Gymnasiastin mit Downsyndrom Lea mittendrin

Lea besucht die achte Gymnasialklasse, einen Abschluss wird sie nie machen: Die 14-Jährige hat das Downsyndrom. Experten, Lehrer und Eltern befürworten Inklusion - doch wie gehen Teenager mit behinderten Mitschülern um?

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Bundesvereinigung Lebenshilfe / Bernd Lammel

Der zweite Montag nach den Sommerferien, fünfte Stunde, Physik, Gruppenarbeit. Die Schüler der 8c sollen sich überlegen, wie sie für ein Fotografieprojekt Geschichten in Bildern nacherzählen.

Fünf Mädchen lesen der Reihe nach ihren Text vor. Lea, 14, will nicht, sie habe Husten und Schnupfen, sagt sie. Sie liest lieber still mit, fährt mit dem Zeigefinger die Zeilen entlang, mit den Fingern der anderen Hand zupft sie konzentriert an ihrer Unterlippe. Als die Gruppendiskussion losgeht, klinkt Lea sich aus. Sie dreht sich zu Franka, kämmt mit der Hand deren Haare - lang, blond und glänzend -, spielt mit ein paar Strähnen und flicht ihrer Mitschülerin einen Zopf.

"Ich mag dich", sagt Lea.
"Ich mag dich auch, Lea", sagt Franka.
Lea fasst Franka ins Gesicht, das Mädchen lacht.

Dann kuschelt sich Lea an ihre Mitschülerinnen, immer wieder unterbricht sie das Gespräch.

Das Städtische Gymnasium in Bad Segeberg zeigt, wie sich unterschiedliche Kinder mit unterschiedlichen Zielen gemeinsam in einer Klasse wohlfühlen können. Es zeigt aber auch, dass Inklusion trotz guten Willens manchmal einfach nicht funktioniert.

"Ich bin verliebt", sagt Lea.
"Oh, echt? In wen?", fragen ihre Mitschülerinnen.
"In meinen Mann", sagt Lea.

Verliebtsein, Gefühle, Freundschaft - die großen Teenager-Themen beschäftigen auch Lea. Sie trägt Jeans und eine pinkfarbene Trainingsjacke, hat ein schüchternes Lächeln. Doch die Freizeit, das Leben, der Alltag der Schülerin sieht anders aus als bei Gleichaltrigen. Lea hat das Downsyndrom, sie ist geistig behindert und körperlich eingeschränkt. Wenn die anderen Mädchen shoppen gehen, geht Lea zur Physiotherapie. Wenn ihre Mitschüler auf Partys gehen, geht Lea ins Bett. Und wenn die anderen dem Unterricht folgen, lernen oder eine Klausur schreiben, versteht Lea meistens nicht, worum es geht.

Es geht hier nicht um einen Schulabschluss

Auch Henri aus Walldorf hat das Downsyndrom, und wenn es nach seinen Eltern gegangen wäre, würde der Elfjährige jetzt auch ein Gymnasium besuchen. Doch die Schulkonferenz lehnte ab - Lehrer und Eltern waren dagegen. Der Streit darüber beschäftigte vor einigen Monaten zunächst die baden-württembergische Kleinstadt und später die Bundesrepublik. In Tageszeitungen, im Internet und bei Günther Jauch wurde diskutiert: Wie weit soll Inklusion gehen? Sollten nur jene behinderten Kinder ein Gymnasium besuchen, die Aussicht auf Erfolg haben in dem "intellektuellen Hochleistungsbetrieb", wie die Vorsitzende des Elternbeirats in Walldorf meint? Oder sind mit einem "integrativen Bildungssystem auf allen Ebenen", wie es in der Uno-Behindertenrechtskonvention heißt, wirklich alle Ebenen gemeint?

Wie Henri kann Lea nicht dem Unterricht folgen, es geht hier um kein Lernziel, nicht ums Abitur oder überhaupt einen Schulabschluss. Es geht um die Integration in die Gesellschaft.

Leas Schule in Schleswig-Holstein war das erste Gymnasium in Deutschland, das Integrationsklassen angeboten hat, seit 1997 lernen hier behinderte und nicht behinderte Schüler zusammen. Wie viele I-Klassen er schon unterrichtet hat, kann Leas Klassenlehrer Ingo Woitke nicht zählen; sie sind für ihn "ganz normale Klassen". Das Wichtigste bei I-Klassen sei die Zusammenarbeit mit den Sonderpädagogen, denn, so Woitke: "Ich habe keine Ahnung, was ein Downsyndrom-Kind braucht und aufnimmt."

Ein gemeinsamer Klassenraum garantiert keine Freundschaften

Das Städtische Gymnasium hat zwei Integrationsklassen, eine im Jahrgang der sechsten Stufe, eine in der achten Stufe. Ein Sonderpädagoge in Vollzeit und eine Heilerzieherin mit halber Stelle kümmern sich um die zwölf I-Kinder in den beiden I-Klassen, das heißt: In ungefähr 75 Prozent der Schulzeit haben die I-Klassen eine Doppelbesetzung aus Lehrer und Sonderpädagoge - das reiche gerade so, sagt Sonderpädagoge Olaf Schneider. "Mit einer überwiegenden Einzelbesetzung ginge es gar nicht. Die Bedürfnisse der Kinder sind so unterschiedlich." Eine verlässliche Doppelbesetzung ist aus Sicht vieler Experten der Schlüssel zu gelingender Inklusion - und der höchste Kostenfaktor.

Die 21 Schüler der 8c verbringen gut die Hälfte der Unterrichtszeit gemeinsam, mit Einzel- oder Doppelbesetzung, die anderen Stunden unterrichtet Schneider Lea und die anderen getrennt. Dabei, sagt er, sei es besser, fünf statt zwei Förderkinder in einer I-Klasse zu haben, "die haben dann auch die Möglichkeit, ihre eigene Clique zu bilden".

Denn: Ein gemeinsamer Klassenraum ist auch in I-Klassen keine Garantie für Freundschaften. "Wir haben schon andere Interessen. In den Pausen und in der Freizeit ist es schwierig, da ist Lea außen vor", sagt Kaya. Die 14-Jährige kennt Lea seit der Grundschule, auch auf dem Gymnasium wollte sie eine I-Klasse besuchen, denn die Mädchen mögen sich: Kaya war bei Leas Geburtstagsfest, und als es im Spätsommer für fünf Tage auf Klassenreise nach Mecklenburg-Vorpommern ging, teilten Kaya und ihre Freundin Lia gern ihr Zimmer mit Lea.

Sie würde ihr Kind nicht irgendwo hingeben, wo es unerwünscht ist, sagt Olga Zöpfgen, Leas Mutter. Henris Fall findet sie deshalb auch "schwierig". Dass die Unterschiede zu den Mitschülern seit der fünften Klasse immer größer werden als in der Grundschule, wo alle noch klein und verspielt waren, fällt ihr aber auch auf.

Dennoch: "Eine Förderschule wäre nicht das reale Leben", sagt Zöpfgen. Als sie und ihr Mann feststellten, dass Lea viel von anderen Kindern lernt, aber in dem ersten Grundschuljahr auf der Förderschule fast nichts, entschieden sie sich für eine Regelschule. Lea hat eine persönliche Schulbegleiterin, die sie morgens zu Hause abholt, die mit ihr im Sportunterricht Bälle wirft, wenn Lea wegen ihres Asthmas nicht mitsprinten kann, und die mit ihr in der Pausenhalle wartet, wenn Lea mal wieder den Physikraum nicht betreten mag, weil der keine Fenster hat.

"Häufig umarmt und geküsst"

Mitschüler Joshua hat dann manchmal ein schlechtes Gewissen. Der 13-Jährige spielt in den Pausen meistens Fußball mit den anderen Jungs. Manchmal fragt er sich, was Lea wohl macht, ob sie irgendwo allein sitzt. Wie jeder Junge in dem Alter fände er es aber "komisch", allein zu ihr zu gehen. Ab und zu verabredet er sich deshalb mit anderen, um Lea zum Mitmachen zu überreden. Manchmal klappt es.

"Lea kann eigenwillig sein", sagt Lia. Und auch mal anstrengend: "Ich habe mal neben ihr gesessen, da hat sie mich häufig umarmt und geküsst, das hat manchmal genervt." Lea sei aber auch sehr lebensfroh und witzig. Für den Sonderschulpädagogen Schneider sind Erfahrungen wie diese entscheidend. "Integration ist nicht nur fachlich, hier steht die Gruppe im Mittelpunkt", sagt er. Es sei wichtig, dass die Mitschüler die kleinen Lernfortschritte der behinderten Kinder würdigten, aber ebenso, dass sie ihre Scheu ablegten und zu einem behinderten Kind auch mal sagten "Hey, das nervt!"

Störungen im Unterricht, unterschiedliche Interessen und ein schlechtes Gewissen - für Sonderpädagoge Schneider und Klassenlehrer Woitke gehören diese Dinge in jeder Schulklasse dazu. "Manchmal kämmt auch Franka während der gesamten Stunde einer Freundin die Haare", sagt der Klassenlehrer. Die Grenze der Integration ist für ihn erreicht, wenn mit Schülern keine Kommunikation möglich ist, wenn sie stark verhaltensauffällig oder sehr aggressiv sind. Einige I-Kinder mussten das Bad Segeberger Gymnasium deshalb schon verlassen.

Eine Schülerin der Physik-Arbeitsgruppe macht beim Vorlesen der Fantasy-Geschichte eine kurze Lesepause und guckt zu Lea. Sie will wissen, ob ihre Mitschülerin versteht, worum es gerade geht, ob sie folgen kann.

"Kommst du mit, Lea?", fragt sie.
"Wohin?", fragt Lea.

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spon-facebook-10000672769 07.10.2014
1. ALLE mittendrin!!!
Ich finde es gut, wenn behinderte Kinder im "normalen" Schulleben bleiben. Die Abschottung in Förderschulen ist nicht das Leben. Nur - muss es DAS Gymnasium sein? Wieviele Kinder aus Haupt-und Realschulen würden auch gern auf das Gym gehen - doch sie erhalten keine Bildungsempfehlung. Und behinderte Kinder werden mit einem enormen Aufwand, personell und finanziell, dort integriert: in das Schulleben, jedoch nicht in den Lehrplan. Bei aller Liebe, ich habe selbst ein Kind, welches vor 30 Jahren in eine Förderschule gehen musste, ist dies total überzogen. Besonders in den Hauptschulen fehlen Lehrer, fällt ständig Unterrricht aus. Viele der Schüler können nach 9 Jahren Schulunterricht nicht richtig lesen, schreiben, rechnen. Unser Schulsystem ist doch gar nicht in der Lage, individuell zu fördern. Es geht nur zu Lasten anderer. ALLE Kinder haben ein Recht auf optimale Schule!
dnicklass 07.10.2014
2.
Der Aufwand, finanziell und personell, ist gleich ob nun in Gymnasium, Realschule oder Hauptschule integriert wird. Ein Kind mit Down Syndrom wird kein Klassenziel erreichen egal welche Schule es besucht. Aber das ist auch nicht die Idee hinter Inklusion. In Baden Württemberg gibt es zudem auch keine bindende Schulempfehlung - jedes Kind kann das Gymnasium besuchen, wenn es will. Wieso sollte also ein Kind mit Down Syndrom nicht auch das Gymnasium wählen dürfen?
Lampenluft 07.10.2014
3. Ist das Nicht-verstehen ideale Förderung?
Ich denke, dass es keinen Königsweg gibt. Aber ich habe eine Verwandte mit Down-Syndrom in Skandinavien. Dort wird vieles pragmatischer gesehen. Sie hat zuerst eine Förderschule besucht, aber hier stand im Gegensatz zu Deutschland eine wirkliche Integration in das normale Arbeitsleben im Vordergrund. Danach besuchte sie eine Spezialklasse in einer Regelberufsschule und machte eine Ausbildung. Eine Zeit wohnte sie alleine in einer Wohnung, inzwischen lebt sie in einer Wohngruppe mit etwas Hilfe. Sie arbeitet seit Jahren an ihrer Arbeitsstelle. Solche Lebenswege für Down-Syndrom-Menschen finden sich in Deutschland viel seltener und wir sollten und fragen wieso? Ist es das, was wir wollen, ein Kind mit anderen Voraussetzungen in einem Umfeld zu lassen, in dem die eigentlich einzige Förderung das Abschauen von Anteilen der Klassenkameraden ist? Oder müssen wir die Förderung verändern, vielleicht in Spezialklassen in normale Berufsschulen. Diese Kinder haben lerntechnisch andere Bedürfnisse und emotional die gleichen Bedürfnisse wie jeder Mensch. Aber ideale Förderung muss auch auf ihre jeweils individuelle Situation zurecht geschnitten sein.
geirröd 07.10.2014
4. Vielleicht...
...geht es auch nicht immer nur darum, dass sich die behinderten Kinder in den Alltag und das soziale Leben integrieren, sondern auch, dass die "Normalen" den Umgang mit behinderten Menschen kennenlernen und dieses als ganz normal ansehen. Das ist für ihr ganzes späteres Leben höchstwahrscheinlich prägend - und sollte es auch...
smokingsucker 07.10.2014
5. Ganz genau
"Wieviele Kinder aus Haupt-und Realschulen würden auch gern auf das Gym gehen - doch sie erhalten keine Bildungsempfehlung. " Richtig. Das Ganze ist eben nicht konsequent zu Ende gedacht. Wir brauchen EINE Schule, wo jede/r Schüler/in in seinem Tempo lernen kann und wenn sie/er soweit ist, den für sich optimalen Abschluss macht - qualifizierter Hauptschulabschluss, mittlerer Schulabschluss oder Abitur. Dafür brauchen wir aber dreimal soviele Lehrer plus Sonderpädagogen, Erzieher und Psychologen. Ich frage mich, wann dieses Land bereit ist, dafür mal das Geld auszugeben - es wäre DIE Investition in eine gesicherte Zukunft. Übrigens sollten auch ALGII-Empfänger ohne Schulabschluss oder mit geringer Bildung wieder die Schulbank drücken (sofern sie nicht schon jenseits der 50 sind) anstatt sie von einer "Maßnahme" (welche erwiesenermaßen null output haben) in die andere zu beordern oder sie in Minijobs auszubeuten. Dieses Land braucht ALLE Köpfe, die es hat.
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