Lehrer über Inklusion "Ich konnte das nicht mehr aushalten"

Sie gilt an Schulen derzeit als größte Herausforderung: die Inklusion, das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Förderbedarf. Riesenchance oder riesige Überforderung? Lehrer berichten aus der Praxis.

"Inklusion" steht an der Tafel im König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter (Symbolbild)
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"Inklusion" steht an der Tafel im König-Wilhelm-Gymnasium in Höxter (Symbolbild)

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Früher war die Sache klar: Ein Kind im Rollstuhl, mit geistiger Behinderung, Lernproblemen oder Verhaltensauffälligkeiten ging in Deutschland in der Regel auf eine Sonderschule, getrennt von den "normalen" Kindern. Aber vor einigen Jahren, später als viele andere Länder, beschritt dann auch die Bundesrepublik den Weg zur Inklusion.

Das Ziel: Schüler mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf, wie es im Fachjargon heißt, sollen zusammen in einem Klassenzimmer lernen. Inzwischen wird das in allen Bundesländern Deutschlands mehr oder weniger umgesetzt - und spaltet die Gemüter. Einige erleben Inklusion als alternativlos, andere verzweifeln daran. Kritiker fordern vor allem mehr Personal. Auf SPIEGEL ONLINE berichten fünf Lehrerinnen, wie sie den Unterricht erleben. Einige möchten ihren Namen lieber nicht nennen.


Zur Info: "Inklusion"

Der Begriff Inklusion beschreibt die Vision einer Gesellschaft, in der verschiedenste Menschen gleichberechtigt und selbstbestimmt zusammenleben - unabhängig von ihrem Geschlecht, ihrer Herkunft, Religion oder einer Behinderung.

Wenn es um Inklusion an Schulen geht, verengt sich die Diskussion oft auf das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung bzw. mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. An Deutschlands Schulen wird diese Idee seit einigen Jahren an immer mehr Schulen umgesetzt.

Grundlage dafür ist die Ratifizierung der Uno-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland im Jahr 2009 in Kraft trat. Artikel 24: "Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 229 Beiträge
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zeisig 04.01.2017
1. Es gibt nur Verlierer.
Nicht nur Kinder ohne besonderen Förderbedarf erleiden Nachteile durch die Inklusion. Nein, auch Schüler mit Förderbedarf haben Nachteile. Wer will schon täglich mit Mitschülern zusammen lernen, die immer alles besser machen? Also ich wollte das nicht. Ich würde sehr darunter leiden. Lieber lerne ich mit meinesgleichen und fühle mich wohl.
gonzel 04.01.2017
2. Richtig und wichtig
Inklusion in der Schule ist der entscheidende Schritt, die Stigmatisierung und Separation von Behinderten in unserer Gesellschaft zu durchbrechen. Das Konzept ist richtig und wichtig - es scheitert in Teilen an der Umsetzung: zu wenig Geld für die Schulen, zu wenige qualifizierte LehrerInnen (man beachte die gravierend unterschiedlichen Erfahrungsberichte der jungen und älteren Lehrer) und Sonderpädagogen. Ein wunderbar ergänzender Artikel zum gestrigen Beitrag bez. Quereinsteiger. Als LA-Student gilt den LehrerInnen, die sich mit der Inklusion beschäftigen/inklusiven Unterricht gestalten, die diese gesellschaftliche Herausforderung annehmen mein höchster Respekt!
Phil2302 04.01.2017
3. Aus Sicht eines 6. Lehrers
Ok jetzt sehe ich die Artikel. Also, ich fange einmal mit dem berühmten Zitat der Uno an: "Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives Bildungssystem auf allen Ebenen." Da wird einfach einmal frech behauptet, dass das neue System die Chancengleichheit fördert. Diesen Eindruck habe ich - und natürlich auch meine Kolleginnen und Kollegen - nicht. Natürlich muss man immer den Einzelfall betrachten, aber ich versuche einmal über das große Ganze zu reden. Die Kinder, die von der Integration betroffen sind, unterscheiden sich und werden in Kategorien eingeordnet, wie schon der Artikel andeutet. Nehmen wir körperlich behinderte Kinder: Das ist die wohl mit am besten zu integrierende Gruppe von SuS. Solange die Schule über entsprechende Ausrüstungen funktioniert, gibt es keinen Grund, warum diese Kinder nicht am normalen Unterricht teilnehmen sollten. Hier hört es m. E. aber auch schon auf. Nehmen wir die Gruppen Lernen und geistige Entwicklung. Jetzt mache man sich Folgendes klar: Anstatt dass diese Kinder in kleinen Gruppen von speziell für Förderunterricht ausgebildeten Lehrern unterrichtet werden, soll ein Lehrer, der dafür nicht ausgebildet ist, seinen Unterricht, der zu schwierig für diese Kinder ist, so anpassen, dass er beide Gruppen von SuS bedarfsgerecht bedienen kann. Wie? Das darf er selber herausfinden. Ich bezweifle an dieser Stelle einmal, dass es überhaupt möglich ist. Es wurde bereits angesprochen, dass für wenige Stunden Begleiter für die Kinder dabei sind. Das soll also besser sein als eine eigene Betreuung rund um die Uhr? Ich habe auch von Fällen gehört, in denen die Kinder in der normalen Schule dann aber mehr gelernt haben als auf einer Förderschule. Ja, liebe Leute, dann sollte man sich einmal fragen, ob diese Kinder nicht vielleicht auf einer Förderschule teilweise unterfordert waren, schließlich werden da manche Themen, die in der Regelschule in 2 Wochen thematisiert werden, ein ganzes Schuljahr behandelt. Was Integration mit Sicherheit jedoch nicht leistet, obwohl es immer behauptet wird: Es ist keinesfalls lernförderlich für die 26 "normalen" Kinder in der Klasse. Weiter geht es in Teil 2.
dickebank 04.01.2017
4. Erfahrung
Warum werden hier in erster Linie nur die Erfahrungen aus dem Grundschulbereich widergegeben. Die Inklusion ist längst an den weiterführenden schulen angekommen. - Und da sind die Voraussetzungen aufgrund des Fachlehrerprinzips noch wesentlich schlechter. Die wenigen Stunden Betreuung/Beschulung durch Sonderpädagogen in relation zum "normalen" Regelunterricht werden den I-Kindern in keinster Weise gerecht.
Larissa Sarand 04.01.2017
5. Teil des Problems: Die Lehrerbildung
Ich habe in der Uni als Lehramtsstudentin am eigenen Leib erfahren müssen, dass angehende Lehrer nicht auf die Herausforderungen der Inklusion vorbereitet werden - bzw. generell nicht auf den Schulalltag. Habe was dazu geschrieben: larissasarand.de - "Die Leere in der Lehre"...
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