Islam im Klassenzimmer Wenn Mahmut nicht malen will

Seit dem Hilferuf der Rütlischule beherrscht die Integration jugendlicher Migranten die Bildungspolitik. In Hamburg suchten Experten nun nach intelligenten Lösungen. Ihre Erkenntnis: Bei Konflikten mit muslimischen Schülern sind Lehrer oft überfordert.

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Hamburg - Fünf-Sterne-Hotel, Dattelpalmen, bis zu 25 Grad – nicht gerade das, woran man bei einem sperrigen Begriff wie "interkulturelle Kompetenz" denkt. Naimeh Hollmann freut sich über die Verwunderung und erzählt, wie sie vor wenigen Wochen mit einem Geografie-Leistungskurs in die Sonne geflogen ist. Zum Schüleraustausch, nichts Ungewöhnliches in der zwölften Klasse.

Muslimische Schülerin (in Lichtenfels): Wie kann Integration durch Bildung gelingen?
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Muslimische Schülerin (in Lichtenfels): Wie kann Integration durch Bildung gelingen?

Nur dass es eben meist nach England oder Frankreich geht und nicht auf Einladung eines Scheichs in die Vereinigten Arabischen Emirate. Vor der Reise haben die 22 Schüler aufgeschrieben, was sie dort erwarteten, hinterher, was sie erlebt hatten. Hollmann ist vom Ergebnis begeistert: "Die Gedanken werden wirklich umgekrempelt."

Nicht nur Naimeh Hollmann denkt bei "Islam im Klassenzimmer" an mehr als Koranschule und Kopftuchstreit. 200 Lehrer und Experten diskutierten unter diesem Motto jetzt in Hamburg darüber, "wie Integration durch Bildung gelingen kann". Viele haben Beispiele aus den eigenen Klassenzimmern mitgebracht: Sie üben mit Schülern ein Theaterstück zum Nahostkonflikt ein, machen die islamische Zeitrechnung zum Thema im Matheunterricht oder bilden sich selbst über den Islam und seine Regeln fort. Die Pädagogen sind weiter, als es die öffentliche Diskussion glauben macht, lautet eine Botschaft der Tagung.

Doch es bleiben viele offene Fragen. Das zeigt auch die Auswertung von 75 Beiträgen, die Lehrer an die Veranstalter von der Körber-Stiftung geschickt hatten: In welchen Fächer sollte das Thema behandelt werden? Können Lehrer das überhaupt entscheiden, ohne dass sich die Vorgaben der Politik ändern? Und vor allem: Muss der Islam im Unterricht nur besser vermittelt werden oder ist er dort auch Ursache für Probleme?

Auch Lehrer wissen wenig über den Islam

Muslimische Schüler sollten zwar eine "deutsch-islamische" Identität herausbilden können, forderte zur Eröffnung Ute Erdsiek-Rave, Schleswig-Holsteins Bildungsministerin und Präsidentin der Kultusministerkonferenz. Man müsse aber auch die Schwierigkeiten ansprechen, die sich für Lehrer im Umgang mit den Jugendlichen ergäben. So ließen sich muslimische Jungen von Frauen häufig nichts sagen. "Sie kennen das", sagte die Ministerin mit Blick auf die Lehrerinnen im Publikum – und erntete vorsichtiges Nicken.

Zu Skepsis bei solchen Analysen riet Özlem Naz, die seit vielen Jahren Lehrer in interkultureller Arbeit ausbildet. Wenn etwa eine 16-jährige Schülerin in den Sommerferien mit dem türkischen Cousin in der Heimat verheiratet wird, "liegt es vielleicht an der Stammestradition und nicht am Islam". Man solle Kinder nicht über ihre religiöse Orientierung definieren, sondern sie endlich als "kleine Staatsbürgerinnen und Staatsbürger" sehen, so der Appell von Naz. Auch Lehrer wüssten häufig noch zu wenig über den Islam - bei den Begriffen angefangen. So wird die junge Frau mit dem bunten Kopftuch bei ihren Fortbildungen gelegentlich gefragt, wie sie "als Islamistin" denn zu dieser oder jener Frage stehe.

In Hamburg zeigte sich, wie schwierig der Umgang mit dem Thema sein kann. Mehrere Zuhörer empörten sich über das Titelbild der Veranstaltung – ein blondes Mädchen neben einer Schülerin mit Kopftuch – als pures Klischee. Ein anderer Teilnehmer will dagegen endlich in Zahlen wissen, wie viele Schüler mit islamistischem Hintergrund denn nun in deutschen Klassenzimmern säßen.

"Man muss auch Position beziehen"

Die anwesenden Lehrer beschäftigen im Alltag andere Probleme. Wie etwa umgehen mit drei muslimischen Jungs, die sich im Kunstunterricht weigern, ein Porträt zu zeichnen, weil es ihnen ihre Religion verbietet? Eine Teilnehmerin will so etwas als "pubertäres Planspiel" ignorieren, eine andere sieht es "als Herausforderung zu einer religionsphilosophischen Diskussion".

"Man muss auch Position beziehen", ermutigte Mehmet Alpbek die verunsicherten Pädagogen. Der gebürtige Türke lebt in Berlin, wo Schulen seit Wochen in der Öffentlichkeit nur noch als Heimat gewaltbereiter Migranten mit überforderten Lehrern und Eltern erscheinen. Alpbek verkörpert das Gegenmodell zur vermeintlich gescheiterten Integration: ein liberaler, gebildeter Vater, der sich im Türkischen Elternverein Berlin-Brandenburg engagiert. Wie viele Anwesende glaubt er, dass sich im Umgang deutscher Lehrer mit muslimischen Schülern oft Unsicherheit über die eigenen Werte ausdrückt. Dabei sei klar, was im Zweifel gelten muss: "das Grundgesetz, die Landesverfassung". Auch Alpbek warnte aber vor falschen Zuordnungen. Er selbst sei früher einfach als Elternvertreter wahrgenommen worden. Seit dem 11. September gelte der nicht-religiöse Elternverein plötzlich als "Vertreter von Muslimen".

Naimeh Hollmann, die im September die nächste Schülergruppe nach Jordanien begleitet, rät ihren Kollegen vor allem zur Gelassenheit. Wenn muslimische Jungs auf den Tischen tanzen, solle man sie genauso zurechtweisen wie alle anderen. Das fällt freilich oft deutlich leichter, wenn man ein paar Grundzüge ihrer Sprache kann - oder wie die gebürtige Palästinenserin fließend Arabisch spricht. Ein eindringlicher Appell von Bildungsministerin Erdsiek-Rave lautete deshalb, es müsse künftig mehr Lehrer mit "Migrationshintergrund" geben – vor allem Männer: "Ich möchte sie haben und einstellen!"


Buchtipp :

Sanem Kleff (Hg.): Islam im Klassenzimmer. I mpulse für die Bildungsarbeit. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2005.

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