Islamunterricht "Schüler fühlen sich viel heimischer"

Bei der Berliner Islam-Konferenz geht es auch um Pädagogik: An einigen Schulen gibt es bereits Modellprojekte zum Islamunterricht. Die Auswahl der Lehrpläne aber bleibt schwierig, und meist muss auf Lehrkräfte aus der Türkei zurückgegriffen werden.


Frankfurt/Main - "Ich halte es für überfällig, dass in unseren Schulen den Kindern muslimischen Glaubens von gut ausgebildeten Lehrern und in deutscher Sprache Islamunterricht angeboten wird." Mit dieser Ansicht steht Bundespräsident Horst Köhler nicht allein. Und seine Forderung ist nicht neu: Parteiübergreifend fordern Politiker Islamunterricht an staatlichen Schulen, auch um damit möglichen extremistischen Einflüssen in Koranschulen vorzubeugen. In vielen Bundesländern gibt es schon Pilotprojekte, und die Beteiligten sehen solchen Unterricht als gutes Mittel zur Integration.

Angehende Islamlehrer an der Uni Münster: Koranexegese und Arabischunterricht.
DDP

Angehende Islamlehrer an der Uni Münster: Koranexegese und Arabischunterricht.

Bereits in den Achtziger Jahren boten etwa die Länder Nordrhein-Westfalen und Bayern Islamunterricht als ergänzenden Teil des Türkisch-Unterrichts an. Seit 1999 gibt es in Nordrhein-Westfalen und seit 2001 in Bayern Islamkunde als eigenständiges Fach in deutscher Sprache. In Nordrhein-Westfalen nehmen derzeit 120 Schulen mit mehr als 5.000 Schülern teil, in Bayern waren es im vergangenen Schuljahr rund 1.700 Schüler an 35 Schulen.

"Am Anfang herrschte große Skepsis bei Eltern und Schülern", berichtet Lamya Kaddor, die Islamkunde an einer Hauptschule in Dinslaken unterrichtet. Die Eltern seien skeptisch gewesen, weil der Unterricht auf Deutsch stattfinde und weil sie nicht türkisch-, sondern arabischstämmig sei und kein Kopftuch trage. "Nach drei Jahren sind aber inzwischen alle zufrieden."

Hoheitsgerangel der Religionsverbände

Genau wie in anderen Fächern gibt es für Islamkunde Noten, die sich auf die Versetzung auswirken. Im Gegensatz zu einem Religionsunterricht hat das Fach aber keine Erziehungsfunktion, der Lehrer nimmt eine neutrale Rolle ein. "Ich kann sagen: Wenn der Fastenmonat Ramadan beginnt, haben die Muslime die Pflicht zu fasten", erklärt Kaddor. In einem islamischen Religionsunterricht würde sie sagen: "Wir müssen fasten, weil wir jetzt Ramadan haben."

In Erlangen wurde im Jahr 2003 erstmalig an einer Grundschule das Modellprojekt "Islamunterricht" eingeführt. Damit ist Bayern das erste Bundesland mit einem staatlichen islamischen Religionsunterricht, der von einer großen Mehrheit der örtlichen Muslime mitgetragen wird. Im vergangenen Schuljahr nahmen 42 Schüler an dem Projekt teil, im kommenden Schuljahr soll die fünfte Klasse einer Hauptschule in Erlangen dazukommen.

Wegen der Vorgaben des Grundgesetzes und der Organisationsweise der Muslime in Deutschland ist die Einrichtung islamischen Religionsunterrichts allerdings nicht unproblematisch. Im Grundgesetz heißt es, dass der Religionsunterricht "in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaft erteilt" wird. Dafür ist es nötig, dass der Staat eine Religionsgemeinschaft als Ansprechpartner hat, die von ihren Mitgliedern legitimiert ist, verbindliche Aussagen über Glaubensinhalte zu treffen.

Die verschiedenen islamischen Organisationen in Deutschland sind aber nicht als Glaubensgemeinschaft anerkannt. Allerdings hat das Bundesverwaltungsgericht im Februar 2005 erklärt, die Voraussetzungen einer Religionsgemeinschaft könnten von Dachverbänden wie dem Zentralrat der Muslime und dem Islamrat erfüllt werden.

Lehrerausbildung hinkt hinterher

Der rechtliche Status und das Mitwirkungsrecht der verschiedenen islamischen Verbände und Glaubensrichtungen bei Lehrplan und Auswahl der Lehrer sind immer wieder Streitpunkte. So war es etwa in Baden-Württemberg, wo man sich inzwischen einigen konnte: Am 18. September 2006 ist ein Modellversuch an zwölf Grundschulen gestartet. An zehn Schulen wird der Islam sunnitischer Prägung vermittelt, an zwei die alevitische Glaubensrichtung. Im bayerischen Erlangen musste mit den islamischen Gruppen vor Ort und den Eltern muslimischer Kinder ein Konsens gefunden werden, was unterrichtet werden kann.

Nicht in allen Bundesländern gibt es solche Konzepte, aber doch schon in einigen. So erprobt etwa Rheinland-Pfalz in einem vierjährigen Modellversuch die Einführung eines Islamunterrichts an einer Ludwigshafener Grundschule. Hessen will schrittweise Ethikunterricht mit Schwerpunkt Islam einführen. Vor einem Jahr hatte der Hessische Verwaltungsgerichtshof die Klage der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) auf Einführung von Islamunterricht abgewiesen, da es sich bei der IRH nicht um eine Religionsgemeinschaft nach dem Grundgesetz handele.

Wenn immer mehr Schulen solchen Unterricht anbieten, werden auch zunehmend qualifizierte Lehrer benötigt. Oft muss auf Lehrkräfte aus der Türkei zurückgegriffen werden, doch das soll sich bald ändern: Seit zwei Jahren werden am Lehrstuhl für Religion des Islam an der Universität Münster sowie an der Universität Erlangen-Nürnberg Lehrer für Islamische Religionslehre ausgebildet.

Nach Kaddors Erfahrungen dient ein solcher Unterricht vor allem auch der sprachlichen Integration von Migrantenkindern, die sich sichtlich heimischer fühlten. "Sie können sich so auch in der deutschen Sprache mit ihrer Religion und Kultur auseinandersetzen", so die Lehrerin. Die Kollegen, die nicht nur mit den Schülern, sondern auch mit deren Eltern und den Moscheeverbänden in Kontakt stünden, würden "zu einer Art Brückenbauer", bilanziert Kaddor.

Von Mirjam Mohr/AP

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