Junge aus Baden-Württemberg Darf Henri aufs Gymnasium?

Henri hat das Down-Syndrom, trotzdem soll er aufs Gymnasium. Den Wunsch seiner Eltern lehnt die Schule in Walldorf aber ab. Die Heimatgemeinde des Jungen ist in Aufruhr.

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Als ihr Henri mit Down-Syndrom auf die Welt kam, fassten seine Mutter und ihr Partner einen Entschluss. "Wir haben uns geschworen, dass wir ihn nie durch unsere niedrigen Erwartungen behindern, indem wir ihm nichts zutrauen", sagt Kirsten Ehrhardt. Seit elf Jahren kämpft sie jetzt schon für ihren geistig behinderten Sohn.

Sie hat erreicht, dass Henri eine normale Grundschule in seinem Wohnort Walldorf bei Heidelberg besucht, im Rahmen eines Inklusions-Modellversuchs des Landes Baden-Württemberg. Dass er lesen gelernt hat, unterstützt von einem Sonderpädagogen. Nun traut Erhardt ihrem Sohn den ganz großen Schritt zu: Nach den Sommerferien soll Henri auf das örtliche Gymnasium wechseln. Gegen den Widerstand der Direktorin, des Lehrerkollegiums, anderer Eltern und Schüler. Helfen soll dabei eine Online-Petition, adressiert an die grün-rote Landesregierung.

Der Fall Henri sorgt für Aufruhr - in Walldorf und darüber hinaus. Mehr als 20.000-mal wurde in den vergangenen Tagen der Internetaufruf eines Mitstreiters von Ehrhardt unterzeichnet. Dieser fordert Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch auf, einen weiteren Modellversuch zu starten: Er soll Henri aufs Gymnasium lassen und sich über den Beschluss der Schule hinwegsetzen, den Jungen nicht aufzunehmen. Auf der anderen Seite haben Walldorfer Bürger über Ostern zwei Gegenpetitionen lanciert - und bereits an die 3000 Unterstützer für ihre direkten oder verklausulierten Forderungen an Stoch gefunden, Henri das Gymnasium zu verwehren.

Kulturkampf um Henri

Der Fall des elfjährigen Jungen wächst sich zum Kulturkampf aus. Es geht um eine Grundsatzfrage: Sollen geistig behinderte Kinder gleichberechtigt am Unterricht aller allgemeinen Schulen teilnehmen dürfen - auch wenn sie den Mitschülern kaum folgen können? Die Rechtslage ist unklar. Zwar hat sich Grün-Rot mehr Inklusion zum Ziel gesetzt; zweimal aber haben die Politiker die Reform des Baden-Württemberger Schulgesetzes verschoben. Ein dritter Versuch ist erst für das Schuljahr 2015/16 angekündigt.

Dass ihr Henri kaum das Abitur schaffen wird, räumt Kirsten Ehrhardt ein. Ihr gehe es darum, dass er mit seinen Freunden aus der Grundschule zusammen bleibt und mit dem Sonderpädagogen, der Henri sowie vier andere gehandicapte Kinder bisher betreut, er wechselt bald mit zwei körperbehinderten Schülern auf das Walldorfer Gymnasium. "Henri könnte die Klasse bereichern", sagt Ehrhardt.

Die Lehrer sehen das mehrheitlich anders. In einer Gesamtlehrerkonferenz hatten sie sich gegen Henris Aufnahme entschieden. Das macht Henris Mutter wütend. "Viele Leute haben die Vorstellung, dass da ein Doofer sitzt. Hier in Baden-Württemberg denkt man noch, diese Menschen müssten bügeln lernen in der Sonderschule", sagt Ehrhardt.

Behindertenfeindlichkeit kann man dem Gymnasium Walldorf nicht vorwerfen. Seit Jahren führt es körperbehinderte Jugendliche zum Abitur: Rollstuhlfahrer, Epileptiker, schwer Sehbehinderte. Und auch die beiden gehandicapten Kinder aus Henris Gruppe will es aufnehmen - weil diese eine Chance haben, das Schulziel zu erreichen. "Welchen Sinn ergibt es, einen geistig Behinderten in ein Gymnasium zu stecken?", fragt Regina Roll, Vorsitzende des Elternbeirats. "Das ist ein intellektueller Hochleistungsbetrieb. Wir fürchten, dass Henri von der ersten Woche an dem Lernstoff nicht folgen kann und ohne entsprechende Begleitung den Unterricht aufhält." Schließlich könne der Sonderpädagoge den Kindern nur in einem Teil der Stunden zur Seite stehen. Zum Fall Henri wollte sich die Schulleitung auf Anfrage nicht äußern.

"Hier soll ein politisches Exempel statuiert werden"

Sollen nur sogenannte zielgleiche Kinder aufs Gymnasium dürfen - also Schüler, die zwar gehandicapt sind, aber intellektuell in der Lage, das Abitur zu machen? Oder auch "zieldifferente" Kinder, die das Abitur wohl nicht schaffen werden? Henri sei ein Präzedenzfall, sagt Robert Wallitzer-Eck, der Verfasser der Petition für die Aufnahme: "Eine Ablehnung hätte eine verheerende Signalwirkung, sie würde Gymnasien die Anleitung liefern, wie sie sich ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung entziehen." Wallitzer-Eck hat ebenfalls einen geistig behinderten Sohn.

"Meiner Meinung nach soll hier ein politisches Exempel statuiert werden", kontert Raphael Fritz, Verfasser eines der Gegenaufrufe: "Aber was ist das Beste für das Kind?" Er selbst habe einen geistig behinderten, heute 20-jährigen Bruder, der auf der Sonderschule "viel besser gefördert" worden sei und dort "wahre Freundschaften" geschlossen habe, erzählt Fritz. "Mein Bruder hat auch bei mir unterschrieben."

So unterschiedlich die Positionen sind, in einem sind sich die Petenten einig: Der Kultusminister soll entscheiden und die Hängepartie beenden. Doch Andreas Stoch (SPD) will zunächst das zuständige Schulamt nach anderen Ausbildungsstätten für Henri suchen lassen. "Hier hat ein Prozess begonnen, bei dem den Eltern vorgeschlagen wird, welche Bildungswege möglich sind", sagt ein Ministeriumssprecher. Diese Alternativen müssten zunächst ausgearbeitet werden. Und Stoch ergänzte am Donnerstag: "Es besteht die Gefahr, dass man vergisst, dass es um das Wohl eines Kindes geht." Von einem Einzelschicksal hänge nicht ab, ob Inklusion im Südwesten gelinge.

Für die Eltern steht ihr Sohn an erster Stelle. Sie befürchten, die Suche nach Alternativen werde vorgeschoben, um ihr Kind vom Walldorfer Gymnasium fernzuhalten. Auf Alternativvorschläge will Kirsten Ehrhardt nicht warten, für sie sind das "juristische Tricks". Und sie verlangt nun eine baldige Antwort vom Minister: "Mit Hinhaltetaktik kriegt Herr Stoch diese Kuh nicht vom Eis."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
mcvitus 25.04.2014
1. Der arme Henri
soll für die politisch motivierten Ambitionen seiner Eltern den Kopf hinhalten. An das Kindeswohl denken sie dabei offensichtlich nicht. Ich bin gespannt wie das weitergeht!
Chris_7 25.04.2014
2. Hört doch endlich mit dem Inklusionsirrsinn auf
Was bei Gender und Diversity angefangen hat wird nun fröhlich beim Thema Inklusion fortgesponnen. Menschen sind nicht alle gleich und können nicht das gleiche leisten. Und jetzt komm mir keiner "aber in der Gruppe geht das ganz toll. Am Ende des Tages zählt immer nur das, was der einzelne bringt. Ein jeder muss nach seinen Möglichkeiten und Fähigkeiten gefördert werden. Aber das heißt nicht, dass alle gleich sind und das gleiche tun können. Auch wenn sie es wollen. Sonst will ich sofort für ein siebenstelliges Gehalt beim FC Bayern in der Startelf spielen. Und wie die Elternvertreterin richtig festgestellt hat. Ein Gymnasium ist ein intellektueller Hochleistungsbetrieb. Bzw. sollte es sein, m.E. sind bekommen heute deutlich zu viele Schüler eines Jahrganges schon das Abi "geschenkt" und es wird zu wenig auf die Studierfähigkeit (=Ziel des Abiturs als allgemeine Hochschulreife) hin ausgesiebt. Aber wieder mal so ein Fall, wo irgend welche fundamentalistisch geprägten Eltern sich über ihr Kind selbst verwirklichen wollen und dabei jeglichen Realität aus den Augen verlieren.
Phil2302 25.04.2014
3.
Ich verstehe die Schule. Wenn selbst die Mutter zugibt, dass der Junge niemals das Abitur erreichen kann, dann hat der Junge nichts auf dem Gymnasium zu suchen. Es ist unglaublich, welche Auswüchse das mittlerweile annimmt mit der Inklusion. Fragt eigentlich noch jemand danach, was das beste für das Kind ist?
lordofaiur 25.04.2014
4. Frage
Zitat von sysopDPAHenri hat das Down-Syndrom, trotzdem soll er aufs Gymnasium. Den Wunsch seiner Eltern lehnt die Schule in Walldorf aber ab. Die Heimatgemeinde des Jungen ist in Aufruhr. http://www.spiegel.de/schulspiegel/inklusion-kind-mit-down-syndrom-soll-aufs-gymnasium-a-965875.html
Wieso wollen die Eltern von Henri ihren Sohn auf das Gymnasium schicken? Er wird es nicht schaffen. Wir sind nun mal nicht alle gleich, der liebe Gott weiß warum.
Kitujn 25.04.2014
5. Die Schule hat Recht
und sie lehnt ihre gesellschatliche Verantwortung keinesfalls ab wenn sie bereits mehrere, zum Teil schwer behinderte Kinder aufgenommen und zum Abitur geführt hat. Aber diese Sonderstellung, die die Mutter für ihren Sohn verlangt ist zwar rein menschlich verständlich, aber an sich an Quatsch. Sie gibt ja selbst zu, dass es ihr nicht um das Abitur gehe, sondern darum, dass der Sohn mit seinen Grundschulfreunden weiter in eine Schule geht. Sorry, aber das ist kein Grundrecht der Kinder und schon gar kein Grund fürs Gymnasium, jemanden aufzunehmen, der offensichtlich die intellektuellen Anforderungen nicht efüllen kann.
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