Integration Wo Schule zur Heimat wird

Wir brauchen keine Debatten über kriminelle Ausländer, sondern Menschen wie die Deutschlehrerin Nurgül Altuntas. Nils Minkmar von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" besuchte die Frau, die mit Optimismus und Strenge Einwanderer-Kindern die Chance für ein gutes Leben gibt.


Das Mädchen hat zweimal zugeschlagen: Erst rammte sie ihre Faust "mit hoher Treffsicherheit in den Bauch" ihrer Kontrahentin, dann trat sie zu, direkt ans Knie. Und als die Sache öffentlich wurde, hat sie keine Reue gezeigt, sondern vor versammelter Klasse mit dem Finger auf das andere Mädchen gezeigt und gezischt: "Du Deutschschwein."

Integration: Ein Schlagwort, das meist Wunsch bleibt
DPA

Integration: Ein Schlagwort, das meist Wunsch bleibt

In der Klasse, in der sie heute erwartet wird, sprechen die Schüler von ihr mit höchstem Respekt: Nicht wegen der Handgreiflichkeiten von damals, von denen wissen sie gar nichts, sondern weil Nurgül Altuntas ihre Klassenlehrerin an der kooperativen Gesamtschule Wilhelm Heinrich von Riehl in Wiesbaden-Biebrich ist. Die Auseinandersetzung mit dem deutschen Mädchen, das ihr – beide waren in der zweiten Klasse – gesagt hatte, dass sie stinke, endete übrigens, ohne Oettingers Gesetz gegen Deutschfeindlichkeit, mit einer Ohrfeige der Lehrerin. Für Nurgül Altuntas eine entwürdigende und traumatisierende Erfahrung.

In ihrer Klasse gibt es keine Ohrfeigen und keine Schimpfwörter. Nur fünf der fünfundzwanzig Schüler sind, um mit der Terminologie von Seyran Ates zu sprechen, Urdeutsche, die übrigen sind Deutschländer aus der Türkei, Griechenland, Italien, Indien, Serbien und Russland, alle zwischen 15 und 17 Jahre alt. Das entspricht der Verteilung in der gesamten Schule. Die Riehl-Schule hat einen überwältigenden Anteil an Kindern, die selbst oder deren Eltern nicht in Deutschland geboren wurden.

Doch Vorsicht vor Klischees: Sie haben, erzählt Schulleiter Thomas Schwarze, mit ihren knapp neunhundert Schülern alle möglichen Sorgen und Probleme, aber Gewalt oder gar Kriminalität zählen nicht dazu. Nur drei chronische Schwänzer unter all den Schülern; ab und zu eine Keilerei und ein Streit, aber nichts, was den Rahmen sprengen würde. In der Pause sind die vielen Schüler quirlig, neugierig und auf schüchterne Weise höflich. Auf den Fluren kann man im Vorübergehen ein Schimpfwort aufschnappen: "Ey, du Weihnachtsmann". Da benutzt selbst die Kanzlerin härtere Invektiven.

Perspektiven

Mehr als die Hälfte der Eltern hat dringende finanzielle Probleme und ist auf staatliche Unterstützung angewiesen. "Als ich die Klasse vor zwei Jahren, mit Beginn des siebten Schuljahres, übernommen habe", erzählt Nurgül Altuntas, "hieß es oft: Später werd’ ich mal Hartz IV. Das habe ich sofort verboten. Jede und jeder sollte sich um eine realistische Ausbildungsperspektive kümmern."

Heute haben die Schüler sie drauf, die immer etwas seltsam klingenden Titel der neuen Berufe wie Fachangestellte im Bäderwesen, Kfz-Mechatroniker oder Fachangestellte für Bürokommunikation und auch, wie man das wird. Sie haben überhaupt drauf, was man und insbesondere was ihre Lehrerin von ihnen verlangt. Weniger, weil etwa die Schüler und Schülerinnen aus türkischen Familien sie als Landsfrau betrachten, sondern weil Nurgül Altuntas es, entgegen aller soziologischen Wahrscheinlichkeit, von der Tochter eines türkischen Facharbeiters zur Deutschlehrerin gebracht hat.

Und weil sie von ihren Schülern etwas erwartet. Frau Altuntas ist keine lockere Lehrerin. Kaum wird an einem Ende der Klasse getuschelt, geht sie dazwischen. Man konnte kaum bemerken, dass einer etwas in Händen hält, da hat sie es schon mit leiser, aber bestimmter Stimme angefordert: "Gib das her." Eine zweite Aufforderung ist selten nötig.

Wenn zwei ihrer Schüler, wie an diesem Tag, in Mathe und Physik eine Arbeit mit der Bestnote zurückerhalten, suchen sie ihre Klassenlehrerin im ganzen Schulgebäude, um ihr die gute Nachricht sofort mitzuteilen. Nach der Stunde wird Organisatorisches besprochen, eine Schülerin im weiten schwarzen Kapuzenpulli freut sich: "Juhuu, ich darf in den Mathekurs." Dabei hat sie in dem Fach schon eine Eins. Na, doppelt hält besser.

Viele Schüler sind lieber länger in der Schule als alleine zu Hause. Die Eltern sind die große Leerstelle. Die meisten erhoffen sich wenig von der Schule und schätzen den Wert der Bildung nicht hoch ein. Bei einer anonymisierten Erhebung gab eine Mehrheit der Kinder an, zu Hause stünden "null bis zwei" Bücher.



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Seite 1
Dunedin, 20.01.2008
1.
Dann bleibt nur die Frage offen warum die Schüler bei einer Deutschlehrerin Namens Nurgül Altuntas besser deutsch lernen sollten, als z.b. bei einer Deutschlehrerin Namens Helga Müller ? Näher darüber nach zudenken offenbart eigentlich eher die totale Abneigung gegen unsere Kultur und unser Land. Andere Lösungen erschließen sich mir dabei leider nicht und diese Tatsache wird auch eine Frau Nurgül Altuntas nicht ändern können, nur weil sie ein *Ü* im Namen trägt.
MPS 20.01.2008
2.
Zitat von DunedinDann bleibt nur die Frage offen warum die Schüler bei einer Deutschlehrerin Namens Nurgül Altuntas besser deutsch lernen sollten, als z.b. bei einer Deutschlehrerin Namens Helga Müller ? Näher darüber nach zudenken offenbart eigentlich eher die totale Abneigung gegen unsere Kultur und unser Land. Andere Lösungen erschließen sich mir dabei leider nicht und diese Tatsache wird auch eine Frau Nurgül Altuntas nicht ändern können, nur weil sie ein *Ü* im Namen trägt.
[QUOTE=Dunedin;1865714]Dann bleibt nur die Frage offen warum die Schüler bei einer Deutschlehrerin Namens Nurgül Altuntas besser deutsch lernen sollten, als z.b. bei einer Deutschlehrerin Namens Helga Müller ? Sehr gute polemische Frage.... Wollen Sie das wirklich wissen? Es liegt in der Natur der Erzieher und Lehrer, daß das, was man sich selbst erabeiten mußte, leichter zu transportieren bzw, beizubringen ist, als das, was man als unrfelektierte Selbstverständlichkeit ( deutsche Sprache) mitbekommen hat. Vorschlag: mehr türkische, russische usw. Lehrer an den Grundschulen, Hauptschulen, Realschulen, Gesamtschulen, Gemeinschaftsschulen, Gymnasien! MPS
AndrejBallarot 20.01.2008
3.
Sie sind auf einem guten Weg das zu begreifen Herr/Frau Dunedin. Ja,es ist UNSER Land und ja, unsere Kultur! Liebe Grüße ein Migrant
MoritzF, 20.01.2008
4.
Zitat von sysopWir brauchen keine Debatten über kriminelle Ausländer, sondern Menschen wie die Deutschlehrerin Nurgül Altuntas. Nils Minkmar von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" porträtiert die Frau, die mit Optimismus und Strenge Einwanderer-Kindern die Chance für ein gutes Leben gibt. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,529778,00.html
Den natürlichen Trieb zur Weiterentwicklung zum Interesse am Neuen und dem Selbsterleben und Genuss einer zunehmenden Komplexität im Erleben und Handeln nutzen. So kann eine durchaus berechtigt zu konstatierende, aber von unserem saumseligen, werterelativen Schlaffraffenland eher ins Gegenteil verkehrete Bringeschuld der Migranten aus dem In- und Ausland (:-) ) mit Freuden und aus dem Handgelenk befriedigt werden. Leistung ist primär keine wirtschaftliche Größe sondern soziales, kulturelles Kapital und eine Eigenschaft des ganzen Menschen, wenn man ihn als solchen anspricht, wertschätzend zum Mittun verpflichtet, ihn also fordert und fördert. Da kann es bei dieser Betrachtung kaum Verlierer geben. Darum geht es: Ganztagsschulen mit engagierten Lehrern und Netzwerken können die mangels konstruktiver Lebensentwürfe und einer Verödung der Ressourcen der europäisch-abendländischen Kultur Leerstellen der Elternhäuser überwinden helfen. Das ist nicht nur Anstiftung zur aktiven Integration, das bringt Schubkraft für die ganze Gesellschaft: weniger Aggression und weniger Bedeutung des Konsums, der letztlich nur weitere Leerstellen auffüllen soll und wenn man sich ihn nicht leisten kann zur Aggression führt. - So gehts raus aus der Spirale dieser beiden Nicht-Alternativen!
Dunedin, 20.01.2008
5.
Zitat von DunedinDann bleibt nur die Frage offen warum die Schüler bei einer Deutschlehrerin Namens Nurgül Altuntas besser deutsch lernen sollten, als z.b. bei einer Deutschlehrerin Namens Helga Müller ? Näher darüber nach zudenken offenbart eigentlich eher die totale Abneigung gegen unsere Kultur und unser Land. Andere Lösungen erschließen sich mir dabei leider nicht und diese Tatsache wird auch eine Frau Nurgül Altuntas nicht ändern können, nur weil sie ein *Ü* im Namen trägt.
Auf so eine Antwort habe ich nur gewartet, denn sie ist typisch für viele Deutsche, die nicht nachvollziehen können das die Integrationsbereitschaft in erster Linie und ausschließlich vom Zugereisten kommen muss. Fragen Sie sich mal selber was die türkischstämmige Deutschlehrerin besser gemacht hat, als einige ihrer Landsleute, die heute arbeitslos und kriminell die Straßen unsicher machen. Ich kann es Ihnen sagen. Der Frau war bewusst das SIE sich bemühen und bewähren muss im Leben, sie für ihr Leben und kein anderer Verantwortung trägt. Solche Werte und Überzeugungen kann man nicht transportieren, man bringt sie mit. Schwer hat man es allerdings wenn das Elternhaus sich bereits offen von der Wahlkultur abgesondert hat und in einer Parallewelt lebt. Sollte die Lehrerin, und das als Frau aus einer muslimischen Kultur, schaffen wo Elternhaus und Verwandete versagen ? Falsche Integrationsvorstellungen sind es die den Zugewanderten alles hinterher tragen, den Einwanderern sogar noch beim Hintern abputzen behilflich sind. Diese falsche Anständigkeit, "man muss denen doch helfen", "dies und das tun" , ist genau der Punkt, den viele Zuwanderer, insebesondere aus dem muslimische Bereich nicht nur ankotzt, sondern auch Deutsche dafür verspotten und verachten. Unterhalten Sie sich mal speziell mit türkischen Jugendlichen, vielleicht geht Ihnen das ein Licht auf.
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