Gutachten Bildungsforscher fordern Ausbildung light für Flüchtlinge

Besser verkürzt als gar nicht: Bildungsforscher fordern, für Flüchtlinge die Standards der Berufsausbildung zu senken, um sie schneller in Arbeit zu bringen.

Integrationskurs in Hannover
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Integrationskurs in Hannover


Niedrigere Standards, einfachere Sprache in den Schulen - einige der Vorschläge, die der Aktionsrat Bildung zur Integration von Flüchtlingen gemacht hat, werden für Streit sorgen.

Nicht weniger als "einen umfassenden Plan zur Integration durch Bildung" haben die Bildungsforscher um den Hamburger Unipräsidenten Dieter Lenzen heute vorgelegt. Im Aktionsrat Bildung sitzen 13 Wissenschaftler, die der Regierung immer wieder Handlungsempfehlungen geben.

Kern ihrer Überlegungen diesmal: Die Sprache ist oft das größte Problem bei der Integration. "Wir brauchen einen massiven Ausbau der Sprachförderung, sowohl allgemeinsprachlich als auch berufsbezogen", sagt Bertram Bossardt von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, die das Gutachten des Aktionsrats in Auftrag gegeben hat.

Weil aber all das nicht schnell genug wirkt, plädieren Lenzen und seine Co-Autoren für "theorieentlastete zweijährige Ausbildungsberufe" und den Ausbau von Teilqualifizierungen, um jungen Flüchtlingen den Einstieg in den deutschen Arbeitsmarkt zu erleichtern. Die Forderung nach einer verkürzten Ausbildung für Flüchtlinge ist nicht neu, stieß bisher aber auf Ablehnung bei Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern.

Die Wissenschaftler des Aktionsrats plädieren auch für eine Berufsschulpflicht vom 16. bis zum 21. Lebensjahr. Das sei wichtig, weil über die Hälfte der 2015 nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge unter 25 Jahre alt sei, ein Viertel sogar unter 16.

Flüchtlingskinder sollten nach Meinung der Wissenschaftler möglichst früh am regulären deutschsprachigen Schulunterricht teilnehmen. Das helfe ihnen sowohl sprachlich als auch bei der Integration in die Gesellschaft - mehr als der Unterricht in separaten Flüchtlingsklassen.

Bund und Ländern empfiehlt das Gutachten einen deutschlandweiten "Masterplan Bildungsmigration". Ziel soll sein, dass Einwanderer bei Berufs- und Hochschulabschlüssen zur einheimischen Bevölkerung aufschließen und die hohe Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss gesenkt wird.

Die Gutachter fordern vielfältige Maßnahmen, darunter gezielt eingerichtete Sprachklassen und eine bessere Qualifikation von Lehrern, die oft Schwierigkeiten hätten, mit den bunter werdenden Klassen umzugehen. Auch eine Kindergartenpflicht solle geprüft werden. Zudem wird gefordert, Flüchtlinge gleichmäßiger als bisher über das Land zu verteilen.

Aus vielen Empfehlungen lässt sich auch deutliche Kritik am Asylverfahren lesen. So sei der Zugang zum Ausbildungs- und Arbeitsmarkt gezielt und stringent zu öffnen und aufenthaltsrechtlich zu begleiten, damit Arbeitgeber und Zuwandernde Planungssicherheit erhielten.

Arbeitgeber bemängeln oft, dass sie bei Bewerbern mit Flüchtlingshintergrund schlecht einschätzen können, ob und wie lange die Menschen überhaupt bleiben dürfen. Eine Zentralstelle soll die Bewertung von ausländischen Schul- und Berufsabschlüssen verbessern - auch ein oft beklagtes Problem von Arbeitgebern.

mamk/dpa

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