AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 45/2002

Jeden Tag Theater

Eine Reformschule in Wiesbaden macht fast alles anders als die meisten Lehranstalten ­ und stößt damit in die internationale Pisa-Spitze vor.


U

nter dem wehenden schwarzen Umhang, der Jan bis an die Knöchel reicht, ist sein nackter Oberkörper zu sehen. Barfuß schreitet der Schüler nun von der Bühne, seine rechte Faust umklammert einen hölzernen Stock.

Mehrmals schon hat der 14-Jährige an diesem Morgen als Prediger Brosam in Elias Canettis "Komödie der Eitelkeit" gegen die Geltungssucht seiner Mitmenschen gewettert. Jetzt ist erst mal Pause ­ große Pause sozusagen. Zwei Unterrichtsstunden sind bei den Proben im Nu vergangen, doch daran denkt im Theaterraum der Wiesbadener Helene-Lange-Schule keiner.

Protest nach Pisa: Manche deutsche Schulen können international mithalten
DPA

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Vier Wochen lang machen Jan und seine Mitschüler der Klasse 9 A nichts anderes, als Theater zu spielen ­ jeden Tag, von morgens um acht bis nachmittags um zwei, manchmal auch bis drei oder vier Uhr. Statt Geometrie zu üben oder Vokabeln zu pauken, lernen sie Texte auswendig, bauen Bühnenbilder, entwerfen Kostüme und proben, proben, proben ­ mitten im Schuljahr.

"Hier ist eben alles anders als an anderen Schulen", sagt Jan und lacht wie einer, der weiß, dass er Glück gehabt hat. "Ich will ja nicht an eine stinklangweilige Schule gehen."

Nun stellt sich heraus: Die Wiesbadener HLS, wie die Helene-Lange-Schule von Schülern und Lehrern kurz genannt wird, zählt zu den besten Schulen im Lande.

Bei Pisa E, dem deutschen Teil der internationalen Schulstudie, hat die Lehranstalt mit Blick auf den Taunus exzellente Ergebnisse erzielt. So erreichten die Helene-Lange-Schüler in den Kompetenzbereichen Lesen und Naturwissenschaften Werte, mit denen sie nicht nur weit vor allen Bundesländern liegen, sondern sogar vor den besten ausländischen Staaten wie Finnland oder Kanada. Selbst in Mathematik, dem schwächsten Gebiet der Wiesbadener Jugendlichen, reicht es noch zu einer ausgezeichneten Punktzahl.

Dass die HLS eine normale Paukanstalt sein könnte, glaubt niemand, der jemals dort war. Die Mittelstufenschule mit 600 Schülern ist seit langem ein Wallfahrtsort der Reformpädagogik.

In dem Gebäude aus den späten fünfziger Jahren gibt es keine endlosen Flure, die an Krankenhäuser oder gar Kasernen erinnern. Überall schmücken von Schülern gestaltete Bilder, Figuren, Fotos oder Texte die Wände. Die Türen der Klassenzimmer genauso wie die der Schulleitung stehen immer offen.

Die Schüler entscheiden über ihren Stundenplan mit, mindestens vier Stunden pro Woche steht "Offenes Lernen" auf dem Programm, permanent lockern Projekte oder Exkursionen den Unterricht auf.

Wenn etwa "tätige Nächstenliebe" angesagt ist, müssen alle Schüler der achten Klassen ein Vierteljahr lang einen alten oder behinderten Menschen einen Nachmittag in der Woche betreuen.

Besonders gern wird Theater gespielt, wofür die Schule sogar immer wieder einen professionellen Regisseur oder Schauspieler engagiert. Das Geld dafür erwirtschaften die Pennäler selbst, indem sie zu Lappen und Staubwedel greifen und ihre Schule ­ abgesehen von den Toiletten ­ selbst putzen. Jeden Tag um 13.15 Uhr haben die Reinigungstrupps ihren Einsatz. Die Stadt Wiesbaden zahlt dafür 27 000 Euro im Jahr.

Während das pädagogische Abenteuerland einerseits fast ehrfurchtsvoll bestaunt und bewundert wird, verdächtigen es andere, ein Hort weltfremder Kuschel-Pädagogik zu sein, stellen es als angebliche Insel verschrobener Öko-Pauker unter den Generalverdacht der Leistungsfeindlichkeit.

In der fünften und sechsten Klasse werden keine Noten verteilt ­ wo leben die denn? Niemand bleibt sitzen ­ das kann doch nicht sein! Und vor allem: Das ehemalige Gymnasium hat sich 1986 freiwillig in eine integrierte Gesamtschule umgewandelt.

Auf Anfrage der Schule ist es nun amtlich: Die Testergebnisse liegen weit über den für die HLS erwarteten Leistungen. Denn die Bildungsforscher am Max-Planck-Institut, die in Deutschland die Pisa-Studie koordinieren, haben für jede teilnehmende Schule vorab ein mutmaßliches Ergebnis errechnet, ein Leistungsziel, das sich aus der Schulform, der jeweiligen Schülerschaft und anderen Faktoren ergibt. Die Wiesbadener haben die an sie gerichteten Erwartungen grandios übertroffen. Die Schüler sind am Ende der Klasse 9, was ihr Wissen und Können betrifft, um bis zu einem Jahr weiter, als sie sein müssten.

Pisa-Ergebnisse: Deutschland schwach
DER SPIEGEL

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So schreiben die Berliner Bildungsexperten in einer Analyse für die Schulleitung: "Der Mittelwert Ihrer Schule liegt bedeutsam über dem Wert, den Schulen mit vergleichbarer Schülerschaft erzielen." Dass die HLS damit zur Pisa-Spitzenklasse zählt, lassen die Berliner Forscher gern durchblicken, doch welchen Rang sie genau einnimmt, wollen die Max-Planck-Leute nicht verraten. Ein bundesweites Schul-Ranking mag das Institut nicht veröffentlichen ­ sehr zum Bedauern der Wiesbadener Pauker und Pennäler.

Nach Meinung von Experten ist die Frage der Schulform für die Qualität nicht entscheidend. Als wichtig gilt vielmehr der pädagogische Geist, der Schüler, Lehrer und Eltern verbindet. "Eine Schule darf keine Einrichtung sein, die um acht Uhr morgens die Türen öffnet, in der alle 45 Minuten die Glocke klingelt und in der jede Woche eine Klassenarbeit geschrieben wird", sagt HLS-Schulleiterin Enja Riegel.

In Wiesbaden soll jeder zeigen können, was er geleistet hat, und sehen, was die anderen können. So werden die Arbeitsergebnisse der Schüler grundsätzlich offen präsentiert, sei es in Referaten ­ in den meisten Klassenzimmern stehen Rednerpulte ­ oder in Ausstellungen.

So weit wie möglich besteht der Unterricht zudem aus Theorie und Praxis. Für das Thema "Urzeit" etwa müssen Schüler der Klassenstufe 6 sich zuerst anhand von Büchern informieren, dann selbständig Aspekte wie Kleidung oder Nahrung erarbeiten und anschließend aus Ästen und Fellen einen Unterschlupf bauen.

Die Kinder sollen vor allem lernen, eigenständig zu arbeiten und Verantwortung zu übernehmen. Doch dieser Unterricht kostet viel Zeit. "Wir behandeln weniger Stoff, den dafür aber in die Tiefe gehend", sagt die Schulleiterin. Und wenn mehr im Lehrplan steht? Riegel lacht: "Da findet sich schon eine Lösung."

Die Rektorin sieht sich mal als Pädagogin, mal als Managerin: Generell fordert sie für die Schulen mehr Autonomie, auch in Finanzfragen, sowie Konkurrenz untereinander. Und Riegel würde, wenn sie dürfte, sofort den Beamtenstatus der Lehrer abschaffen. Jeden Pauker fragt sie beim Einstellungsgespräch erst einmal: "Was können Sie denn überhaupt?" Damit meint sie nicht sein Fachwissen. "Viele Lehrer sind lebende Klagemauern, ich will an meiner Schule aber die Wagemutigen."

An der HLS verstehen sich die Lehrer nicht nur als Wissensvermittler, sondern auch als Erzieher. Ein Team von acht bis zehn Pädagogen unterrichtet gemeinsam einen ganzen Jahrgang von Klasse 5 an bis zur Klasse 10, der Klassenlehrer bleibt sechs Jahre lang derselbe. Dadurch ist der Kontakt zwischen Lehrern und Schülern eng: Fehlt ein Junge oder Mädchen, werden meist noch am gleichen Morgen die Eltern angerufen. Lassen bei einem die Leistungen nach, wird frühzeitig nach Ursachen gesucht. An der Schule gibt es keine unerwünschten Graffiti, keinen Vandalismus, für Laisser-faire ist kein Platz.

"Wir arbeiten viel, oft bis an unsere Grenzen", sagt Doris Hanewald-Misterek, "aber dafür ist die Arbeit auch sehr befriedigend." Für die Deutsch-, Gesellschaftslehre- und Mathematiklehrerin gilt wie für die meisten ihrer Kollegen: "Die Schüler hier werden zur Privatsache, jeder einzelne liegt mir am Herzen."

Kritiker merken immer wieder an, die Helene-Lange-Schule leiste auch deshalb Außergewöhnliches, weil sie als hessische Versuchsschule sieben Lehrerstellen zusätzlich habe. Außerdem sei sie unter dem früheren sozialdemokratischen Kultusminister Hartmut Holzapfel besonders gehätschelt worden. Schulleiterin Riegel entgegnet: "Wir betreuen Besucher, wir entwickeln Unterrichtsmaterialien, wir veröffentlichen unsere Erfahrungen." Da bleibe nicht viel übrig von den zusätzlichen Stellen.

Den Schülern scheint die Penne jedenfalls gut zu tun. Dies belegt auch eine Untersuchung der Absolventen. Die Mehrheit derer, die nach Ende der 10. Klasse auf ein Gymnasium wechseln, verbessert dort ihre Noten noch einmal im Vergleich zur Gesamtschule. Die Schulleiterin eines benachbarten Gymnasiums erklärt, bemerkenswert sei "der starke Leistungsanspruch, den nahezu alle ehemaligen Schülerinnen und Schüler der Helene-Lange-Schule an ihre eigene Entwicklung und ihr Potenzial haben".

So ist Jan, der Prediger auf der Theaterbühne, auch in den Herbstferien jeden Tag in die Schule gekommen und hat mit den anderen geprobt. "Das macht doch Spaß." Schließlich wollten sie ein tolles Stück abliefern.

JOACHIM MOHR



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