Behinderte Kinder an Regelschulen Immer mehr Schüler gelten als förderbedürftig

Die Zahl der Kinder mit Förderbedarf, die eine Regelschule besuchen, steigt. Ein Erfolg für die Inklusionspolitik der Bundesländer? Nein, neue Zahlen zeigen: Es werden einfach mehr Schülern Verhaltensauffälligkeiten, Sprach- oder Lernstörungen attestiert.

Von

Achte Klasse eines Gymnasiums in Hildesheim: Behinderte und nicht-behinderte Kinder lernen gemeinsam
DPA

Achte Klasse eines Gymnasiums in Hildesheim: Behinderte und nicht-behinderte Kinder lernen gemeinsam


Die Begeisterung war groß. "Von Anfang an dabei", "Barrierefrei durch alle Gesellschaftsschichten", "Abschied von der Sonderschule". So lauteten die Schlagzeilen in deutschen Tageszeitungen im März 2009. Vor fünf Jahren trat - endlich - auch in Deutschland die Uno-Konvention in Kraft, wonach behinderte und nicht-behinderte Kinder zusammen zur Schule gehen sollen.

Wie sieht es jetzt, fünf Jahre später, in Deutschland aus? Lernen plötzlich alle Kinder gemeinsam? Oder immerhin: mehr Kinder? Ja, lautet die Nachricht, die Experten und Politiker am Mittwoch beim Inklusionsgipfel der deutschen Unesco-Kommission in Bonn verbreiten können. Zwischen dem Schuljahr 2008/2009 und 2012/2013 ist der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Förderbedarf, die an deutschen Regelschulen unterrichtet werden, deutlich gestiegen: Von 18,4 auf 28,1 Prozent. Mehr als jedes vierte Kind, das zusätzliche Hilfe und Unterstützung benötigt, besucht also mittlerweile eine normale Schule. Ein Erfolg, oder?

Ein genauer Blick auf die Zahlen zeigt: Die Inklusion in Deutschland ist nur wenig vorangekommen. Denn der Anteil der Kinder an Förderschulen hat sich so gut wie gar nicht verändert: 4,9 Prozent waren es im Jahr 2008/2009 bundesweit. 4,8 Prozent waren es 2012/2013. "Erst wenn der Anteil der Schüler an Förderschulen sinkt, können wir von einem Erfolg bei der Inklusion sprechen", sagt Nadine Spörer, Professorin für Grundschulpädagogik von der Uni Potsdam.

Immer mehr Kinder mit Störungen?

Erfolg und Misserfolg zugleich? "Die Förderquoten sind insgesamt gestiegen", erklärt der Bildungsforscher Klaus Klemm, der die Zahlen der vergangenen Jahre verglichen hat. Demnach hat sich die Quote der Kinder mit Förderbedarf seit 2008/2009 von 6 auf 6,6 Prozent erhöht. Im Schuljahr 2000/2001 lag sie sogar bei nur 5,3 Prozent. Das heißt: Mittlerweile wird mehr Kindern offiziell eine Verhaltensauffälligkeit, Sprach- oder Lernstörung attestiert. Besonders hoch ist die Quote in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

SPIEGEL ONLINE

Dabei handelt es sich laut Klemm allerdings häufig um Kinder, die bereits eine Regelschule besuchen - und auf Anraten von Lehrern oder Eltern von einem Schulpsychologen oder Sonderpädagogen begutachtet werden. Sie treiben dann die Inklusionsstatistik in die Höhe - während sich der Anteil der Kinder auf Förderschulen kaum verändert. Doch genau das war das erklärte Ziel: Kinder aus den Förderschulen raus- und in Regelschulen reinzuholen. "Das Ausmaß des 'Ausschließens'" sei bislang, so Klemm, kaum gemindert worden.

"Alle Länder halten grundsätzlich an dem Förderschulsystem, das eine getrennte Beschulung fördert und verfestigt, fest", kritisieren auch zwei Juristen, die im Auftrag des Deutschen Instituts für Menschenrechte untersucht haben, wie die Bundesländer in den vergangenen fünf Jahren einen rechtlichen Rahmen für Inklusion geschaffen haben. Ihr Ergebnis ist ernüchternd: Zwar hätten die Bundesländer seither "Anstrengungen unternommen" und unter anderem die Bildungspolitik sowie das Schulrecht geändert.

"Kein Land jedoch erfüllt alle im Recht auf inklusive Bildung angelegten Kriterien", schreiben die Studienmacher Sven Mißling und Oliver Ückert. Auf der rechtlichen Ebene seien vier Länder am weitesten vorangekommen: Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen. Größerer "Anpassungsbedarf" herrsche dagegen noch vor allem in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz.

Davor fürchten sich Lehrer und Eltern

So wechseln noch immer viele Kinder spätestens nach der Grundschule an eine Förderschule, wo jedoch drei Viertel keinen Hauptschulabschluss und damit kaum Berufschancen erhalten. Und wenn doch ein Kind an eine Regelschule geht, zerbrechen sich Eltern und Lehrer den Kopf: Bekommt das behinderte Kind genug Aufmerksamkeit? Wird das nicht behinderte Kind womöglich ausgebremst?, fragen sich Eltern. Wie bekomme ich alle unter einen Hut?, fragen sich Lehrer.

Dabei zeigen Studien, dass gemeinsames Lernen funktioniert - wenn die Voraussetzungen stimmen. Wenn Lehrer gut vorbereitet und ausgebildet werden und mit Sonderpädagogen zusammen arbeiten. Nadine Spörer, Professorin für Psychologische Grundschulpädagogik, hat 72 inklusive Grundschulklassen in Brandenburg untersucht und festgestellt: Alle Kinder - ob leistungsschwach, im Mittelfeld oder leistungsstark - erzielen binnen eines Schuljahres ähnliche Leistungszuwächse wie andere Schüler in Deutschland. Sie sagt: "Unsere bisherigen Ergebnisse zeigen, dass die kognitive Inklusion gelingen kann."

Inklusion in Zahlen:

  • Knapp 500.000 Kinder in Deutschland haben Förderbedarf
  • Der Anteil der Schüler mit Förderbedarf ist seit 2008/2009 von 6 Prozent auf 6,6 Prozent gestiegen
  • Rund 28 Prozent der Kinder mit Förderbedarf besuchen eine Regelschule
  • 72 Prozent besuchen eine Förderschule
  • Seit 2009 gilt in Deutschland die Uno-Behindertenrechtskonvention. Sie sieht vor, dass kein Kind wegen körperlicher oder geistiger Handicaps von einer Regelschule ausgeschlossen werden soll.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 111 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
denkdochmal 19.03.2014
1. Immer mehr gelange ich zu der Ansicht...
Zitat von sysopDPAImmer mehr Kinder mit Förderbedarf besuchen eine Regelschule. Ein Erfolg für die Inklusionspolitik der Bundesländer? Nein, neue Zahlen zeigen: Es werden einfach bei mehr Kindern Verhaltensauffälligkeiten, Sprach- oder Lernstörungen attestiert. http://www.spiegel.de/schulspiegel/inklusion-mehr-kinder-an-regelschulen-mehr-kinder-an-foerderschulen-a-959484.html
daß es eine deutschlandweite Reform des gesamten Schulwesens an Kopf und Gliedern geben muß. Die Kinder sind Opfer einer von schlechter Bürokratie, Unfähigkeit und ideologischen Zwisten mißgeleiteten Situation. Die widersinnige Selbständigkeit der Bundesländer im Bereich Schulwesen muß ein Ende haben - gute Ausbildung der Lehrer, wissenschaftliche Orientierung in allen Bereichen und eine Administration, die ihren (guten) Namen verdient sind das Gebot der Stunde. Zum Wohle der Kinder und unserer Gesellschaft.
frank-xps 19.03.2014
2. Seltsam
Zitat von sysopDPAImmer mehr Kinder mit Förderbedarf besuchen eine Regelschule. Ein Erfolg für die Inklusionspolitik der Bundesländer? Nein, neue Zahlen zeigen: Es werden einfach bei mehr Kindern Verhaltensauffälligkeiten, Sprach- oder Lernstörungen attestiert. http://www.spiegel.de/schulspiegel/inklusion-mehr-kinder-an-regelschulen-mehr-kinder-an-foerderschulen-a-959484.html
Je mehr unsere Gut und Bessermenschen Ihre "Hilfe" anderen angedeihen lassen je mehr "Hilfe" scheint notwendig zu sein. Eventuell in 40 oder 50 Jahren werden diese "Guten Menschen" eventuell sogar zugeben das die Beste Mutter der Welt nicht schlechter ist wie die schlechteste Kindergärtnerin. mir wird schlecht wenn ich von den Verbrechen der Bessermenschen Lese. JEDER Behinderte der durch die Inklusion jetzt auf den Schulhöfen der Regelschulen gemobbt wird ist ein OPFER der INKLUSIONs WAHNIDEEN der rot/grünen Tugendterroristen.
und der Wolf 19.03.2014
3. Inklusion Ja Ideologie Nein
Das gemeinsame Lernen sollte dort ermöglicht werden, wo Eltern es für ihre Kinder als die beste Förderung ansehen, jedoch entscheiden viele Eltern sich, weil sie es für ihre Kinder als das Beste ansehen, für die Förderschule. Dies sieht die UN-Behindertenrechtskonvention auch so vor, denn diese beruht auf dem Gedanken der Wahlfreiheit. Leider ignorieren dies manche Ideologen und reden von Exklusion, eine schlimme Diffamierung von Eltern, die für ihre Kinder die beste Förderung wollen. Förderschulen bieten notwendige Schonräume und ermöglichen die Arbeit von speziell ausgebildeten Lehrern in Teams, gerade bei schwerstmehrfachbehinderten Menschen ein wichtiger Aspekt. Ich meine Elternwille respektieren bedeutet: JA zur Inklusion, NEIN zur Ideologie.
GoaSkin 19.03.2014
4. die Lehrer spielen immer häufiger Psychiater und Neurologe
Ihr Kind hat ADS - liebe Eltern, lassen Sie dem Kind Ritalin verschreiben oder es fliegt von der Schule! Früher gab es zwar mit den Eltern Gespräche darüber, wenn Kinder in irgend einer Form verhaltensauffällig waren. Im Unterschied dazu neigen die Lehrer aber heute dazu, psychische Störungen oder gar geistige Behinderungen selbst diagnostizieren zu wollen. Dadurch passiert es, dass Auffälligkeiten, die man früher rein erzieherisch lösen wollte, heute mit Hilfe von Psychopharmaka oder anderen Maßnahmen bei psychologischen und neurologischen Problemen zu lösen versucht. Dadurch fallen auch immer mehr Leute als ADHS-ler, Autisten oder Borderliner auf, bei denen im Grunde genommen die Symptome garnicht so ausgeprägt sind, um dies pathologisieren zu müssen.
abby_thur 19.03.2014
5. optional
Zitat von frank-xpsJe mehr unsere Gut und Bessermenschen Ihre "Hilfe" anderen angedeihen lassen je mehr "Hilfe" scheint notwendig zu sein. Eventuell in 40 oder 50 Jahren werden diese "Guten Menschen" eventuell sogar zugeben das die Beste Mutter der Welt nicht schlechter ist wie die schlechteste Kindergärtnerin. mir wird schlecht wenn ich von den Verbrechen der Bessermenschen Lese. JEDER Behinderte der durch die Inklusion jetzt auf den Schulhöfen der Regelschulen gemobbt wird ist ein OPFER der INKLUSIONs WAHNIDEEN der rot/grünen Tugendterroristen.
Das ist auch so im Groben mein erster Gedanke gelesen, als ich das erste Mal vor ein paar Jahren von der Inklusion hörte. Egal wieviele Sozialarbeiter die Schulen einstellen (wenn dies überhaupt in ausreichender Menge gemacht wird, was ich ernsthaft bezweifle) - ein geistig behindertes Kind stört den Unterrichtablauf und hindert die normal entwickelten Kinder beim lernen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.