Interview mit Iglu-Leiter Bos Managersohn aufs Gymnasium, Arbeitertochter zur Hauptschule

Wie es für Grundschüler nach der vierten Klasse weitergeht, gleicht einem Glücksspiel. Der Iglu-Studie zufolge regiert Willkür bei den Schulempfehlungen. Bei SPIEGEL ONLINE spricht Iglu-Forschungsleiter Wilfried Bos über ungerechte Noten, verpasste Bildungschancen und die Grenzen von Leistungstests.


Schüler in der Grundschule: "Das System muss gerechter werden"
GMS

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Das "alarmierendste" Ergebnis der neuen Iglu-Studie ist laut Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn, dass jede zweite Schulempfehlung falsch ist. Wie kann das überhaupt passieren?

Wilfried Bos: Es sind nicht die Empfehlungen, die falsch sind, es sind die Noten, auf die sich die Empfehlungen stützen. In nahezu allen Bundesländern werden die Übergangsempfehlungen fast ausschließlich auf Grund der Noten in Mathematik und Deutsch getroffen. Doch die Noten entsprechen oft nicht der tatsächlichen Leistung der Schüler, wie wir sie bei Iglu getestet haben.

SPIEGEL ONLINE: Warum werden Noten so ungerecht vergeben?

Bos: Noten werden nicht nach einheitlichen Standards vergeben. Lehrer orientieren sich meist nur an ihrer Klasse, an deren Leistungsstärke und sozialer Zusammensetzung. Die Leistung eines Schülers in einer Schule in einem gut bürgerlichen Viertel lässt sich aber nur schwer mit der eines Schülers in einem sozialen Brennpunkt vergleichen. Da gibt es eine Riesenspannbreite bei der Notengebung, dementsprechend kann ein Schüler bei gleicher Leistung in der einen Schule eine 2 kriegen und in einer anderen eine 4. Da sitzen dann später Schüler mit ganz unterschiedlichem Leistungsniveau im Gymnasium zusammen. Wie gut die dort gefördert werden, wissen wir seit Pisa - nämlich schlecht.

SPIEGEL ONLINE: In der neuen Auswertung der Iglu-Studie haben sich sechs Bundesländer einem Vergleich gestellt. Sind die Empfehlungen in Baden-Württemberg, das ja besonders gut abgeschnitten hat, beispielsweise gerechter als in Bremen, das auf dem letzten Platz landete?

Wilfried Bos, Erziehungswissenschaftler an der Uni Hamburg: "Riesenspanne bei den Noten"
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Bos: Keineswegs. Baden-Württemberg ist zwar in Deutschland Spitze in Schreiben, Lesen und Rechnen. Aber kein anderes Bundesland sortiert seine Grundschüler so abhängig von der sozialen Schicht. Das Kind eines Chefarztes oder Managers hat hier eine 3,6-mal so hohe Chance, aufs Gymnasium empfohlen zu werden, wie ein Arbeiterkind - bei gleicher schulischer Leistung! Und noch etwas: Baden-Württemberg ist das einzige Bundesland, in dem deutlich mehr Jungen aufs Gymnasium empfohlen werden als Mädchen.

SPIEGEL ONLINE: Und in Bremen?

Bos: Dort gab es 2001, als wir die Daten erhoben haben, noch keine Empfehlungen nach der vierten Klasse, weil die Schüler danach noch eine zweijährige Orientierungsstufe besucht haben.

SPIEGEL ONLINE: Wie läuft es in den übrigen Bundesländern?

Bos: In Nordrhein-Westfalen etwa wird jedes dritte Kind, das auf Grund seiner Leistungen vielleicht aufs Gymnasium könnte, dahin nicht empfohlen. Hessen dagegen gelingt es viel besser, die nach der Leistung richtigen Kinder auch in die richtige Schule zu empfehlen. An bayerischen Schulen wiederum werden fast zwei Drittel der Schüler mit mittlerer Leistung nicht zur Realschule geschickt, sondern zur Hauptschule oder ins Gymnasium.

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SPIEGEL ONLINE: Ihr Kollege Dieter Lenzen, Erziehungswissenschaftler und Präsident der FU Berlin, fordert anonyme Tests durch unabhängige Gutachter am Ende der Grundschule. Würden dadurch die Empfehlungen in allen Bundesländern gerechter?

Bos: Nein, das glaube ich nicht. Man kann keine wirklich guten Tests dafür entwickeln. Mehr als eine zusätzliche Orientierung für die Lehrer könnten sie nicht bieten. Durch noch mehr Tests kann man die Ungerechtigkeit höchstens ein bisschen weniger ungerecht machen.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, man muss damit leben, dass viele Kinder auf der falschen Schule sind?

Bos: Ohne Fehler kriegt man die Übergangsempfehlungen jedenfalls nicht hin, egal wann und wie man sie trifft. Man kann diese Fehler nur verschieben, also statt nach der vierten nach der sechsten Klasse machen, oder sie verkleinern, in dem man auch noch andere Faktoren berücksichtigt. Beseitigen kann man sie nicht. Das ist der Preis des gegliederten Schulsystems.

SPIEGEL ONLINE: Also weg mit dem gegliederten Schulsystem, her mit der Gesamtschule?

Bos: Nein, am System liegt es nicht. So lange es vor allem Lehrer in den weiterführenden Schulen nicht schaffen, mit unterschiedlich begabten Schülern umzugehen, nützt auch ein anderes Schulsystem nichts. Klar ist aber auch: Wenn sich das System nicht ändern lässt, dann muss es wenigstens gerechter werden, indem es nach oben noch durchlässiger wird. Schüler müssen von der Hauptschule leichter in die Realschule und von dort leichter aufs Gymnasium wechseln können. Baden-Württemberg geht hier mit gutem Beispiel voran. Dort macht mittlerweile schon jeder dritte Schüler das Abitur an einem beruflichen Gymnasium, das auf die Realschule aufbaut. Auch Nordrhein-Westfalen und Hessen machen gute Erfahrungen in ihren Gesamtschulen. Wenn also früh falsch sortiert wurde, lässt sich das zumindest später noch korrigieren.

Das Interview führte Marion Schmidt

Lesen Sie im zweiten Teil:



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