Antisemitismus in der Schule "Wie, du bist echt Jude?"

Nicht alle Juden fühlen sich in Deutschland sicher. Sie haben Angst vor Terroristen, wollen sich nicht mit Kippa zeigen. Jüdische Schüler erzählen von ihren Erlebnissen.

Von Sebastian Gubernator

Jüdische Schüler in Hamburg: Von blöden Sprüchen bis zu interessierten Fragen ist alles dabei
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Jüdische Schüler in Hamburg: Von blöden Sprüchen bis zu interessierten Fragen ist alles dabei


Sich verstecken oder zeigen? Vor dieser Wahl scheinen deutsche Juden seit einigen Wochen zu stehen - seit der Zentralrat der Juden davor gewarnt hat, in muslimisch geprägten Vierteln eine Kippa zu tragen. Antisemitische Gewalt ist kein neues Problem, aber die Anschläge von Paris und Kopenhagen haben eine öffentliche Debatte ausgelöst: Wie sicher sind Juden in Europa? Und in Deutschland?

SPIEGEL ONLINE wollte wissen, wie junge Juden darüber denken: wie sie ihren Alltag erleben, ob sie antisemitische Sprüche im Klassenzimmer hören. Wir haben sie gefragt. Nicht alle waren bereit, sich öffentlich zu äußern. Manchen untersagten die Eltern, sich im Internet als Juden zu zeigen. Andere sagten ein Gespräch zu und später wieder ab. Die Angst sitzt tief.

Sieben Gymnasiasten aus verschiedenen Städten wollen sich nicht verstecken. In dieser Slideshow erzählen sie, was sie erlebt haben: im Klassenzimmer, auf Partys und Demonstrationen.

Alexander Gottlieb (16 Jahre, 11. Klasse)

Am Anfang habe ich in der Schule niemandem erzählt, dass ich Jude bin. Erst später, als ich die Leute besser kannte. Einige waren überrascht und konnten das gar nicht richtig glauben: 'Wie, du bist echt Jude?' Anderen war das egal, die meinten: 'Okay, ja, und jetzt? Ist doch nur eine andere Religion.'

Es kam vor, dass Mitschüler ein falsches Bild vom Judentum hatten. Die haben die ganzen Klischees aufgezählt: Juden hätten große Nasen und viel Geld und seien geizig. Manchmal ist es schon witzig, was sich in den Köpfen der Leute festgesetzt hat. Aber die meisten gehen ganz normal damit um.

Letzte Woche saß ich mit einem Mädchen von meiner Schule im Bus. Sie hat mich ausgefragt: wie das so ist, ob ich jüdische Freunde habe, ob es in Hamburg andere Juden gibt – als wären wir ausgestorben oder so. Und auch andere Fragen: Gehst du in die Synagoge? Isst du Schweinefleisch? Habt ihr viel Geld? Es passiert aber selten, dass man mir solche Fragen stellt.

Alexandra Lachmann (14 Jahre, 9. Klasse)

Meine Klassenkameraden finden es interessant, dass ich jüdisch bin. Wenn es im Geschichtsunterricht um das Judentum geht, gucken sie mich immer an, nach dem Motto: 'Alex, erzähl mal, was du dazu weißt.' Dabei bin ich erst 14 Jahre alt und nicht religiös. Deshalb kann ich nicht immer alle Fragen beantworten.

Einmal bin ich nach dem Geschichtsunterricht in die Pause gegangen, und als ich zurückkam, war ein Hakenkreuz an der Tafel. Der Lehrer hat gefragt, wer das war, aber niemand hat's zugegeben. Man sieht in der Klasse auch ab und zu, dass Leute aus Spaß den Hitlergruß machen – die finden das lustig, obwohl sie wissen, dass es falsch ist. Ich weiß, dass die nicht wirklich was gegen das Judentum haben. Das sind Kinder, die nicht wirklich verstehen, was sie machen. Mit richtigem Antisemitismus habe ich in der Schule keine Erfahrung gemacht.

Lionel Reich (17 Jahre, 12. Klasse)

In der Schule höre ich öfter blöde Sprüche. Zum Beispiel, wenn Leute zu mir sagen: 'Na, du Jude?' Das ist witzig gemeint; meine Mitschüler nehmen das nicht als antisemitisch wahr. Ich schon. Je nachdem, was gesagt wird, gehe ich zu den Leuten und sage ihnen, dass das nicht in Ordnung ist und sie sich mal Gedanken machen sollen.

Wirkliche Anfeindungen hab ich mal erlebt, als ich feiern war: Ich war auf der Toilette und hörte zufällig, wie drei Jungs über 'diese Drecksjuden' schimpften. Ich war so verblüfft, dass ich mich nicht getraut habe, was zu sagen. Ich glaube, da wäre ich nicht heil rausgekommen. Ich mache aber auch positive Erfahrungen: Immer wieder fragen Schüler mich über das Judentum aus, wollen was über den Schabbat wissen und über koscheres Essen. Oder sie wissen, dass ich mich für Israel interessiere, und fragen, was ich über die israelische Politik denke. Das sind ganz legitime Fragen – ich bin froh, sie zu hören und dann was zu erzählen.

Roman Udler (18 Jahre, 12. Klasse)

Früher kam es hin und wieder vor, dass ich in der Schule beleidigt wurde und dass blöde Witze gerissen wurden. Wenn ich mich mit jemandem gestritten habe, kam früher oder später 'Du Jude' als Schimpfwort – egal, worum es in dem Streit ging.

Nach dem Physikunterricht stand mal ein Klassenkamerad vor mir, hielt mir ein Feuerzeug vor die Nase und sagte: 'Ich vergas dich, du Jude!' Der hatte eine Wette verloren, deshalb hat er das gemacht. Ich hab ihn beim Direktor gemeldet. Der Junge musste die Klasse wechseln. Er ist nicht von der Schule geflogen, aber eine Lektion fürs Leben hat er gelernt.

Weil ich mein Abitur im Fach 'Jüdische Religion' schreiben wollte, habe ich für die Oberstufe die Schule gewechselt. Jetzt mache ich ganz andere Erfahrungen: Meine Mitschüler sind neugierig. Wenn ich mir zum Beispiel in der Pause eine Käsesemmel kaufe, fragen sie, ob ich so was essen darf. Oder sie wollen wissen, ob ich am Schabbat Strom benutze. Ich sage dann: ,Ich bin Jude, aber ich bin nicht streng religiös.' Generell behandeln mich meine Mitschüler wie jeden anderen.

Katja Yanchak (15 Jahre, 10. Klasse)

Dass ich jüdisch bin, habe ich am Anfang in der Schule geheim gehalten. Ich hatte ein bisschen Angst davor, anders behandelt zu werden. In der achten Klasse habe ich es dann gesagt. Die meisten Lehrer sind sehr gut damit umgegangen, einen Vorfall gab es aber: Ich bin sehr religiös, esse koscheres Essen, faste an Feiertagen. An Rosch ha-Schana, dem jüdischen Neujahrstag, darf ich nicht schreiben. Ich habe also dem Lehrer an diesem Tag gesagt, dass ich nicht mitschreiben könne, aber alles nachholen werde. Der Lehrer ist ausgerastet und hat mich vor der ganzen Klasse runtergemacht. Er sagte, 'Leute wie ich' hielten den ganzen Unterricht auf und ich sei nicht erwünscht.

Es gab dann ein Gespräch zwischen diesem Lehrer, dem Schulleiter und meiner Mutter. Inzwischen ist mein Verhältnis zu dem Lehrer sehr gut.

In der Klasse werden öfters Judenwitze erzählt, aber die zielen nicht konkret auf mich ab. Das ist zwar echt unangenehm, aber ich weiß, dass die Leute das nicht böse meinen. Ich rede auch nicht mit denen darüber. Ich hab Angst, dass sich dann ein größerer Streit entwickeln könnte.

Kristina Varvarych (17 Jahre, 12. Klasse)

Auf meiner alten Schule, einer Realschule, habe ich schlechte Erfahrungen gemacht. Öfters haben Schüler zu mir Sachen gesagt wie: ,Du bist jüdisch? Das sieht man dir ja gar nicht an!' Dieser Satz geht mir bis heute nicht aus dem Kopf. Warum sollte man mir das ansehen? Ich hab ja keinen Davidstern auf die Stirn tätowiert oder so. Es ist enttäuschend zu wissen, dass es heutzutage noch viele Leute gibt, die diese Religion als fremd empfinden und abwerten. Dieses Verhalten macht mich traurig.

Für die Oberstufe habe ich dann die Schule gewechselt. Die neuen Mitschüler haben es sehr positiv aufgenommen, dass ich jüdisch bin, und sie haben Interesse an mir gezeigt. Das hat mich überrascht. Ich war ja ganz andere Sachen gewohnt. Ich glaube, wie die Menschen auf Juden reagieren, hat viel mit Erziehung zu tun, mit den Verhältnissen, aus denen sie stammen.

Indem ich dazu stehe, dass ich jüdisch bin, gehe ich ein Risiko ein; das ist mir klar. Aber ich bin stolz darauf. Wir Juden sollten zeigen, dass es uns gibt und dass wir zusammenhalten und uns nicht unterkriegen lassen.

Michael Movchin (17 Jahre, 12. Klasse)

Meine Mitschüler wissen, dass ich jüdisch bin. Das liegt daran, dass ich in der jüdischen Jugendarbeit sehr engagiert bin und hin und wieder in Zeitungen und Fernsehinterviews auftauche. Auch auf Facebook poste ich Dinge, die mit dem Judentum verbunden sind. Ich kann und will kein Geheimnis daraus machen. Deshalb trage ich auch immer einen Davidstern-Anhänger.

In München, wo ich wohne, bin ich bisher nur selten beleidigt worden. Im Sommer 2014, während des Gaza-Israel-Konfliktes, habe ich mehrere Pro-Israel-Demonstrationen organisiert. Da wurde ich schon beleidigt, auch in sozialen Netzwerken und E-Mails.

In Berlin wollte ich mir mal etwas in einer Imbissbude kaufen. Der Verkäufer hat meinen Davidstern-Anhänger gesehen und gesagt, dass er Juden nichts verkaufe. Ich musste aus dem Laden gehen und in einer anderen Bude essen. Das hat mich nachdenklich gemacht, aber gerade solche Sachen zeigen, dass wir Juden uns nicht verstecken dürfen: Wir müssen Präsenz zeigen.



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