Schülerzeitungspreis-Gewinner "Sie warfen uns aus dem Lehrerzimmer"

Wenn Klausuren am Computer misslingen oder eine Recherche im Lehrerzimmer verboten wird, horchen Katharina, 18, und Carolin, 15, auf. Im Interview verraten die Preisträgerinnen, warum sie gerne unbequeme Texte schreiben.

Cover der Sieger-Zeitung "Tempus": Passion mit Gegenwind
Tempus

Cover der Sieger-Zeitung "Tempus": Passion mit Gegenwind


SPIEGEL ONLINE: Eure Schülerzeitung "Tempus" hat schon einige Auszeichnungen bekommen. Diesmal seid ihr Gesamtsieger beim SPIEGEL-Schülerzeitungspreis geworden. Wahrscheinlich habt ihr inzwischen schon mit dem Titel gerechnet, oder?

Carolin Etzold: Nein, null.

Katharina Schröder: Das Niveau ist insgesamt sehr hoch bei den Schülerzeitungen, die hier teilnehmen. Die anderen Schülerzeitungen sind echt gut. Als ich meinen Namen gehört habe, dachte ich nur: What?

SPIEGEL ONLINE: Wie macht man eine gute Schülerzeitung?

Carolin Etzold: Wichtig ist ein Team, das gut zusammenspielt. Bei "Tempus" machen 40 Schüler mit.

Katharina Schröder: Und ganz wichtig: Man muss als Schülerzeitung unbequem sein.

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Schülerzeitungspreis 2015: Das sind die Gewinner
SPIEGEL ONLINE: Hattet ihr schon einmal Ärger wegen eurer Berichterstattung?

Katharina Schröder: Oh ja. Wo soll wir anfangen?

Carolin Etzold: An unserer Schule können Mathe-Abiturklausuren am Computer geschrieben werden. Vor etwa zwei Jahren hatte ein technisch sehr begabter Redakteur von uns den Verdacht, dass es da eine Sicherheitslücke gibt und man als Schüler während der Prüfung auf die Ergebnisse der anderen Schüler zugreifen kann. Er hat das während der Mathestunden dann heimlich getestet. Und es war tatsächlich so. Wir haben in "Tempus" detailliert beschrieben, welche Befehle man eingeben muss, wenn man spicken will.

SPIEGEL ONLINE: Und was passierte?

Katharina Schröder: Unser Bericht hat zu ziemlicher Unruhe an der Schule geführt. Die Mathe-Lehrer waren überhaupt nicht begeistert.

Carolin Etzold: Manche von ihnen hatten erwartet, dass wir sie diskret auf das Problem hinweisen und nicht groß darüber berichten.

SPIEGEL ONLINE: Glückwunsch zu diesem Scoop. Stoßt ihr bei der Recherche an eurer Schule oft auf Widerstand?

Katharina Schröder: Das kommt vor. Wir wollten einmal die Arbeitsplätze im Lehrerzimmer fotografieren und daraus ein Quiz machen: Wessen Schreibtisch ist das?

Carolin Etzold: Aber unsere Fotografin wurde rausgeworfen. Schüler hätten im Lehrerzimmer nichts zu suchen, hieß es. Das habe ich dann in einem sehr ironischen Text thematisiert, in dem ich darüber spekuliere, was man da eigentlich vor uns verbergen will. Gibt es im Lehrerzimmer ein heimliches Zocker-Casino? Gibt es dort ein Verlies, wo Sklavenarbeiter unsere Klassenarbeiten korrigieren müssen?

SPIEGEL ONLINE: Es ist sicher nicht einfach, als Schüler kritische Berichte über Lehrer zu schreiben, von denen man abhängig ist.

Katharina Schröder: Nein. Eine Redaktionskollegin von uns hat sogar in der Oberstufe einen Kurs gewechselt, weil ihr Lehrer etwas gegen ihre Arbeit bei der Schülerzeitung hatte. Das sind natürlich Ausnahmen, aber es kommt vor.

SPIEGEL ONLINE: Bei so viel Gegenwind - habt ihr überhaupt Lust, nach der Schule mit dem Journalismus weiterzumachen?

Katharina Schröder: Auf jeden Fall. Ich habe da etwas gefunden, woran ich Spaß habe. Wo ich einmal arbeiten möchte, kann ich nicht sagen, aber ich habe im Studium ja noch ein paar Jahre Zeit, mir das zu überlegen. Mein Ziel ist nur: nicht zahm werden.

bkr



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