Studie zu Selbstverletzungen Viel Mitgefühl für Ritzer auf Instagram

Jeder fünfte Jugendliche hat sich schon einmal selbst verletzt. Forscher der Uni Ulm haben jetzt untersucht, wie sich das Phänomen in sozialen Netzwerken niederschlägt.

Junge Frau (Symbolbild)
Getty Images/EyeEm

Junge Frau (Symbolbild)


Wissenschaftler der Universität Ulm haben erstmals für den deutschsprachigen Raum untersucht, wie Bilder von Selbstverletzungen im Netzwerk Instagram verbreitet und kommentiert werden. Die Studie wurde im Fachblatt "Psychological Medicine" veröffentlicht.

Die Autoren haben im April 2016 sämtliche Bilder analysiert, die unter dem Hashtag #Ritzen oder vergleichbaren Kennzeichnungen wie #Narben oder #Selbstverletzung auf Instagram veröffentlicht wurden. Insgesamt waren dies 32.182 Bilder von 6721 unterschiedlichen Nutzern.

Auf knapp 3000 Bildern von 1154 Accounts war tatsächlich selbstverletzendes Verhalten dokumentiert. Diese Darstellung kategorisierten die Forscher nach der Schwere der Verletzungen und untersuchten zudem die Kommentare zu den Bildern.

"Soziale Medien spielen für den Alltag und das Selbstverständnis von Heranwachsenden eine essenzielle Rolle. Daher ist es von großer Bedeutung zu wissen, wie psychische Störungsbilder in diesen stark emotionalen Medien kommuniziert werden", sagte Studienleiter Paul Plener, Leitender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

Kommentare mitfühlend und unterstützend

"Die meisten Bilder zeigten leichte bis mittelschwere Wunden, die durch 'Ritzen' oder Schneiden verursacht wurden", sagte Forscherin Rebecca Brown zu den Ergebnissen. Die meisten Kommentare seien mitfühlend oder böten den Betroffenen Hilfe und Unterstützung an, so Brown. Nur in sechs Prozent der Fälle seien die Nutzer beschimpft worden.

Außerdem habe die Studie gezeigt, dass ein Foto umso mehr Aufmerksamkeit bekomme, je schwerer die Selbstverletzung auf der Darstellung war. Weitere Schlussfolgerung über die Wirkung der Bilder, etwa einen Nachahmungseffekt, konnten die Forscher nicht ziehen.

Aus früheren Studien sei bekannt, dass sich etwa 20 Prozent der Neuntklässler in Deutschland schon einmal selbst verletzt hätten, etwa vier Prozent der Jugendlichen verletzten sich wiederholt. Den Betroffenen gehe es dabei weniger um die Schmerzerfahrung selbst als um die damit verbundene Entlastung von negativen Emotionen.

Betroffen sind vor allem junge Frauen

Ob sich das Mengenverhältnis auch im Netz widerspiegelt, lässt sich anhand der Studie nicht sagen. Die Wissenschaftler haben nicht erhoben, wie viele Bilder in dem Untersuchung szeitraum insgesamt auf Instagram veröffentlicht wurden.

Hochgeladen wurden die Bilder meist in den Abendstunden, viele davon auch an Sonntagen. Die meisten Nutzer veröffentlichten die Bilder anonym, nur knapp 20 Prozent zeigten sich auf dem Profilbild.

Die meisten selbstverletzenden Bilder wurden laut der Studie von jungen Frauen hochgeladen: Von den 71 Prozent der Nutzer, die Angaben zu ihrem Geschlecht machten, waren 91 Prozent Frauen. Die Altersangaben reichten von zwölf bis 21, der Altersdurchschnitt lag bei knapp 15 Jahren. Allerdings handelt es sich dabei jeweils um eine nicht überprüfbare Selbstauskunft.

Bilder leicht zugänglich

Überrascht war die Forscherin darüber, wie leicht die Bilder im Internet zugänglich waren. In einigen Fällen sei bei Instagram zwar zunächst ein Warnhinweis zu sehen, dass dieser Beitrag möglicherweise drastische Gewaltdarstellung enthalte, dies sei aber nicht bei allen relevanten Suchworten der Fall. Ein Klick weiter sind die Bilder bereits zu sehen.

Beim Hashtag #Ritzen wird zudem auf eine englischsprachige Website verwiesen, die Informationen und Hilfe bei Selbstmord oder Selbstverletzung biete. Die Warnungen und Hilfen seien jedoch nicht ausreichend, so Rebecca Brown.

Die Forscher wollen in Anschlussstudien nun untersuchen, ob die Nutzer untereinander vernetzt sind. Zudem haben sie 70 Nutzerinnen und Nutzer interviewt, um etwa Informationen darüber zu bekommen, ob die Postings die Jugendlichen eher zum Ritzen ermutigen oder davon abbringen.

Kreisen Ihre Gedanken darum, sich das Leben zu nehmen? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Hier finden Sie - auch anonyme - Hilfsangebote in vermeintlich ausweglosen Lebenslagen. Per Telefon, Chat, E-Mail oder im persönlichen Gespräch.

sun

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.