutes Bildungssystem kann leistungsstark und gerecht sein. Es muss eben ein schülerzentrierter Unterricht sein, kein lehrerzentrierter.

SPIEGEL ONLINE: Einzelne Bildungspolitiker träumen davon, über die Inklusion doch noch ihre Idee einer Gemeinschaftsschule zu verwirklichen. Wenn Behinderte die Regelschule besuchen, warum dann nicht Kinder aller Leistungsstärken auf einmal?

Dräger: Träumen darf jeder, nur nützt es in diesem Fall wenig. Ich halte es für verschwendete politische Energie, zuerst über Schulstrukturen zu reden. Das gefährdet eher Reformprojekte. Gute Schule ist guter Unterricht, und der wird durch gute Lehrer gemacht. Die alten ideologischen Schlachten über die Schulstruktur sollten wir zurückstellen.


Die Studie in Kürze: Die Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, wie sehr Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen: Zwar besucht inzwischen etwa jeder vierte Schüler mit Förderbedarf eine reguläre Schule. Damit stieg der Anteil behinderter Kinder, die Regelschulen besuchen, von 18,4 Prozent im Jahr 2009 auf 25 Prozent im Schuljahr 2011/12, analysierte der Bildungsforscher Klaus Klemm für die Stiftung. Allerdings nimmt die Schülerzahl an Sonderschulen kaum ab; denn bei immer mehr Schülern wird sonderpädagogischer Förderbedarf diagnostiziert. Klemms Fazit: Es bestehe ein "Doppelsystem aus Regel- und Förderschulen" fort. Solange sich daran nichts ändere, sei erfolgreiche Inklusion schwierig.

Das Interview führte Jan Friedmann

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and_one 20.03.2013
1. Eine andere Art des Unterrichtens wird ohnehin gebraucht
Methodik und Didaktik kommen bei der Lehrerausbildung zu kurz, der Einsatz moderner Medien scheitert an mangelnder Weiterbildung und ein Qualitätsmanagement gibt es nicht. Verbeamtete Lehrer, die sich der Entwicklung entziehen, wird man nicht mehr los. Dazu werden die Lehrer mit Verwaltungsaufgaben so überfrachtet, dass ihnen die Zeit für ihre eigentlichen Aufgaben genommen wird. Zudem wird fast jedes Jahr eine neue "bildungspolitische Sau durchs Dorf getrieben", -will heißen: Kein Jahr ohne Bildungsreform und die Schulen kommen nicht zur Ruhe. Was will man da erwarten?
caone 20.03.2013
2. individualisierung
die individualisierung im unterricht is wichtig und toll. nur leider eine illusion. bei einer klassenstärke von über 30 schülern ist das nur selten zu machen. individualisierung wäre jedoch wichtig um die chancengleichheit zu fördern, da jedes kind tatsächlich anders lernt. um dies nun aber zu bewerkstelligen müssten ganztagsschulen eingeführt werden (vormittag normaler unterricht, nachmittags geziehlter förderunterricht; z.b.) und viele neue lehrer angestellt werden. und das kostet geld... und wird deshalb nicht passieren... leider. sehr schade, da bildung unser einziger rohstoff ist und auch das kernproblem vieler anderer gesellschaftlicher probleme.
geocacher7 20.03.2013
3. Eine andere Art des Unterrichtens
Diese WischiWaschi-Forderung funktionert einfach nicht, auch wenn man Lehrer noch so gut ausbildet oder Sonderschulen in Regelschulen integriert. Das ist beides völlif utopisch in einer Gesellschaft, in der die Unterschiede gerade bei Jugendlichen immer größer werden. Da ist ein differenziertes Schulsystem immer noch das beste. Ich habe schon vor 40 Jahren verzweifelte Versuche an einer amerikanische High School miterlebt, wo man das sog. 'individualised instruction' eingeführt hatte. Es war mit unglaublichem Aufwand an Lehrern und Lehrmaterial versucht worden. Am Ende mußte man erkennen, dass man gescheitert war. Der Aufwand stand in keinem Verhältnis zum Ergebnis, das man sich erhofft hatte. Als Lehrer, der 40 Jahren auch in den USA und GB unterrichtet hat, weiß ich wovon ich rede. Wenn ich benachteiligte Schüler fördern will, kann ich es nur in differenzierten Systemen, aber nicht in Einheitsbrei-Gesamtschulen. Fragen Sie mal einen High School Absolventen, was er in den ersten Jahren an seinem College macht. Er holt alles das nach, was man bei uns an einer Sek II Stufe lernt.
gifmemore 20.03.2013
4. Eine anderen Unterricht brauchen wir schon sei 30 Jahren
Nach wenigen Wochen ist die Euphorie vieler Kinder verflogen. Lernen in der Schule macht vielen keinen Spaß. Man wundert sich ... offenbar werden nur Menschen Lehrer, die die Unterrichtsform der letzten Jahre spitze fanden. Kinder wollen lernen ... aber eben offenbar anders. Frontalunterricht, Hausaufgaben, Druck und auswendig Lernen dafür steht die Schule heute noch genauso wie 1960. Schon in der Grundschule ist vielen Kindern klar - das Schule dann doch nicht so toll ist, wie sie gedacht haben. Reformen .. keine! Änderungen .. keine! Im Zweifel sind nicht die Lehrer oder die Schule, sondern Elternhaus oder gar die doofen Kinder schuld. Da machen es sich viele Lehrer einfach - ihr Job ist Wissensvermittlung nicht Begeisterung. Tja - und wer rumnervt, weil ihm langweilig ist ... der wird ebend schnell von den Lehrern links liegen gelassen ... das wars. Schulbiografie unerfolgreich in der 3ten Klasse beendet. Pech gehabt! Die Lehrer kassieren dagegen weiter, werden immer besser bezahlt. Die Qualität der Lehre wird immer mieser - die Kinder lernen immer weniger. Das ist natürlich kein Fehler der Lehrer - nein... die Kinder sind einfach blöder als noch vor 30 Jahren.
testthewest 20.03.2013
5.
Zitat von sysopDPAEigentlich sollten behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam lernen - doch das gelingt in Deutschland nur mäßig, zeigt eine neue Studie. Im Interview sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, was sich ändern muss und warum sein Sohn eine Inklusionsklasse besucht. http://www.spiegel.de/schulspiegel/wissen/inklusion-joerg-draeger-erklaert-was-sich-in-schulen-aendern-muss-a-889496.html
Das war mal wieder eine dicke Ladung "political correctness". Da wird also den Sonderschulen die schuld gegeben, dass die Schüler häufig den Hauptschulabschluss nicht schaffen. Es wird behauptet: Wenn diese Schüler auf Regelschulen wären, dann würden daraus tolle Steuerzahler, und der Staat könnte auf lange Sicht viel sparen. Doch es wurde nie eingehend untersucht, ob es denn Tatsächlich die Sonderschulen sind, die den Abschluss verhindern. Es zeigt mal wieder die typische Politiker-Denke, die ohne Einblick in die Realität einfach ein paar Zahlen anschaut, nen Dreisatz macht und damit meint, dass Problem gelöst zu haben. So haben wir nun auch 2/3 Gymnasiasten - mit einer Abschlussprüfung (genannt Abitur) dass wahrscheinlich einfacher ist, als ein früherer Realschulabschluss, und glauben nun einen Vorteil zu haben.
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