Janosch-Biografie "Lieblingsuhrzeit? Nachts, bis vier"

Kinder lieben Janoschs Bär, Tiger und Tigerente. Doch der Illustrator selbst hatte eine grauenvolle Kindheit - voller Schläge und Armut. Kurz vor seinem 85. Geburtstag gewährt er tiefe Einblicke in sein Leben.

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Als Janosch klein ist, kommt sein Vater Johann Eckert oft betrunken nach Hause. Er kotzt die Wohnung voll, verzerrt das Gesicht und brüllt: "Ich schlag euch alle tot." Mit einer Lederpeitsche verprügelt er seine Frau Hildegard und seinen Sohn. Die Familie ist arm - oft gibt es lediglich Kohl zu essen. In den Dreißigerjahren wohnt sie in einer kleinen Wohnung in Oberschlesien. In der Luft wabert der Geruch von Tabak, denn der Vater raucht stark.

Fünf Jahre hat die Autorin Angela Bajorek gebraucht, um dem weltberühmten Kinderbuchautor und Illustrator Janosch, der eigentlich Horst Eckert heißt, in langen Gesprächen und vielen E-Mails Details aus seinem Leben zu entlocken. Ihre Biografie erscheint nun zwei Wochen vor seinem 85. Geburtstag - es ist die erste vollständige Lebensgeschichte zu dem Künstler überhaupt.

Janoschs Name ist unwiderruflich mit dem Bären und dem Tiger verbunden, die in "Oh, wie schön ist Panama" (1979) in das zentralamerikanische Land aufbrechen. Mit mehr als 300 Büchern, die in 40 Sprachen erschienen sind, schrieb und zeichnete sich Janosch in die Herzen von Millionen Kindern. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise, darunter der Deutsche Jugendliteraturpreis (1979) und das Bundesverdienstkreuz (1993).

Die polnische Hochschuldozentin Bajorek taucht tief in Janoschs Leben ein. Damit ist ihr Außergewöhnliches gelungen, denn der Schriftsteller lebt sehr zurückgezogen auf Teneriffa. Er mag keine Journalisten - und wenn er doch einmal ein Interview gibt, macht er sich in der Regel einen Spaß daraus, Quatsch zu erzählen.

Janosch auf Teneriffa: In der Hängematte
Janosch

Janosch auf Teneriffa: In der Hängematte

Bajorek blieb hartnäckig, las Janoschs Bücher, reiste in seine Geburtsstadt, recherchierte in Archiven, redete mit Historikern und erhielt irgendwann seine E-Mail-Adresse. "Ich war gut vorbereitet, kannte historische Fakten und stellte die richtigen Fragen", sagt Bajorek.

In den vergangenen fünf Jahren besuchte sie Janosch mehrmals und tauschte mehr als tausend E-Mails mit ihm aus. Am Ende der Zusammenarbeit sagte Janosch: "Ich werde niemals mehr jemandem so viel über mich sagen."

Der sechsjährige Horst: "Ein Kind wie aus einer Illustrierten"
Janosch

Der sechsjährige Horst: "Ein Kind wie aus einer Illustrierten"

Die Autorin zeichnet nach, wie die Familie den Krieg in Oberschlesien erlebt, wie Janoschs jüdische und behinderte Klassenkameraden verschwinden, wie er zum Dienst in der Hitlerjugend gezwungen wird, wie die Russen einmarschieren.

Daheim schlägt nicht nur der Vater den Sohn, sondern auch die Mutter, die immer grimmig aussieht, weil sie keine Zähne mehr hat. Sie ist ständig gereizt und prügelt so lange auf den Jungen ein, bis er keine Luft mehr bekommt und bewusstlos zusammensackt. "Ich habe meine Mutter lange gehasst, wie ein Welt-Unheil", sagt Janosch.

Im Jahr 1946 flieht die Familie erst nach Oldenburg, später nach Krefeld - für Janosch nicht nur ein Aufbruch ins Unbekannte, sondern auch in die Freiheit. "Meine eigene Stimmung war Abenteuerlust. Mir hat die chaotische Zeit sehr gut gefallen", sagt Janosch.

Anfang der Sechzigerjahre gelingen ihm als Autor die ersten Erfolge. Er schreibt Geschichten für Zeitungen, dann die ersten Kinderbücher. Später schließt er sich der Hippiebewegung an. Seine Bücher verkaufen sich immer besser. 1970 zieht er sich mit einem Vorrat von 41 Flaschen Gordon's Gin in sein Haus am Ammersee zurück und schreibt den autobiografischen Roman "Cholonek oder der liebe Gott aus Lehm". Als das Manuskript fertig ist, sind alle Flaschen leer.

Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein

Jede dieser vielen Episoden weckt Neugier, man will mehr wissen, tiefer eintauchen in dieses seltsame Leben. Am meisten bewegt die Frage, wie ein Mensch so viele zauberhafte Kinderbücher schreiben kann, obwohl er in einem so gewalttätigen Umfeld aufgewachsen ist. "Seine Kinderbücher sind das Gegenbild von dem, was er erlebt hat", sagt Angela Bajorek.

Ohne diese traumatische Kindheit hätte er nie so schreiben können, glaubt Bajorek. Zugleich gehe er sehr antipädagogisch an seine Geschichten heran: Er will die Kinder nicht belehren, sondern verpackt die Lehren in Abenteuer - wie etwa in den Geschichten von Tiger und Bär, die sich um wahre Freundschaft und das einfache Leben in der Natur drehen. Seine wichtigsten Botschaften: Lasst euch nichts gefallen! Und: Man braucht nicht viel, um glücklich zu sein, denn wer nicht viel hat, kann auch nicht viel verlieren.

Er schreibt am liebsten dann, wenn andere schlafen. In der Nacht falle ihm meistens ein, wie eine Geschichte weitergehen muss. "Lieblingsuhrzeit? Nachts, bis vier Uhr."

Auch heute noch lebe Janosch sehr bescheiden und arbeite jeden Tag, sagt Bajorek. Auf die Frage, wie ein typischer Tag bei ihm verlaufe, antwortete er: "Immer Hängematte." Noch immer schreibt er ihr fast jeden Tag Mails. Manchmal schickt er Fotos mit oder ein Rezept, zum Beispiel für die besten Bratkartoffeln mit Zwiebeln. "Er ist Teil meines Lebens geworden", sagt sie. Bajorek hat in all den Jahren viele Informationen über Janosch gesammelt. Einige Geheimnisse aus seinem Leben seien aber nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.

Janosch gefalle die Biografie, sagt Bajorek. Die gemeinsame Arbeit habe bei ihm Erinnerungen an alte Zeiten und Gerüche geweckt. An Tabak und Kohl. Nachdem er das Buch gelesen hatte, habe er erst einmal ein Glas Wein trinken und hinters Haus gehen müssen - um vor Freude zu weinen.



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zapp-zarapp 26.02.2016
1. Macht der Worte
Ein berührender Bericht über einen Künstler, der über Jahre die richtigen Worte für andere gefunden hat, und dem nun das Glück zuteil wurde, dass seiner Biographin scheinbar das Selbe für Ihn gelang. Ein wahres Märchen, das daran erinnert, welche heilsame Kraft in Worten stecken kann. Wie zerstörerisch Worte leider auch wirken können, wird uns ja gerade in der aufgeheizten Flüchtlingsdebatte leider schon hinreichend oft vor Augen geführt. Wir alle sollten, im Großen wie im Kleinen, unserer Wortwahl mehr Beachtung schenken.
jens-o-mat 26.02.2016
2. Großer Respekt vor dieser Lebensleistung
Nur erahnen kann ich, was es an Kraft kostet, eine solche Kindheit nicht nur zu überleben, sondern dazu so ein wunderbares, menschenfreundliches Werk zu schaffen. Vielen Dank lieber Janosch und noch viele gute Jahre!
cosima_wagner 26.02.2016
3. Demokratische Dekadenz
"Liebe Sonne scheine, auf meine kalten Beine. Lieber das Geld versaufen, als ein Paar Stiefel kaufen." (Janosch aus: Hottentotten Grüne Motten)
solna 26.02.2016
4. Kinder lieben viel
Kinder lieben jeden Mist. Nicht, dass Janoschs Werk Mist wäre, beileibe nicht, aber es sind die Eltern, die ihn zum Erfolg gemacht haben, nicht die Kinder. Es sind die Erwachsenen, die ihn in die Kinderzimmer geholt haben. Was auch gut ist, denn sonst wäre alles voll mit "Das Buch zum Film", Comics mit rosa Ponys, Superhelden und anderem Merchandising. Es ist Zeit, Janosch nicht mehr als Kinderbuchautor zu sehen. Die neue Biografie ist dazu ein wichtiger Schritt.
Maverlized 26.02.2016
5. Rührung
ist es, was einem bei diesem Artikel widerfährt. Obwohl mene Kindheit eher mit Pittiplatsch einher ging, kenne ich Jannosch gut - auch aus der Kindheit meines Sohnes. Jannosch ist ein gutes Beispiel dafür, dass man gewalttätige Straftäter eben NICHT wegen angeblich ach so schlimmer Kindheit milder behandeln sollte. Denn aus einer gewalttätigen Familie heraus doch ein gutter Mensch zu werden lieget schließlich ein gerüttelt Maß in jedem Menschen. Nicht die Umstände sind Schuld an dem, was wir sind.
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