Islam an Schulen Kaum Religionsunterricht für Muslime

Der Ausbau des islamischen Religionsunterrichts kommt in Deutschland nur langsam voran. Dabei könnte er ein wichtiger Baustein zur Prävention von Extremismus sein. Ein Überblick.

Islamischer Religionsunterricht: Beitrag zur Identitätsbildung
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Islamischer Religionsunterricht: Beitrag zur Identitätsbildung


Es gibt rund vier Millionen Muslime in Deutschland. Die Schüler unter ihnen wären potenziell an islamischem Religionsunterricht interessiert - doch den wenigsten wird Islamunterricht an ihrer Schule angeboten. Der Ausbau dieses Faches kommt nur schleppend voran.

"Religiösen Analphabetismus" unter Muslimen nennt das Ismail Yavuzcan vom Tübinger Lehrstuhl Religionspädagogik des Zentrums für islamische Theologie. 60 Prozent der jungen Leute erhielten Islamunterricht weder in Schule noch Moschee. Yavuzcan hält den Ausbau für wichtig, um "religiösem Analphabetismus" vorzubeugen. Auch könne so verhindert werden, dass Jugendliche in den Extremismus abgleiten - denn sie gerieten schnell an extreme Webseiten, wenn sie mehr über Religion wissen wollten.

Einige Bundesländer haben Islamische Religion als Regelfach eingeführt. Andere haben Modellprojekte - in einigen gibt es aber auch gar kein Angebot. Dies ist der Stand in den Ländern:

Nordrhein-Westfalen führte 2012 islamischen Religionsunterricht zunächst an Grundschulen, später auch an weiterführenden Schulen ein. Derzeit unterrichten 64 Lehrer rund 6500 Schüler an 92 Schulen. In NRW leben rund 320.000 muslimische Schüler. Neben Religionsunterricht gibt es auch das Fach Islamkunde - und in Münster einen Lehrstuhl Islamische Theologie.

Niedersachsen baute den Islam-Religionsunterricht 2013 nach fast zehnjährigem Modellversuch zum Regelfach aus. Derzeit erhalten an 55 Schulen fast 2400 Kinder der Jahrgänge 1 bis 5 den Unterricht. Insgesamt sind landesweit etwa 49.000 Schüler Muslime. Aus Sicht der rot-grünen Regierung bildet das Fach "einen wertvollen Beitrag zur religiösen Identitätsbildung".

Berlin hat schon länger islamischen Religionsunterricht. Er wird von der Islamischen Föderation angeboten, die dafür Geld vom Land bekommt. Aktuell besuchen 4849 Schüler den Unterricht. Der Trend ist allerdings rückläufig: Im letzten Schuljahr waren es noch 5211 gewesen.

Baden-Württemberg hat seit 2006 ein Modellprojekt zum Islamunterricht, das laut grün-roter Landesregierung bis 2018 laufen soll. Bislang nehmen mehr als 2000 Kinder an 31 Schulen teil. Insgesamt leben in Baden-Württemberg gut 600.000 Muslime. Damit aus dem Modellversuch Regelunterricht werden kann, sind laut Regierung bestimmte Voraussetzungen nötig. So müsse es einen Ansprechpartner in Form einer anerkannten Religionsgemeinschaft geben.

Bayern will die Angebote für Muslime an seinen Schulen ausweiten. Rund 94.000 Schüler sind Muslime. Im vergangenen Schuljahr besuchten 11.500 Schüler an 261 Schulen den Islamunterricht - darunter nur zwei Gymnasien. In den nächsten fünf Jahren sollen hundert weitere Schulen hinzukommen. Landesweit gibt es 65 Islam-Lehrerstellen im CSU-regierten Bayern, an der Uni Erlangen-Nürnberg studieren rund 40 Lehramtsanwärter das Fach.

Hessen führte 2013 an 27 Schulen Islamunterricht für Erstklässler ein. Derzeit steht das Fach für 1180 Erst- und Zweitklässler an 38 Grundschulen in dem schwarz-grün regierten Land auf dem Stundenplan. Im nächsten Schuljahr kommen laut Ministerium weitere hinzu. Eine erste Islamlehrer-Generation wird in Gießen für die Grundschulen und in Frankfurt an weiterführenden Schulen ausgebildet.

In Rheinland-Pfalz leben etwa 30.000 Schüler muslimischen Glaubens. An fünf Grundschulen gibt es islamischen, an drei weiteren einen alevitischen Religionsunterricht, daneben an sieben Schulen in der Mittelstufe Islamunterricht im Rahmen eines Modellprojekts.

Das Saarland will im nächsten Schuljahr per Modellversuch islamischen Religionsunterricht ab Klassenstufe 1 in deutscher Sprache anbieten. Im kleinsten Flächenland leben rund 8600 schulpflichtige Muslime.

Schleswig-Holstein erteilt islamkundlichen Unterricht, also keinen islamischen Religionsunterricht. An den öffentlichen Schulen wurden zuletzt 14.124 junge Muslime unterrichtet.

Bremen hat ebenfalls keinen eigenständigen Islamunterricht. Zum neuen Schuljahr wurde das übergreifende Fach Religion als Ersatz für den bisherigen biblischen Geschichtsunterricht eingeführt.

Hamburg geht mit "Religionsunterricht für alle" einen eigenen Weg: Schüler unterschiedlicher Glaubensvorstellungen werden gemeinsam im Klassenverband in Religion unterrichtet. 2012 erkannte die Hansestadt in Verträgen mit drei muslimischen Verbänden und der alevitischen Gemeinde diese als Religionsgemeinschaft an. Mit ihnen entwickelt man seitdem das Konzept des Religionsunterrichts für alle weiter.

Brandenburg berücksichtigt den Islam nur im Fach Lebensgestaltung-Ethik-Religionskunde. Mecklenburg-Vorpommern hat keinen islamischen Unterricht, die Einführung eines solchen Angebotes ist derzeit auch nicht geplant. Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen bieten ebenfalls keinen Islamunterricht in Schulen an, weil es zu wenig Schüler muslimischen Glaubens gibt.

Werner Herpell/dpa/mer



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