Jobs in echt - Bibliothekarin "Bücher fass' ich kaum mehr an"

Bibliothekarinnen - sind das nicht Frauen im Strickpulli, die ständig "Pssst!" rufen und von Technik keine Ahnung haben? Ganz falsch. Karoline Schulz, 25, wurde in ihrem Job zur Web-2.0-Spezialistin und nimmt Bücher höchstens für ein paar Sekunden in die Hand.


"Bibliothek, das sah vor zehn Jahren oft so aus: Studenten blätterten sich durch riesige, handgeschriebene Zettelkästen. Sie notierten sich die nötigen Signaturen, suchten dann im muffigen Keller einen Stapel Bücher zusammen und schleppten ihn zur Ausleihe. Dort saßen Frauen mit Dutt und Strickpullovern im Neonlicht und stempelten die Leihkarte ab.

Karoline Schulz, 25: Völlig veränderter Beruf
Doreen Siegfried

Karoline Schulz, 25: Völlig veränderter Beruf

Wer es nicht innerhalb der Öffnungszeiten in die Bücherhalle schaffte, hatte Pech gehabt. Und ob ein Titel schon verliehen war, sahen die Studenten erst, wenn sie vor der Lücke im Regal standen.

In einer solchen Umgebung zu arbeiten, kann ich mir heute gar nicht vorstellen. Ich bin Bibliothekarin geworden, weil ich als Kind Bücher liebte, doch mein Arbeitstag sieht völlig anders aus.

Mein Büro ist nicht stickig, sondern freundlich und mit Licht durchflutet. Jeden Tag kann ich durch die großen Glasfronten der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften sehen, wie die Möwen über dem Kieler Hafen kreisen. Der weite Blick entspannt die Augen, und das ist gut so, denn ich arbeite hauptsächlich am Computer.

Dreadlocks statt Dutt, Facebook statt Fernleihe

Mit Studenten und Signaturen habe ich zwar immer noch zu tun. Doch heute bestellt sich jeder Nutzer seine gewünschten Titel übers Netz von zu Hause oder lässt sich Aufsätze online liefern. Wir sind die weltweit größte Spezialbibliothek zum Thema Wirtschaft und liefern Titel in alle Länder.

Mit den Ausleihbedingungen hat sich mein Beruf verändert: Wir heißen offiziell 'Fachangestellte für Medien und Informationsdienste' und sind absolute Informations-Spezialisten. Wir schreiben RSS-Feeds und lesen Tweets, machen Chat-Beratungen und pflegen unsere Kontakte über Facebook. Statt Dutt trage ich lieber Dreadlocks und Tattoos, und wenn ich meinen Freunden von meiner Arbeit erzähle, verstehen die oft gar nichts mehr vor lauter Web-2.0-Latein.

Richtige Bücher fasse ich nur noch an, wenn ich Neuerscheinungen eingekauft habe und sie katalogisieren muss. Dazu nehme ich die Titel dann kurz in die Hand. Ansonsten arbeite ich virtuell.

Einmal im Monat Ausflug in die alte Bücherwelt

Zurzeit betreue ich ein Projekt, das unsere Kommunikation in der Bibliothek verbessern soll. Ich plane, unser Bibliotheks-Wiki und unseren Blog in einer neuen Plattform zu bündeln. Solche neuen Dienstleistungen entwickeln wir meist im Team, dabei habe ich dann auch viel mit Projektmanagement und Marketing zu tun.

Ich trenne mich so gut wie nie von meinem Laptop. Dank der Flatrate zu Hause bin ich auch nach der Arbeit so gut wie immer online. Das war auch hilfreich, als ich mich neben meinem Vollzeit-Job in der Bibliothek nach Feierabend zur Medienfachwirtin weitergebildet habe - natürlich über E-Learning. Mein Telefon benutze ich nur noch ausgesprochen selten. Ich will Informationen schnell und effizient austauschen, dafür sind Instant Messenger ideal.

Trotzdem glaube ich, dass Bücher nie aus der Welt kommen werden. Schließlich bin ich bis heute ein Bücherwurm. Und einmal im Monat darf ich einen Ausflug in die alte Welt der Bibliothek machen: Dann sitze ich für ein paar Stunden im Spätdienst an der Buchausgabe."

Aufgezeichnet von Carola Padtberg



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