SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

13. November 2017, 13:36 Uhr

Vierbettzimmer und Sperrstunde

Warum es deutsche Schüler in britische Internate zieht

Schuluniform, Licht aus um 22 Uhr und wenig Privatsphäre: So sieht der Alltag an vielen britischen Internaten aus. Trotzdem geben Tausende deutsche Schüler das lockere Schulleben zu Hause dafür auf.

"Der oberste Krawattenkopf muss zu sein." Gleich an seinem ersten Tag am Malvern College sei er so zurechtgewiesen worden, erzählt der 16-jährige Benjamin. Die Kritik habe er achselzuckend hingenommen. "Bei der Schulkleidung gibt es eben klare Regeln", sagt der Schüler aus Wiesbaden, der an der Eliteschule nahe Birmingham einen internationalen Schulabschluss machen will.

Top-Internate in England gelten als Garant für eine gute Ausbildung. Die Ausstattung ist erstklassig. Für Sportbegeisterte gibt es Schwimmbäder und Tennisplätze, für die musisch Begabten Konzertsäle. Deshalb sind die Internate beliebt.

Derzeit lernen etwa 2860 deutsche Schüler an britischen oder irischen Privatschulen, rechnet die Organisation Independent Schools Council (ISC) vor, die 1300 nichtöffentliche Schulen in Großbritannien und Irland vertritt. Deutschland liegt damit unter den europäischen Ländern auf Platz eins. Insgesamt besuchen mehr als 50.000 Jugendliche mit ausländischem Pass Privatschulen des ISC. Die größte Gruppe bilden fast 8000 Chinesen.

"Feinschliff"

Die elitäre Ausbildung hat ihren Preis: Ein Schuljahr kostet umgerechnet zwischen 30.000 und 35.000 Euro. Viele Schüler kommen aus wohlhabenden Familien. Benjamins Vater erhofft sich einen "Feinschliff", der dem Sohn später Vorteile im Wettbewerb um Studienplätze und Jobs verschaffen soll.

Außer perfektem Englisch können die deutschen Schüler Disziplin und Kompromissbereitschaft lernen. "Bei der Unterbringung im Vierbettzimmer muss man sich zurechtruckeln", sagt Ellen Rudolph aus Hamburg. Privatsphäre sei dort "ein schwieriges Thema" gewesen. Rudolphs Söhne Tim und Ben verbrachten im Alter von 15 Jahren jeweils ein Jahr an der Wells Cathedral Schule im Südwesten von England.

Der Alltag im Internat ist bis ins Detail reguliert. Es beginnt mit dem morgendlichen Aufruf aller Schülernamen. Das Mittagessen am Malvern College dauert genau 55 Minuten. Nachmittags geht der Unterricht mitunter bis 17 Uhr, danach kommen Hausaufgaben und Sport. Ausgang ist nur zu vorgeschriebenen Zeiten gestattet, Jungs dürfen sich nicht in den Zimmern der Mädchen aufhalten. Stattdessen gibt es feste Besuchszeiten in Gemeinschaftsräumen. Um 22 Uhr heißt es: Licht aus.

Vorschriften gibt es auch für die Schulkleidung: Die Röcke der Mädchen müssen knielang sein. Die Jungen tragen Anzug und Krawatte. Schwarze Schuhe sind Vorschrift, bei den Mädchen ist auch die Höhe der Absätze reglementiert. Längeres Haar muss zurückgebunden werden.

Für die Söhne von Ellen Rudolph sei das Tragen der Uniform eine gute Erfahrung gewesen, sagt ihre Mutter. "Es schafft ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl, das es an deutschen Schulen nicht gibt." Man müsse sich durch andere Sachen profilieren als coole Turnschuhe.

"Der Anfang war ein Schock"

Renommierte britische Schulen haben ein strenges Auswahlverfahren. "Gute Noten sind der Fuß in die Tür", sagt Ferdinand Steinbeis, der ein Unternehmen in der Nähe von Oxford leitet, das deutsche Familien bei der Auswahl eines Internats berät.

Das Brexit-Referendum habe sich bisher kaum auf die Anzahl der Bewerber ausgewirkt, aber es herrsche Unsicherheit, sagt Steinbeis. "Die Familien sorgen sich um eine potenzielle Visumspflicht für EU-Schüler in England."

Einige Jugendliche kommen mit den vielen Vorschriften schlecht zurecht. Auch Jakob Volbracht musste sich erst an das Bedstone College gewöhnen, das er als Teenager sieben Monate besuchte. "Der Anfang war wie ein Schock. Das College war auf dem Land, das nächste Dorf eine gute halbe Stunde entfernt, nichts als Rugby-Felder und Wald." Volbracht, heute 21 Jahre alt, hatte Heimweh.

Doch schon nach kurzer Zeit habe er die internationale Gemeinschaft genossen: Neben vielen Briten saßen mit ihm unter anderem Russen, Chinesen, Japaner und Osteuropäer im Unterricht. "Es klingt vielleicht komisch, wenn ich sage, dass ich ausgerechnet im Internat Selbstständigkeit gelernt habe. Aber es hat mir wirklich psychisch und durch den Sport auch körperlich viel gebracht", berichtet Volbracht. "Es war eine gute Zeit. Ich bereue nichts."

Ute Dickerscheid und Silvia Kusidlo/dpa/koe

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH