Integration Warum Schüler türkischer Herkunft schlecht abschneiden

Türkischstämmige Schüler glänzen im deutschen Bildungssystem selten, auch wenn sie hier geboren sind, engagierte Eltern haben und ehrgeizig lernen. Warum ist das so?

Ahmet Özdemir als Kind (Mitte), mit Schwester und Zwillingsbruder
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Ahmet Özdemir als Kind (Mitte), mit Schwester und Zwillingsbruder

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Ahmet Özdemir, 42, wuchs in einer Siedlung für Bergleute in Aachen auf. Als Kind hatte er alles, was eine Karriere im deutschen Schulsystem erschwert: türkische Eltern, die kein Deutsch sprachen, vier große Geschwister auf der Hauptschule - und dunkle Haare und Augen. "Ich war immer der Türke, der Ausländer", erinnert er sich.

Özdemir schaffte es trotzdem auf die Realschule. Er holte das Abitur nach und studierte, heute arbeitet er als Marketing-Manager, Buchautor und Dozent an zwei Fachhochschulen. Und obwohl seine Eltern schon seit den Sechzigerjahren in Deutschland leben, ist er immer noch die Ausnahme.

Ahmet Özdemir
Patrick Rettler

Ahmet Özdemir

Denn: Kinder und Enkel türkischer Einwanderer, die hier aufgewachsen und in deutsche Schulen gegangen sind, glänzen in Bildungsstatistiken relativ selten. Sie brechen häufiger die Schule ab, sind stärker von Armut bedroht und verdienen im Schnitt weniger. Nur acht Prozent schließen ein Studium ab, in Familien ohne Migrationshintergrund sind es laut Statistischem Bundesamt 24 Prozent.

Türkischstämmige schneiden damit deutlich schlechter ab als die Nachkommen von Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion und ähnlich schlecht wie Kinder italienischer Einwanderer.

Die nächstliegende Erklärung: Aus der Türkei zugewanderte Eltern und Großeltern stammen meist aus ärmlichen Gegenden, sind schlecht ausgebildet - und der Bildungsgrad wird in der Regel weitergegeben. Sprich: Wenn die Eltern nicht studiert haben, tun es deren Kinder häufig auch nicht. Das hat wenig mit dem Herkunftsland zu tun.

Interessant ist allerdings, dass Forscher sagen, sie könnten diesen und andere Faktoren herausrechnen. Wenn man zum Beispiel nur Kinder vergleicht, deren Väter maximal die Hauptschule abgeschlossen haben, ändert sich das Bild: Dann absolvieren sieben Prozent der türkischstämmigen Kinder ein Studium. Ohne Migrationshintergrund sind es 16 Prozent.

Der Unterschied schrumpft also, aber er ist nicht weg. Das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) kam 2015 sogar zu dem Schluss: Die "Kompetenznachteile" der türkischstämmigen Jugendlichen in Deutsch und Englisch am Ende von Klasse neun seien oft auch dann noch "substanziell", wenn der soziale Hintergrund und die in der Familie gesprochene Sprache berücksichtigt würden.

Eine andere IQB-Studie hatte drei Jahre zuvor ähnliche Ergebnisse für Naturwissenschaften und Mathe ergeben. Türkischstämmige Neuntklässler hatten damals einen "Lernrückstand von bis zu zwei Jahren". "Ihr Ehrgeiz ist teilweise größer als der von Jugendlichen ohne ausländische Wurzeln", sagt IQB-Forscherin Nicole Haag, "aber sie zeigen nicht dieselben Leistungen."

Woran liegt das?

Erstens: Mit dem Rausrechnen ist es so eine Sache. Ein Klempner aus der Türkei lässt sich nicht unbedingt mit einem Klempner vergleichen, der die deutsche duale Ausbildung genossen hat. "In Deutschland haben fast alle Handwerker einen Schulabschluss, türkische Handwerker jedoch oft nicht", sagt Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani aus Münster.

Das IQB vergleicht gezielt Familien mit und ohne Migrationshintergrund, die zu Hause Deutsch sprechen. Dabei sagt das wenig über das Sprachniveau der Kinder aus. Wissenschaftler sind sich einig, dass es dem Deutschlernen nicht schadet, wenn Eltern mit ihren Kindern in der Sprache sprechen, die ihnen selbst am leichtesten fällt. Es wäre besser, wenn man nur Kinder vergleichen würde, die etwa gleich gut Deutsch sprechen, sagt auch Nicole Haag vom IQB. "Doch die entsprechenden Daten gibt es nicht."

Zweitens: Es gibt noch viele andere Faktoren, die türkischstämmigen Kindern das Schulleben erschweren.

  • Da wäre zum Beispiel die Unterstützung von Zuhause. Dort mangelt es entgegen der Klischees zwar oft nicht an gutem Willen. Eine Studie ergab 2011, dass türkischstämmige Eltern besonders häufig bei den Hausaufgaben helfen. Allerdings tun sie sich praktisch oft schwer damit, ihre Kinder wirklich zu unterstützen.

"Mein Vater hat immer gesagt, dass wir studieren sollen, damit wir nicht wie er am Hochofen stehen müssen", erzählt die türkischstämmige Chemikerin Selma Henrichsen, 40, die im niedersächsischen Peine aufwuchs. "Aber meine Eltern konnten selbst kaum Deutsch und sie wussten auch nicht, wie man ein Studium angeht."

So hat das auch Kommunikationswissenschaftler Özdemir erlebt. "Wir haben von vielen Eltern gehört: Macht was aus eurem Leben! Aber sie haben nicht gesagt, was wir machen sollten." Die Kinder deutscher Eltern hätten hingegen praktische Tipps bekommen, welche Fächer sie wo studieren könnten.

  • Vorbehalte der Lehrer spielen auch eine Rolle. Berliner Integrationsforscher stellten fest, dass Lehrer Kindern aus türkischstämmigen Familien weniger zutrauen, selbst wenn sich deren Leistungen faktisch nicht von denen der anderen unterscheiden. Schülern, an die sie geringere Erwartungen haben, schenken Lehrer weniger Aufmerksamkeit und rufen sie seltener auf.

Wissenschaftler der Uni Mannheim fanden heraus, dass Gymnasiallehrer in Mathe Schüler mit Migrationshintergrund schlechter benoteten als Kinder ohne Migrationshintergrund - auch bei gleicher Sprachfertigkeit, ähnlicher sozialer Herkunft und selbst dann, wenn die Kinder in standardisierten Tests gleich gut abschnitten.

Ahmet Özdemir sagt, er habe von seinen Lehrern jahrelang vermittelt bekommen: Du schaffst das nicht. Als er Deutsch als Leistungskurs wählen wollte, habe seine Lehrerin gesagt, er solle sich nicht übernehmen: Das sei kein Deutsch für Ausländer. "Ich habe diese Kommentare immer geschluckt. Was sollte ich machen?" Verwandte und Freunde hätten ähnliche Erfahrungen gemacht.

Selma Henrichsen erinnert sich an einen Physiklehrer, der auf einer Klassenfahrt zu ihr sagte, dass sie immer mit schlechteren mündlichen Noten rechnen müsse, weil sie dunkle Haare habe. "Das hat mich jahrelang beschäftigt", sagt sie. "Es hat mir viel Motivation genommen."

Selma Henrichsen
Dirk Henrichsen

Selma Henrichsen

Befragungen im Rahmen des sozioökonomischen Panels haben gezeigt, dass sich die türkischstämmige Minderheit sehr viel häufiger wegen ihrer Herkunft diskriminiert fühlt als andere Zuwanderergruppen. "Das trifft die zweite und dritte Generation stärker, weil sie besser integriert ist und damit höhere Erwartungen hinsichtlich Teilhabe und Chancengerechtigkeit haben", sagt Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung. "Sie fragen sich: 'Was soll das? Ich bin doch hier geboren!'"

Dass Kinder am erfolgreichsten lernen, wenn sie sich wertgeschätzt und angenommen fühlen, ist bekannt. Ein Experiment an elf Berliner Sekundarschulen zeigte unlängst: Wenn Schüler mit türkischer und arabischer Herkunft vorher positiv motiviert wurden, schnitten sie danach bei einem Mathetest viel besser ab.

Was Arabisch an deutschen Schulen bringt
  • Hinzu kommt, dass vielen Schülern mit türkischen Wurzeln die Vorbilder fehlen. "Für erfolgreiche Bildungsprozesse braucht es immer Personen, die motivieren", sagt der Freiburger Soziologe Albert Scherr. Ob Onkel, Freunde, Lehrer, mit oder ohne Migrationshintergrund, das sei zunächst egal.

Allerdings identifizieren sich Kinder oft leichter mit Erwachsenen, die ähnliche Erfahrungen wie sie selbst gemacht haben - und womöglich stoßen sie dort auch häufiger auf Verständnis. Wie viele Lehrer bundesweit auf eine Zuwanderergeschichte zurückblicken, ist statistisch nicht erfasst. Dass es vergleichsweise wenige sind, kritisierte vor zwei Jahren auch Bundeskanzlerin Angela Merkel.

"Solche Lehrer können oft besser einschätzen, wie schwer es sein kann, mit mehreren Sprachen und Kulturen aufzuwachsen", sagt Laura Hordoan vom Berliner Netzwerk für Lehrkräfte mit Migrationshintergrund.

  • Hinter allem steht ein Schulsystem, das immer noch darauf angelegt ist, Kinder früh nach Leistung zu sortieren. "Ich wollte gern aufs Gymnasium", erzählt Henrichsen. Doch das Gespräch mit dem Rektor der Orientierungsstufe war so einschüchternd, dass sie sich mit der Realschule abfand. Vielleicht hätten engagierte Eltern hier etwas bewirken können. "Doch meine Eltern konnten kein Deutsch, sie hätten sich das nicht getraut", sagt Henrichsen.

Özdemir hatte eine Empfehlung fürs Gymnasium. "Doch meine Brüder sagten, das sei eine Nummer zu groß für mich, ich würde sowieso nicht weiterkommen", erzählt er. Also ging auch er zunächst auf die Realschule.

Özdemir und Henrichsen haben Abitur gemacht und studiert, beide sind beruflich erfolgreich. Doch es kostet Kraft, sich ständig beweisen zu müssen - auch nach der Schule noch. Eine Studie hat gezeigt, dass Jugendliche mit türkischem Namen schlechtere Chancen haben, wenn sie ins Berufsleben oder in eine Ausbildung starten wollen.

Jedoch, bei allen Schwierigkeiten: "Jedes Jahr steigt der Anteil der türkischstämmigen Schüler, die Abitur machen oder studieren gehen", sagt Integrationsforscher Aver. Vor zehn Jahren hätten rund elf Prozent aller Deutschtürken, die hier zur Schule gegangen sind, das Abitur absolviert. Acht Jahre später seien es bereits 16 Prozent gewesen. "Es gibt noch große Defizite, aber es geht aufwärts."

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