Japan-Trend Maskottchen mit blutigen Krallen

Mode wie aus einem Manga: Wie Eva, 21, begeistern sich auch viele andere Jugendliche für die japanische Visual-Kei-Szene. Mit grellen Frisuren und Klamotten, mit reichlich Lack und Leder sorgen sie für Aufsehen. Von Theresa Weimann


Mehrfach im Jahr macht sich Eva besonders hübsch für die Fotos. Pudert ihr Gesicht hell, schminkt ihre Augen dunkel und die Lippen blutrot. Die 21-Jährige zieht einen karierten Minirock über die spinnennetzartige Strumpfhose, nimmt ihren Japano-Pulli und die schwarze Lederkappe und nennt sich "Miyabi". Im Arm hält sie einen rosafarbenen "Gloomy-Bear", das Maskottchen mit den blutigen Krallen. Er lässt erkennen, was sie ist: ein Visual-Kei-Fan, Mitglied einer Musik- und Mode-Szene aus Japan, die im Zuge des Manga-Booms auch hier zu Lande immer mehr Fans gewinnt.

Zu einem Konzert von "Dir en grey", einer beliebten Visual-Kei-Band, kamen im vergangenen Jahr in Berlin rund 3500 Besucher. Seit zwei Jahren gibt es in Berlin-Mitte sogar einen eigenen Shop namens "Neo Tokyo", der auf japanische Mangas, Anime und Musik spezialisiert ist. Und die "Bravo", Deutschlands beliebtestes Jugendmagazin mit einer Auflage von rund 1,5 Millionen Exemplaren, bringt ein Visual-Kei-Band-Poster nach dem anderen.

Eva stieß im Sommer 2001 durch Soundtracks japanischer Videospiele auf die Visual-Kei-Szene. "Melodische, aber auch rockige Musik kombiniert mit einem faszinierenden, exotischen Auftreten ist für mich das Attraktivste an dieser Musikrichtung", schwärmt sie. Sie interessiert sich sehr für Japan und seine Kultur, studiert mittlerweile sogar Japanologie.

"Dadurch, dass ich die Sprache studiere, habe ich mir einen besonderen Zugang zu Visual Kei verschafft", erzählt sie. Heute organisiert sie sogar Partys und Konzerte. Auch wenn Eva betont, dass sie nicht Visual-Kei-Fan geworden ist, um sich durch ihr auffälliges Erscheinungsbild von der Masse abzugrenzen – genau das scheint viele andere anzuziehen.

Japanische Theaterkultur stand Pate

Die Bezeichnung setzt sich aus dem englischen Begriff "visual" und dem japanischen Zeichen "kei" zusammen, was so viel wie "Optische Clique" heißt. Trotz seiner langjährigen Popularität im Osten hat sich Visual Kei ursprünglich unter dem Einfluss westlicher, bunt kostümierter und geschminkter Bands wie Kiss oder Twisted Sister entwickelt – die sich wiederum vom japanischen Kabuki-Theater hatten inspirieren lassen.

Erkennungszeichen sind heute Kimonos und farbige Kontaktlinsen, grell gefärbte, zu auffälligen Frisuren geformte Haare, viel Schminke und vor allem viel Lack und Leder. Die fast ausschließlich männlichen Visual-Kei-Musiker betonen ihre femininen Seiten so sehr, dass sie oft für Frauen gehalten werden. Häufig wird Musikern wie Fans auch nachgesagt, dass sie trans- oder homosexuell seien.

"Unsinn", meint Eva, "denn wer sich ein wenig mit japanischer Kultur und vor allem japanischer Theaterkultur auseinandersetzt, erkennt sehr schnell, dass in traditionellen japanischen Theatern Frauenrollen auch von Männern gespielt werden." Asiatische Männer hätten zudem häufig ein androgynes Aussehen. Und viele legten einfach mehr Wert auf ein gepflegtes Äußeres – wie der Fußballer David Beckham. "Möglicherweise könnten diese Vorbilder dazu führen, dass wir unsere Rollenbilder von Männern und Frauen überdenken, was durchaus positiv wäre", sagt der Wiener Psychologe Stefan Hofbauer.

Eva selbst hatte nicht unter Vorurteilen zu leiden. "Meine Mutter hat in ihrer Jugend extremere Sachen getragen, als ich mich jemals trauen würde", sagt Eva. Auch sonst hat die 21-jährige bisher kaum schlechte Erfahrungen gemacht. "Ich wurde sogar schon einmal von Passanten fotografiert, weil ihnen mein Aussehen gut gefiel", sagt sie. Allerdings stoße sie bei Menschen ab 30 oder 40 auf Ablehnung, wenn sie erzähle, dass sie sich für Japan interessiere und Japanisch studiere. "Die können mit Japan nichts anfangen", sagt Eva. "Sie wissen gerade mal, dass Sushi aus Japan kommt."

Doch auch viele jüngere Menschen haben offenbar mehr Vorbehalte als gedacht gegenüber ihren Mitschülern, die sich so auffällig kleiden wie die Visual-Kei-Fans. Eine Studie der Hamburger "tfactory", einer Agentur für Jugendmarketing, kam im vergangenen Jahr zu dem Schluss: Rund 54 Prozent der deutschen Teenager lehnen Gothics ab, 47 Prozent könnten auf Punks gut verzichten - selbst viele Jugendliche haben also offenbar wenig bis gar nichts für extreme Szenen bei Altersgenossen übrig.

Eva aber stört das nicht. Auch unter den Visual-Kei-Fans gebe es Neider, sagt sie - "wahrscheinlich weil man schon mal in Japan war und Japanisch kann".



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