Internate Zwischen Harry-Potter-Romantik und Jugendstraflager

Bei deutschen Eltern haben Internate ein Imageproblem. "In England darf man ins Internat, in Deutschland muss man", fasst ein Bonner Forscher es zusammen: Die Eltern suchen nach einer heilen Welt hinter dicken Schlossmauern, fürchten aber zugleich, ihr Kind an die Schule zu verlieren.


Internat (Sendung "Die harte Schule der 50er Jahre" im ZDF): Deutsche Eltern sind misstrauisch
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Internat (Sendung "Die harte Schule der 50er Jahre" im ZDF): Deutsche Eltern sind misstrauisch

Den Trend zur Ganztagsschule begrüßen viele Eltern, Privatschulen verzeichnen einen Boom, gerade die konfessionellen Schulen sind beliebt. Und dennoch können Internate in Deutschland davon nicht profitieren - im Gegenteil: Die Schülerzahlen sinken sogar seit Jahren.

Das Bild vom Internat ist seit Jahrzehnten durch Filme und Fernsehen geprägt, von "Hanni und Nanni" über "Harry Potter" bis jüngst zur ZDF-Serie "Die harte Schule der 50er Jahre". In Großbritannien spielen Internate seit eh und je eine wichtige Rolle im Schulwesen; in Deutschland indes glauben die Eltern nicht recht an eine Schul-Idylle. Internate gelten eher als letzter Ausweg, mit dem Eltern ihren lernschwachen Kindern drohen können. "In England darf man aufs Internat, in Deutschland muss man", fasst Volker Ladenthin die Wahrnehmung hierzulande zusammen.

Gemeinsam mit zwei Kollegen aus der Psychologie hat der Bonner Pädagoge untersucht, welche Leistungen deutsche Eltern von kirchlichen Internaten erwarten. Eigentlich müssten sie wegen der Rund-um-die-Uhr-Betreuung beste Chancen haben, meint Ladenthin: "Mein Standardbeispiel sind der Flugkapitän und die Krankenschwester mit zwei Kindern", erklärt Ladenthin. "In dieser Konstellation kann ein Internat für die Kinder die beste Lösung sein."

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Doch die Internate haben ein gravierendes Imageproblem. Sie gelten als elitär - und manchen Eltern als der letzte Ausweg, wenn die Sprösslinge allzu arg missraten sind: Das Internat wird mitunter wie ein Jugendstraflager gesehen ("Wenn du nicht brav bist, stecken wir dich ins Internat").

Gleichwohl ermittelte Ladenthin bei einer Umfrage unter 66 Eltern, die ihre Kinder auf ein staatliches Gymnasium geschickt hatten, nur einen leichten Vorsprung für die Regelschule - das Internat erreichte fast ebenso gute Wertungen. Unter 81 befragten "Internats-Eltern" fiel das Ergebnis sogar eindeutig zu Gunsten dieser Schulform aus. Ihrer Ansicht nach leisten die Internate also gute Arbeit.

Angst vor Entfremdung

Das Kernproblem dürfte also tiefer liegen. "In zahlreichen Einzelgesprächen äußerten Eltern immer wieder die Angst, ihre Kinder an das Internat zu verlieren", erklärt Ladenthin. "Dazu kommt noch die Sorge, gegenüber den eigenen Kindern als inkompetent dazustehen." Viele Eltern wünschen sich durch einen Internatsbesuch außerdem eine Leistungsverbesserung der Kinder - und haben gleichzeitig Angst davor, dass sie sich verändern.

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"Diese Entfremdungsfurcht ist ein ganz zentrales Problem", sagt Ladenthin. "Die Eltern wollen, dass nicht der Mensch ins Internat geht, sondern nur der Schüler!" Außerdem, so der Forscher, lasse sich klar erkennen, dass viele Eltern im Internat eine heile Welt suchen. So verbinden viele Eltern mit dem Wort "Internat" auch ein Schloss. "Eltern suchen nach Mauern, die das Böse von ihren Sprösslingen fern halten." Und das sei auch der Punkt, bei dem die Befragten konfessionellen Internaten besonders hohe Kompetenz zugestehen.

Für die Internate sieht der Bonner Pädagoge gute Chancen im Wettbewerb der Schulformen - wenn es ihnen gelinge, das Angebot und die pädagogischen Konzepte auf die Erwartungen der Eltern abzustimmen. Gänzlich falsch wäre es laut Ladenthin, allein mit dem Disziplin-Argument punkten zu wollen: Mit einem "Wenn sie mit ihren Kindern nicht fertig werden, kommen sie zu uns!" hätten Internate schon so gut wie verloren.



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