Jugendforscherin Donata Elschenbroich "Kinder müssen fragen"

Donata Elschenbroich hat den Bestseller "Weltwissen der Siebenjährigen" geschrieben - die Kulturwissenschaftlerin über den großen Wissensdurst von Kindern, die Unterforderung der Kleinen zu Hause und im Kindergarten und die schlechte Ausbildung von Erzieherinnen.


SPIEGEL:

Frau Elschenbroich, Sie haben in Ihrem Buch einen umfangreichen Kanon aufgestellt, was ein Kind bis zum Schulbeginn alles wissen sollte. Überfordern Sie die Kleinen nicht mit solchen Ansprüchen?

Kinder am Computer: "Sie wollen von sich aus viel wissen"
GMS

Kinder am Computer: "Sie wollen von sich aus viel wissen"

Elschenbroich: Nein, denn Kinder wollen von sich aus viel wissen. Die neuere Hirnforschung zeigt, dass schon Kleinkinder sehr gern lernen und unablässig nach Anlässen suchen, ihre Erfahrungen zu erweitern. Kindern zu unterstellen, sie hätten es gern anspruchslos ­ dieses Bild von einer glücklichen Kindheit ist überholt.

SPIEGEL: Wir verlangen also zu wenig von unseren Kindern?

Elschenbroich: Es wird oft unterschätzt, was Kinder alles wissen wollen, welche Herausforderungen sie sich suchen. Ein Kind auf dem Wickeltisch, das ein Mobile mit dem Fuß in Bewegung halten kann, bleibt länger bei der Sache als ein Kind, dem das Mobile nur vorgespielt wird. Probleme zu lösen sorgt schon im Gehirn der Kleinsten dafür, dass Hormone ausgeschüttet werden, die Befriedigung erzeugen.

SPIEGEL: Was sollte ein Kind denn bis zu Beginn der Schulzeit Ihrer Meinung nach unbedingt erlebt haben?

Elschenbroich: Dass es sich lohnt zu experimentieren, dass es spannend ist, die Welt zu erkunden. Dinge wie: Sahne zu schlagen, eine Batterie auszuwechseln, bei einer fremden Familie zu übernachten, ein Museum zu besuchen oder über einen Friedhof zu spazieren. Etwas selbst gelernt zu haben, etwas selbst getan zu haben, etwas bewirkt zu haben, das ist entscheidend. Kinder können nicht belehrt werden, sie können nur selbst lernen. Dabei brauchen sie allerdings die anderen. Ohne Mitspieler, Zuhörer, Ermutiger erlahmt auch der primäre Forschungsdrang.

SPIEGEL: Und daran hapert es?

Elschenbroich: Ja. In den vergangenen zwei Jahrzehnten sind Kinder oft wie eine Last behandelt worden, die man auf möglichst viele Schultern ­ Mütter, Väter, Großeltern, Staat ­ verteilen wollte.

SPIEGEL: Väter und Mütter haben versagt?

Elschenbroich: Nein, das haben sie nicht. Beruf, Kinder, die eigene Beziehung, Freundschaften ­ es ist oft schwierig, das unter einen Hut zu bekommen. Mein Buch will den Eltern zu mehr Phantasie für den Umgang mit ihren Kindern verhelfen. Veränderung ist wichtig. Nicht immer der gleiche Spielplatz, nicht immer die gleichen Spiele. Kinder können schamlos fragen, aber sie brauchen Gelegenheiten dazu.

SPIEGEL: Das klingt einfach, aber viele Väter und Mütter fühlen sich von der großen Zahl der Aufgaben überfordert.

Elschenbroich: Die Eltern können erwarten, dass ihnen die Gesellschaft hilft. Deshalb gibt es zum Beispiel einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz.

SPIEGEL: Aber können Kindergärten das Elternhaus ersetzen?

Baby: Lernen schon auf dem Wickeltisch
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Baby: Lernen schon auf dem Wickeltisch

Elschenbroich: Natürlich nicht, das sollen sie auch gar nicht. Der Kindergarten ist mehr als nur Ersatz für die Familie oder ihre Verlängerung. Auch kein Schonraum, keine Polsterlandschaft ­ das verschenkt viele Möglichkeiten. Der Kindergarten hat auch in Deutschland einen Bildungsauftrag ­ das steht im Gesetz, und das ist auch gut so.

SPIEGEL: Das bedeutet?

Elschenbroich: Die Kinder sollen etwas lernen. Der Königsweg ihres Lernens ist das Spiel. Spiel wird aber nicht verstanden als Freizeitvertreib, sondern als Möglichkeit, vieles auszuprobieren.

SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel nennen?

Elschenbroich: Beobachten Sie einmal, mit welcher Leidenschaft Drei- oder Vierjährige kleine Kritzelbriefchen versenden, Einladungskärtchen zu ihrem Geburtstag mit ihrem Namen beschriften oder ihr erstes Wort lesen. Solche Erlebnisse sollte es mehr geben in den 4000 Stunden, die ein Kind durchschnittlich in einem deutschen Kindergarten verbringt.

SPIEGEL: Sollen Kinder also schon vor der Schule lesen und schreiben lernen?

Elschenbroich: Die meisten Kinder wollen einfach wissen, was die Erwachsenen an dieser Welt der Zeichen fasziniert. Warum soll die Neugierde der Kinder künstlich blockiert werden?

SPIEGEL: Viele Pädagogen vertreten die Meinung, Lesen und Schreiben lernen sollen Kinder erst ab der ersten Klasse.

Elschenbroich: Dieses staatliche Monopol auf das Lesen- und Schreibenlernen hat die Eltern eingeschüchtert und entmachtet. Und es ist falsch. Ich habe während eines Aufenthalts am Berliner Wis-senschaftskolleg erfolgreiche Wissenschaftler und Künstler befragt, wo sie die ersten Erfahrungen mit Lesen und Schreiben gemacht haben ­ bei 31 von 32 war es zu Hause.

SPIEGEL: Ist die Zeit vor der Schule entscheidend für den Erfolg in der Schule?

Elschenbroich: Ich denke, sie ist auf jeden Fall viel wichtiger, als wir bisher angenommen haben. Ein Kind muss Selbstbewusstsein entwickeln: Ich bin ein Forscher, ich bin musikalisch! Entscheidender für den Schulerfolg als das Alter, in dem ein Kind eingeschult wird, ist die Qualität des Kindergartens, den es besucht hat.

SPIEGEL: Wenn der Kindergarten eine große Rolle spielt, sind die Erzieher, die dort arbeiten, gut genug geschult?

Elschenbroich: In keinem europäischen Land, ausgenommen Österreich, ist das Ansehen dieser Berufsgruppe so gering. Warum? Die Ausbildung ist schlecht, die Bezahlung miserabel. Eine Schande. Das Niveau muss dringend angehoben werden. Wenn Erzieher in Deutschland wenigstens an Fachhochschulen ausgebildet würden statt wie bisher nur an Fachschulen, würden sich auch anspruchsvollere junge Leute für den Beruf entscheiden.

SPIEGEL: Was haben Sie gegen die heutigen Erzieher, die meist Frauen sind?

Elschenbroich: Wir haben in Untersuchungen gefragt: Warum sind Sie Erzieherin geworden? Und wir haben Antworten bekommen wie: Mit Realschulabschluss konnte ich nur Sekretärin oder Krankenschwester werden. Blut kann ich nicht sehen, und lange sitzen mag ich nicht. Da habe ich mich für Erzieherin entschieden.

SPIEGEL: Was ist daran schlimm?

Elschenbroich: Kerzen anzünden und Batikvorhänge aufhängen reicht nicht. Um die Neugier von Kindern zu steigern, muss man selbst viel wissen und viel wissen wollen.

SPIEGEL: Die Ausbildung zu reformieren wird lange dauern.

Spielerischer Unterricht: Neugierde nicht künstlich blockieren
DPA

Spielerischer Unterricht: Neugierde nicht künstlich blockieren

Elschenbroich: Ja, aber anfangen mit der Reform könnten die Politiker sofort. Zum Beispiel mit einer Fortbildungspflicht für Erzieher. Fachleute, auch aus dem Ausland, sollten durch die Bundesrepublik reisen, Tagungen, Fachschulen und auch Kindergärten besuchen.

SPIEGEL: Das kostet Geld.

Elschenbroich: Na und? In Deutschland ist das Studium umsonst, aber der Kindergarten kostet Geld. Das ist doch absurd.

SPIEGEL: Können die Grundschulen die Defizite ausbügeln?

Elschenbroich: Nur schwer, weil die ersten Jahre so wichtig sind. Auf jeden Fall sollten die Schüler in den Grundschulen mehr Zeit verbringen, vier Stunden am Tag sind zu wenig. Wir brauchen Ganztagsschulen, in denen die Kinder auch gemeinsam kochen können, Ausflüge, Musik machen. Außerdem sollten an Grundschulen auch Handwerker, Banker oder Wissenschaftler unterrichten.

SPIEGEL: Was haben die Kinder davon?

Elschenbroich: Die Aura eines Könners. Mit einer Musikerin, mit einem Zimmermann gearbeitet zu haben.

SPIEGEL: Alles nur zum Besten der Kleinen. Kann es aber nicht auch ein Zuviel an Förderung geben?

Elschenbroich: Diese Befürchtung höre ich oft. Aber Kinder wissen ganz gut, wie man sich der pädagogischen Belagerung entzieht. Sie laufen weg, werden unkonzentriert. Ich habe in meinen Kanon auch so etwas wie verlangsamende Momente aufgenommen. Weniger kann mehr sein, auch das will gelernt sein. Etwa wenn Kindergärten spielzeugfreie Wochen einführen.

SPIEGEL: Spielzeugfreie Wochen?

Elschenbroich: Ja. Den Kindern wird erklärt, dass die Spielsachen sozusagen auf Urlaub sind. Die Kinder sind dann ganz auf sich geworfen, und schon nach einigen Tagen entwickeln sie eigene Spiele, entdecken eine ungeahnte Kreativität.

SPIEGEL: Wie viel oder wie wenig Einfluss haben denn Erzieher und Eltern überhaupt auf die Entwicklung ihrer Kinder?

Elschenbroich: Das weiß niemand genau. Aber wahrscheinlich neigen wir Erwachsenen dazu, uns zu überschätzen. Die Zeit, in der ein Kind aufwächst, die Stadt, das Viertel, die Freunde, die Dinge des Alltags, das alles sind Lehrmeister. Dazu kommt sein genetisches Paket. Vielleicht sind Eltern für 20 Prozent verantwortlich.

SPIEGEL: Das wäre nicht viel.

Elschenbroich: Umso ernster müssen wir unsere Aufgabe nehmen.

INTERVIEW: JOACHIM MOHR, KATHARINA STEGELMANN



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