Deutsches Ausbildungsmodell für Spanier ¡Hola, Azubi!

Jeder zweite junge Spanier findet keinen Job, jetzt sollen die spanischen Krisenkinder nach deutschem Modell ausgebildet werden. Das kündigten Bildungsministerin Schavan und ihr spanischer Amtskollege an. Erste Azubi-Anwärter wagen bereits den Neustart in der Bundesrepublik.

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Alvaro Hernández ringt nach Worten, in der deutschen Sprache bewegt er sich noch tastend: "Es gibt Information in Baskenland, dass wir gehen Ausbildung Deutschland", sagt er und fällt dann ins Englische. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Karlsruhe habe gemeinsam mit spanischen Partnern ein Programm aufgelegt, um junge Spanier für ein dreimonatiges Praktikum anzuwerben, mit der Aussicht auf eine Lehrstelle. Der 24-jährige Informatiker musste nicht lange nachdenken - in seiner Heimat hat jeder zweite Jugendliche keine Arbeit.

Gemeinsam mit acht Landsleuten hat sich Alvaro Hernández deshalb auf den Weg nach Deutschland gemacht. Damit zählt er zu den Vorreitern einer Partnerschaft, die Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) anstrebt, um den Fachkräftemangel in Deutschland zu mildern.

Denn Spaniens Jugendliche sollen schon bald nach deutschem Vorbild ausgebildet werden. Das kündigte Schavan nach einem Treffen mit ihrem spanischen Kollegen José Ignacio Wert Ortega an: "Wir sind in Deutschland davon überzeugt, dass duale berufliche Bildung die beste Vorbeugung gegen Jugendarbeitslosigkeit ist", sagte die CDU-Politikerin.

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Junge Polen als Azubis: Deutsch für Anfänger
Zuvor hatten Schavan und Ortega eine Absichterklärung unterzeichnet, nach der das deutsche System dualer Berufsausbildung in Spanien eingeführt werden soll. Durch die Offensive soll auch das wirtschaftliche Wachstum in Spanien angekurbelt werden. Konkrete Schritte wollen die Minister Anfang September in Madrid vereinbaren. "Es geht darum, das, was in Deutschland erfolgreich ist, auch auf andere europäische Länder auszuweiten", sagte Ortega. In Spanien gebe es die Kombination aus schulischer und praktischer Ausbildung derzeit nur in Pilotprojekten.

Jeder zweite junge Spanier finden keinen Job

Nach Angaben des Bundesbildungsministeriums ist in Spanien jeder zweite Jugendliche arbeitslos. In Deutschland hingegen ist die Jugendarbeitslosigkeit so gering wie nirgendwo sonst in Europa, hierzulande herrscht allerdings massiver Fachkräftemangel.

Während sich Schavan mit Ortega in Stuttgart trifft, beugen sich Hernández und sein 23 Jahre alter Kollege Peio Mardaraz bei einem Karlsruher Dienstleistungsunternehmen über ihre Computer.

Die Firma ist begeistert von den jungen Spaniern. Sie seien pünktlich, engagiert und interessiert, sagt der Assistent der Geschäftsleitung, Daniel Koch. Kurz vor Ende des dreimonatigen Praktikums hat das Unternehmen den beiden, die aus der Nähe von Bilbao kommen, ein Angebot gemacht. Peio Mardaraz könnte eine dreijährige Elektronik-Ausbildung machen und scheint entschlossen, den Vertrag zu unterschreiben. Auch Alvaro Hernández hätte eine Lehrstelle in Karlsruhe sicher, doch der Fachinformatiker zögert noch. Immerhin hat er in Spanien schon eine Art Berufskolleg absolviert. "Wir sondieren, ob wir ihm eine verkürzte Ausbildung anbieten oder vielleicht sogar einen Zeitvertrag", sagt Koch.

"Man muss seine Chance nutzen"

Das größte Problem ist die Sprache. Viermal die Woche büffeln die jungen Männer deutsche Vokabeln und Grammatik. "Montags, dienstags und donnerstags je drei Stunden nach der Arbeit und drei Stunden am Samstagvormittag", erzählt Mardaraz auf Spanisch. Dass er in einigen Monaten Prüfungen in der fremden Sprache ablegen soll, kann er sich trotzdem noch nicht recht vorstellen. Hernández wirkt selbstsicherer. "Im Zweifel kommt man auch gut mit Englisch durch", sagt er.

Die vergangenen Wochen haben die beiden auch genutzt, um sich mit Deutschland anzufreunden. "Wir waren in Heidelberg und Baden-Baden, in Freiburg und Konstanz und sogar in Neuschwanstein", erzählt Hernández. Grundsätzlich könne er sich durchaus vorstellen, in Karlsruhe zu bleiben. Allerdings will er dann auch mitten ins Leben - "am liebsten in eine Wohngemeinschaft mit Deutschen." Bislang wohnt er mit Mardaraz in einem Zweibettzimmer des städtischen Kolpinghauses.

Doch eine WG kostet Geld - und Deutschkurse auch. Angesichts eines Lehrlingsgehalts von rund 600 Euro kommen die beiden Männer ins Grübeln. "Wir können und wollen nicht unseren Eltern auf der Tasche liegen", sagt Mardaraz.

Ob Deutschland eine Zwischenstation oder doch eine Dauerlösung wird, wissen die Spanier nicht. "Wer kann das jetzt sagen", meint Hernández. Natürlich habe er Heimweh, vermisse seine Freunde und seine Familie. "Aber man muss seine Chancen nutzen."

Ingo Senft-Werner/dpa/otr

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Rainer Helmbrecht 12.07.2012
1.
Zitat von sysopDPAJeder zweite junge Spanier findet keinen Job, jetzt sollen die spanischen Krisenkinder nach deutschem Modell ausgebildet werden. Das kündigten Bildungsministerin Schavan und ihr spanischer Amtskollege an. Erste Azubi-Anwärter wagen bereits den Neustart in der Bundesrepublik. http://www.spiegel.de/schulspiegel/0,1518,844115,00.html
Was ich nicht verstehe ist, dass man keine dt Jugendliche so motivieren kann, dass sie selbst eine Lehre beginnen, bzw. beenden können. Vielleicht wäre das für die dt Gesellschaft billiger, als die jungen Leute in Deutschland verblöden zu lassen und Jahrzehnte später in die Altersarmut zu entlassen. Warum gehen junge Spanier nach Deutschland und lernen eine fremde Sprache, während junge Deutsche nicht den A.... hoch heben. Kann es sein, dass unser Sozialsystem Faulheit und Bequemlichkeit fördern und spanische Jugendliche aus Geldmangel zu Arbeitssuchenden werden? MfG. Rainer
thepunisher75 12.07.2012
2. Schon mal darüber nachgedacht...
Zitat von Rainer HelmbrechtWas ich nicht verstehe ist, dass man keine dt Jugendliche so motivieren kann, dass sie selbst eine Lehre beginnen, bzw. beenden können. Vielleicht wäre das für die dt Gesellschaft billiger, als die jungen Leute in Deutschland verblöden zu lassen und Jahrzehnte später in die Altersarmut zu entlassen. Warum gehen junge Spanier nach Deutschland und lernen eine fremde Sprache, während junge Deutsche nicht den A.... hoch heben. Kann es sein, dass unser Sozialsystem Faulheit und Bequemlichkeit fördern und spanische Jugendliche aus Geldmangel zu Arbeitssuchenden werden? MfG. Rainer
..das Deutschland sich billige Arbeitskräfte holen will ? Sollte es nähmlich versuchen alle Jungen Deutschen einen Arbeitsplatz zu geben, was meinen sie wie dann was mit den Löhnen passieren würde ? Und im übrigen, glauben sie nicht, das sie sich mit ein bisschen weniger Polemik über unser Sozialsystem äußern könnten. ;) Oder lesen sie die BLÖD jeden Tag ?
mnbi 12.07.2012
3. Wie hilft das Spanien?
Leider erklärt der Text nicht, wie eigentlich das aktuelle (Berufs-)Ausbildungssystem in Spanien aussieht, wo da offenbar Probleme liegen und warum/wie durch Einführung des dualen Systems dort plötzlich alles besser werden soll. (Abgesehen davon, dass dort Ausgebildete dann auch attraktiver für den hiesigen Arbeitsmarkt werden.)
markusb1976 12.07.2012
4. .
Bei meinem derzeitigen Arbeitgeber haben von von insgesamt sechs Lehrlingen im Lehrjahr Eins und Zwei völlig Grundlos die Lehre abgebrochen. Völlig grundlos da bei uns ein tolles Betriebsklima herrscht, von den Chefs bis zu den Kollegen gibt es nichts zu bemängeln, die Arbeit (Elektrotechnik) ist sehr abwechslungsreich und in die Ausbildung wird viel Zeit und Mühe investiert. Aber einigen ist es einfach zu mühselig früh um Sieben zu erscheinen. Junge Spanier, Polen oder Griechen die arbeiten und etwas lernen wollen sind mir pers. sehr willkommen. Einwanderer welches es auf unsere soziale Hängematte abgesehen haben können mir hingegen gestohlen bleiben. Und zum Thema "billige Arbeitskräfte", kann ich nur sagen das ich die gut gebrauchen kann, da ich selber einer bin. Ich kaufe selbst fast nur im Discounter und ich bestelle meine Waren möglichst billig im Internet da ich selbst kein Großverdiener bin. Ich werde immer satt und kann mir einen pervers großen Bildschirm leisten. Dazu Handy und Internet. Ich denke wir jammern auf hohem Niveau...
clint east wood 12.07.2012
5. Deutsche Jugendliche motivieren ...
Zitat von Rainer HelmbrechtWas ich nicht verstehe ist, dass man keine dt Jugendliche so motivieren kann, dass sie selbst eine Lehre beginnen, bzw. beenden können. Vielleicht wäre das für die dt Gesellschaft billiger, als die jungen Leute in Deutschland verblöden zu lassen und Jahrzehnte später in die Altersarmut zu entlassen. Warum gehen junge Spanier nach Deutschland und lernen eine fremde Sprache, während junge Deutsche nicht den A.... hoch heben. Kann es sein, dass unser Sozialsystem Faulheit und Bequemlichkeit fördern und spanische Jugendliche aus Geldmangel zu Arbeitssuchenden werden? MfG. Rainer
VERSTEHEN kann ich es auch nicht... aber ich habe jeden Tag mit deutschen (& Migranten) Jugendliche in einer (geförderten) dualen Ausbildung zu tun. Die Motivation ist niedrig von dem Tag an, an dem die Probezeit überstanden ist und sie praktisch nicht mehr rausfliegen können. Die wenigsten begreifen die Ausbildung als Chance sondern als ihr "Recht" - insbesondere beim "Recht auf Pausen". Hinweise, das andere von einer solchen Chance träumen und dafür (bei der Durchquerung der Sahara oder Überquerung des Mittelmeers) Leben riskieren werden beantwortet mit: "Aber was hat das mit uns zu tun. Die sind doch keine Konkurrenz." Und ich schreibe über Jugendliche, die im Unterricht aggressiv reagieren, wenn man ihnen das Spielen/Chatten/Twittern mit dem Handy verbietet. Die im Berichtsheft keinen ganzen fehlerfreien Satz formulieren können (auch ohne Migr. Hintergrund). Und die nach 10 Jahren Schule grösste Schwierigkeiten mit einfachem 3-Satz haben. Die Aufmerksamkeitsspanne für "klassischen" Unterricht liegt deutlich unter 120 Sekunden. Dann muss wieder ein neuer Kick her.... Ich alter Sack würde noch mein altes Spanisch neu lernen um solche spanischen Jugendlichen in der Ausbildung unterstützen zu dürfen...
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