Kompetenzen von Viertklässlern "Nicht die Kinder sind das Problem, sondern das Bildungssystem"

Das Leistungsniveau von Viertklässlern hat sich verschlechtert, gleichzeitig ist der Anteil der Förder- und Zuwandererkinder gestiegen. Gibt es einen Zusammenhang? Antworten von der Leiterin des Vergleichstests.

Schüler in Baden-Württemberg
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Schüler in Baden-Württemberg


Zur Person
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    Petra Stanat, 53, leitet seit 2010 das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Unter ihrer Ägide ist der zweite IQB-Bildungstrend zur Kompetenzentwicklung von Viertklässlern entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Frau Stanat, Sie haben nach fünf Jahren die zweite Studie zu den Kompetenzen von Viertklässlern veröffentlicht, in fast allen untersuchten Bereichen haben die Schüler sich verschlechtert. Woran liegt das?

Stanat: Was als Erklärungsmuster gerne angeführt wird, ist die Veränderung in der Zusammensetzung der Schülerschaft. Da ist in der Tat was dran. Der Migrantenanteil ist gestiegen und auch der Anteil von Schülern mit Förderbedarf, die an allgemeinen Schulen unterrichtet werden. Das heißt, Lehrkräfte haben es jetzt mit einer extrem heterogenen Schülerschaft zu tun. Das ist eine Herausforderung. Es ist äußerst anspruchsvoll, Unterricht so zu gestalten, dass Kinder mit unterschiedlichen kognitiven und sprachlichen Voraussetzungen und unterschiedlichem kulturellen Hintergrund gleichermaßen profitieren.

Allerdings hat sich ja nicht alles ungünstig entwickelt: Im Bereich Lesen sind die Leistungen stabil geblieben, trotz zunehmender Heterogenität der Schülerschaft, das ist ein Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: In der Erklärung der Kultusministerkonferenz, die die Studie in Auftrag gegeben hat, liest sich das, als seien die Zuwandererkinder und die Förderschüler schuld daran, dass die Leistung zurückgegangen sind.

Stanat: Den Kindern kann man nie die Schuld geben. Allgemein ist die Frage, ob wir die falschen Kinder haben, verfehlt. Dann könnte man auch sagen: wenn wir nicht so viele Jungen hätten, dann wären die Kinder insgesamt in Orthografie besser. Das Bildungssystem muss auf Veränderungen in der Schülerschaft reagieren und die Schüler, die wir haben, möglichst gut fördern.

SPIEGEL ONLINE: Welches Bundesland hat denn gut reagiert?

Stanat: Hamburg zum Beispiel hat einen hohen Migrantenanteil und Hamburg hat auch den Inklusionsanteil zwischen 2011 und 2016 deutlich erhöht. Trotzdem sind die Ergebnisse stabil geblieben, im Lesen konnten die Leistungen sogar gesteigert werden. Der Stadtstaat war 2011 noch im Kreis der Bundesländer mit unterdurchschnittlichen Ergebnissen, inzwischen sind die Ergebnisse nur noch in zwei Bereichen leicht unterdurchschnittlich, das ist bemerkenswert.

Hamburg hat allerdings schon Ende der Neunziger angefangen, sein Bildungssystem genau zu analysieren. Das Land testet seine Schüler regelmäßig und die Schulaufsicht setzt sich einmal im Jahr mit den Schulen zusammen, bespricht die Entwicklungen und überlegt gemeinsam mit ihnen, was getan werden muss, um die Herausforderungen zu bewältigen.

SPIEGEL ONLINE: Baden-Württemberg hingegen hat in fast allen Kompetenzbereichen verloren, was ist da schiefgelaufen?

Stanat: In Baden-Württemberg ist der Anteil der Kinder mit Zuwanderungsgeschichte zwischen 2011 und 2016 um 15 Prozentpunkte gestiegen, jetzt liegt er bei 44 Prozent. Das ist hoch. Aber die entscheidende Frage ist: Wie hat das Land darauf reagiert? Mein Eindruck ist, ein System des systematischen Hinschauens, wie in Hamburg, existiert in Baden-Württemberg nicht.

SPIEGEL ONLINE: Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft wirft den Bundesländern vor, die Grundschulen vernachlässigt zu haben. Sie fordert mehr Lehrer, mehr Geld, eine bessere Ausbildung. Hilft das?

Stanat: Das ist ja häufig der Reflex: Kleinere Klassen, mehr Ressourcen, mehr Geld. Meiner Meinung nach muss erst die Frage gestellt werden, wo man hin will: Wie soll sich das Schulsystem weiterentwickeln, wie soll die Qualitätsentwicklung organisiert werden? Erst dann stellt sich die Frage, was man zur Umsetzung dieser Strategien braucht. Natürlich können dann auch zusätzliche Ressourcen erforderlich sein. Aber allgemeine Rezepte kann es nicht geben, jedes Land muss einzeln genau analysieren, was erforderlich ist, um die Qualität zu steigern.

SPIEGEL ONLINE: Hat Sie das Ergebnis dieses Jahr überrascht?

Stanat: Es hat mich teilweise enttäuscht, oder sagen wir: ernüchtert. Es hat gezeigt, wie fragil Erfolge sind, das zeigt das Beispiel Baden-Württemberg. Selbst in einem Land, das finanziell recht gut dasteht, können sich die Dinge ungünstig entwickeln. Und auch Hamburg: Trotz der intensiven und kontinuierlichen Anstrengungen in der Qualitätsentwicklung hat es ziemlich lange gedauert, bis Erfolge sichtbar wurden. Wir müssen in unseren Erwartungen, was in einem Zeitraum von fünf Jahren bewegt werden kann, realistisch sein.

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keinputintroll 13.10.2017
1. Testierungswahn
Die Ergebnisse in Hamburg sollten nicht überbewertet werden. Anstelle von kontinuierlichem Unterricht werden tageweise sinnlose Testierungen in allen Klassenstufen durchgeführt. Aufgaben, die mit dem Unterricht überhaupt nichts zu tun haben. Lehrer werden an ihrer eigentlichen Aufgabe gehindert, die Schüler sind genervt durch stundenlange Tests. Die Auswertung führt intransparent zu irgendwelchen Ergebnissen, aus denen dann eine angebliche Verbesserung herausinterpretiert wird. Gerade zum Schuljahresbeginn, wo eigentlich regelmäßiger Unterricht stattfinden sollte, wird dieser durch Kermit und Kess-Testung massiv beeinträchtigt. Die Leistungen der Schüler in Mittel-und Oberstufe werden immer schlechter. Von einer allgemeinen Hochschulreife kann zumindest an Stadtteilschulen schon lange keine Rede mehr sein. Aber es wird alles schön geredet. Leidtragende sind dann die Schulabgänger, die sowohl für ein Studium als auch für eine Berufsausbildung keine ausreichende Grundbildung mitbringen. Hauptsache die Noten auf dem Papier stimmen und die Abiturientenquote steigt, ohne Sinn und Verstand.
fördeanwohner 13.10.2017
2. -
Das Problem ist, dass die Konzepte von Schreibtischtätern, also Theoretikern ausgearbeitet werden. Da sitzen dann im Bildungsministerium und an Universitäten Leute, die sich nur ihrer Ideologie verpflichtet fühlen. Vielleicht sollte man einfach mal die Leute fragen, die Schule jeden Tag erleben, d.h. Schüler und Lehrer. Ich erlebe es jedenfalls immer wieder, wenn ich mit meinen Kids über bestimmte Dinge, z.B. wie Schule organisiert ist, rede, dass wir ziemlich ähnliche Ansichten haben. Und an meiner Schule sagen die Schüler tatsächlich, was sie denken, weil das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerschaft sehr gut ist. Wenn ich schon lese, mehr Personal und dadurch kleinere Lerngruppen sei kein Allheilmittel, dann frage ich mich schon, wie es sein kann, dass "Experten" den gesunden Menschenverstand ignorieren. Schon klar, nicht jede kleine Lerngruppe ist automatisch leistungsstark. Das aber ist ja gar nicht der Punkt. Die Dame kommt ja nicht einmal darauf, dass niemand wirklich den Kindern die Schuld gibt, oder dass es in Hamburg stagniert, weil sich in den letzten Jahren auch nix geändert hat, was die Klassenzusammensetzung - von wegen Migrationshintergrund und Inklusionskinder - angeht. Also mich wundern die Ergebnisse jedenfalls kein bisschen. Warum die Dame enttäuscht ist, allerdings schon.
georgia.k 13.10.2017
3. eine Studie aus den siebziger/achtziger Jahren ergab,
dass Kinder mit Migrationshintergrund - damals gab es das Problem der reinen Türkenklassen - am besten in Klassen mit möglichst wenigen Kindern ihrer Muttersprache aufgehoben sind. Am Beispiel des CDU-Politikers Bülent Arslan kann man das auch nachvollziehen - sein Vater habe darauf bestanden, dass er seinen Platz nur neben deutschsprachigen Kindern einnehmen sollte. Auch die vielen bestens gebildeten und integrierten Zuwanderer aus anderen Gebieten, wie z. B. Asiaten, belegen dies. Von ihnen gab es immer nur wenige, so dass sie zwanbgsläufig Deutsch erlernten. An einem Aussiedlerkind - der Vater und Mutter sprachen nur polnisch - habe ich erleben dürfen, wie schnell der Junge im 2. Schuljahr Deutsch sprach - ca. 8 Wochen dauerte es gerade mal. Er kam jeden Nachmittag mit den Hausaufgaben zu uns. Leider kamen seine Eltern hier nicht klar, obwohl Unterstützung durch ältere deutschsprachige Verwandte vorhanden war. so dass die Familie wieder nach Polen zurückkehrte.
max-mustermann 13.10.2017
4.
"Das ist ja häufig der Reflex: Kleinere Klassen, mehr Ressourcen, mehr Geld. " Und das völlig zurecht, viele Schulgebäude sind in einem erbärmlichen Zustand. Der Lehrermangel ist dank des Sparzwangs der Regierung enorm, es fallen regelmäßig unmengen an Stunden aus usw. Ich rede hier übrigens von Bayern, wie es in den Bundesländern am unteren Ende der Liste zugeht möchte ich mir gar nicht vorstellen.
upalatus 13.10.2017
5.
Die fundamentalen Kompetenzen, auf die alle anderen solid aufbauen können, vermittelt nicht ein Bildungssystem. Das kommt von Anfang an von den Eltern, dann dem Umfeld und dann der Gesellschaft in der Art, in welcher akzeptierten und gewollten Art das Leben gelebt wird. Da liegt der Hund im Pfeffer. Kein Bildungssystem, kein Lehrer und keine Kitatante können dem effektiv was entgegenstellen oder heilen.
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