Religionsunterricht "Alle haben etwas davon, wenn der Islam in die Schulen kommt"

Islamunterricht an staatlichen Schulen kann helfen, Attentate wie in Würzburg oder Ansbach zu verhindern, sagt Islamforscher Michael Kiefer. Aber bundesweit werde es ihn trotzdem vorerst nicht geben.

Islamischer Religionsunterricht in Bonn
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Islamischer Religionsunterricht in Bonn

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    Michael Kiefer, 55, lehrt Geschichte des Islam am Institut für Islamische Theologie in Osnabrück. Er forscht zum islamischen Religionsunterricht und zur Prävention von Radikalisierung.

SPIEGEL ONLINE: Die Kommunen haben nach dem Anschlag in einem Regionalzug bei Würzburg gefordert, Islamunterricht flächendeckend an staatlichen Schulen in Deutschland einzuführen. Das könne gegen Radikalisierung helfen. Stimmt das?

Kiefer: Es gibt noch keine wissenschaftlichen Studien dazu, aber viele Hinweise darauf. Der Islamunterricht soll muslimischen Kindern beibringen, ihre Religion kritisch zu reflektieren. Viel spricht dafür, dass radikale Islamisten häufig aus religionsfernen Elternhäusern stammen und wenig Ahnung vom Islam haben. Eine solide religiöse Bildung kann also gegen totalitäre Vorstellungen helfen.

SPIEGEL ONLINE: Wir bekommen viele Mails von Lesern, die sich unwohl fühlen damit, dass der Islam "auch in den Unterricht einzieht".

Kiefer: In unserem Grundgesetz steht, dass eine Religionsgemeinschaft das Recht auf einen eigenen Religionsunterricht an Schulen hat. Denn nach Jahren des Nationalsozialismus sollte die Werteerziehung der Kinder nicht mehr allein in den Händen des Staates liegen. Die Diskussion, ob und wie islamische Religion an deutschen Schulen unterrichtet werden soll, begann dann in den Siebzigerjahren.

SPIEGEL ONLINE: Und sie wird seither sehr kontrovers geführt.

Kiefer: Wir haben alle etwas davon, wenn der Islam aus geschlossenen Milieus heraus in den öffentlichen und schulischen Raum kommt. Für Muslime ist es ein Zeichen der Wertschätzung. Und in den Schulen lernen Kinder die Religion der jeweils anderen kennen. Das ist der beste Weg, um Vorurteile und Missverständnisse abzubauen.

SPIEGEL ONLINE: Bis jetzt bieten Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen regulären islamischen Religionsunterricht an. Woanders laufen teilweise Modellprojekte. Warum geht das so zäh?

Kiefer: Die Schulministerien müssen entscheiden, mit welchen religiösen Gemeinschaften sie zusammenarbeiten wollen, um den Unterricht zu gestalten. Es gibt mehrere Gemeinschaften, und es ist sehr umstritten, welche als Partner infrage kommen.

SPIEGEL ONLINE: Ist bundesweiter islamischer Religionsunterricht dann überhaupt möglich?

Kiefer: Kurzfristig ist er nicht realistisch. Erst seit 2012 gibt es reguläre Studiengänge in Deutschland für islamische Religionslehrer. Wir haben noch nicht annähernd genug Lehrer, das dauert noch ein paar Jahre. Derzeit bekommen weniger als zehn Prozent aller muslimischen Schüler islamischen Religionsunterricht.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie die Sorge verstehen, dass Kinder in der Schule veraltete, vermeintlich islamische Wertvorstellungen vermittelt bekommen?

Kiefer: Die Religionsgemeinschaften machen die Lehrpläne nicht selbst. Sie erarbeiten die Inhalte gemeinsam mit staatlichen Institutionen. Der Unterricht wird von ausgebildeten Lehrkräften gemacht, die der Schulleitung und der Schulaufsicht unterstehen. In Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen haben wir gesehen: Das klappt gut und es gibt wenige Konflikte hinsichtlich des Curriculums.



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