Vorstoß der Bildungsministerin Wie viele Migrantenkinder sind zu viel?

Bildungsministerin Wanka will den Anteil von Migrantenkindern in Schulklassen begrenzen. Damit irritiert sie Forscher und Gewerkschafter - denn vieles spricht dagegen.

Flüchtlingsmädchen in einer Schule in Hannover
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Flüchtlingsmädchen in einer Schule in Hannover

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Wie kann die Integration an Schulen funktionieren? Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hat dazu einen weitreichenden Vorschlag gemacht: Es sollte keine Klassen geben, in denen so viele Kinder mit Migrationshintergrund sitzen, dass sie sich vorwiegend in ihrer Muttersprache unterhalten, denn das erschwere die Integration.

In einem Interview mit dem "Focus" forderte die CDU-Politikerin, den Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in deutschen Schulklassen zu begrenzen. Sie sei gegen eine Quote, aber das Verhältnis müsse "ausgewogen" sein.

Was das heißen könnte, definierte die Ministerin nicht. Das tat dafür zwei Tage später der Chef des Deutschen Philologenverbands, Heinz-Peter Meidinger. Schulklassen mit einem Migrantenanteil von mehr als 35 Prozent seien problematisch, sagte er.

Aber hängt Bildungserfolg tatsächlich davon ab, wie viele Kinder einen Migrationshintergrund haben?

Bei Wanka klingt es so, als seien viele Migrantenkinder gleichzusetzen mit wenig Deutsch auf dem Schulhof. Doch als "Kind mit Migrationshintergrund" gilt bei uns schon, wer nur ein Elternteil hat, das nicht aus Deutschland stammt.

Dass diese Kinder oft selbst hier geboren sind, dass sie Deutsch besser sprechen als jede andere Sprache, erwähnt die Ministerin nicht. "Der Migrationshintergrund ist nicht entscheidend, sondern die Sprachkompetenz", sagt Linguistin Rosemarie Tracy von der Universität Mannheim.

Würde man also den Migrationshintergrund als entscheidenden Faktor heranziehen, um Klassen neu zusammenzuwürfeln, täte man vielen Kindern Unrecht.

Doch auch bei der Sprachkompetenz ist die Ministerin wissenschaftlich offenbar nicht auf dem neuesten Stand. Im "Focus" sagte sie: "63 Prozent der vier- und fünfjährigen Kita-Kinder mit Migrationshintergrund sprechen zu Hause nicht Deutsch." Das wirke sich auf spätere Leistungen in allen Fächern aus. "Da haben die Eltern eine Bringschuld!"

Forscher sind sich jedoch einig, dass es dem Deutschlernen mehr dient, wenn Eltern zu Hause die Sprache sprechen, die sie selbst am besten beherrschen. So lernten die Kinder, kompetent zu kommunizieren, sagt Tracy. Darauf könnten die Lehrer später aufbauen. "Ein rudimentäres Deutsch zu Hause bringt für die Schule überhaupt nichts."

Mehrere Bundesländer fördern Kinder sogar an staatlichen Schulen gezielt in ihrer Herkunftssprache. Dass die Mehrsprachigkeit, die sich die europäische Gemeinschaft wünsche, den Bildungserfolg in anderen Fächern schmälere, sei nicht haltbar, sagt Tracy. Kinder könnten problemlos schon früh mehrere Sprachen gleichzeitig lernen.

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Auch unter Gewerkschaftern stößt die Idee, den Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund in den Klassen zu begrenzen, auf Irritation. Auch weil sie praktisch kaum umsetzbar ist.

Die Forderung sei "abstrus und illusorisch", sagte der Chef des Verbands Bildung und Erziehung, Udo Beckmann. Das würde dazu führen, dass aus Stadtteilen, in denen viele Familien mit ausländischen Wurzeln leben, Kinder künftig mit dem Bus auf andere Schulen verteilt werden müssten.

Auch Hamburgs Bildungssenator Ties Rabe hält Wankas Idee für unrealistisch. Die regionale Verteilung von Familien mit Migrationshintergrund sei dafür viel zu unterschiedlich.

Studien kommen zudem immer wieder zu dem Ergebnis, dass der Bildungserfolg gar nicht an den Migrationshintergrund geknüpft ist, sondern an die soziale Herkunft. Diplomatenkindern, die an internationalen Schulen auf dem Pausenhof Schwedisch oder Englisch reden, werfe man schließlich auch nicht vor, integrationsunwillig zu sein, sagt Linguistin Tracy.

Statt also bestimmte Kinder auszusortieren, müsse man Schulen in schwierigen Stadtteilen viel stärker unterstützen, fordert Ilka Hoffmann, Schulexpertin der Bildungsgewerkschaft GEW. "Wir brauchen mehr Lehrkräfte - und sie müssen besser ausgebildet werden, um Deutsch als Zweitsprache zu unterrichten."

Das heißt: Wenn Schulen in sogenannten Brennpunktvierteln so gut werden, dass auch bildungsbewusste Eltern mit Hochschulabschluss ihre Kinder gern dorthin schicken, bräuchte es keine Begrenzungen oder gar Quoten. Dann werden Klassen heterogener - ganz ohne Zwang und Druck.



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