Gesundheitsworkshop im Jugendgefängnis "An mancher Mittelschule ist es härter als im Knast"

Ein gesundes Leben - dafür wirbt eine Gruppe aus Skatern, Breakdancern und Ernährungsexperten bei Schülern. Nun haben sie sich damit an junge Sträflinge gewandt. Werden die ihr Essen umstellen?

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Aus Regis-Breitingen berichtet


Johnny ist 19 Jahre alt, er hat bereits mehr als drei Jahre in Regis-Breitingen verbracht - in der Jugendstrafanstalt in der Nähe von Leipzig. Diesen Juli darf er raus, aber Vorfreude lässt er nicht erkennen. Er weiß: Der Neuanfang wird schwer. Er hätte vor Monaten eine Haftlockerung bekommen können, mit Freigang. "Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich bereit bin."

Dann hätte er womöglich diesen Tag nicht im Knast erlebt, ein Tag, an dem er immer wieder als Gewinner gefeiert wird. An dem die Routine, sonst so wichtig für ein strukturiertes Leben der Häftlinge, durchbrochen wird. An dem "erstmals in einer deutschen Strafanstalt", so Abteilungsleiter Dennis Naumann, ein Fitness- und Ernährungsworkshop reingelassen wurde. Einer, der sich sonst an nicht inhaftierte Schüler richtet.

Für dieses Event hatte sich Johnny zusammen mit seinem Mithäftling Omar beworben und gewonnen. 70 Sträflinge zwischen 16 und 27 Jahren sind nun dabei, von insgesamt 235 in der Anstalt. Alle, die die gefängniseigene Schule besuchen oder eine Ausbildung machen, durften sich melden.

Johnny hat zusammen mit einem Mithäftling den Workshop in den Knast geholt.
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Johnny hat zusammen mit einem Mithäftling den Workshop in den Knast geholt.

Wobei Johnny nicht von "Event" sprechen würde, auch die Einmaligkeit wäre ihm egal. Bianca Gröger, seine Kreativitätspädagogin, hatte ihn und Omar auf die Ausschreibung hingewiesen: Ein Workshop mit Gorilla, einer Organisation, die Jugendliche für ein gesundes Leben begeistern will. Auf sowas wären die Häftlinge normalerweise nicht angesprungen. Doch den Workshop leiten Skateboard-Trainer, Breakdance-Coaches, Freestyle-Fußballer. Sie zeigen, was sie können, und verraten ihre Tricks. Das interessiert die jungen Männer.

Die 15 Trainer, teils Europa- und Weltmeister in ihrer jeweiligen Sportart, stellen sich morgens um halb neun ausführlich in der Turnhalle vor: Mit Flickflacks und Sprüngen, mit Breakdance-Moves und fliegenden Skateboards, während die Breakbeats wummern. Partystimmung, die Sträflinge sind begeistert. Und sollen dann selbst mitmachen.

Im Innenhof werden Frisbee-Würfe geübt und der Trick, sich die Scheibe von der einen Hand über den Nacken rollen zu lassen, um sie mit der anderen wieder weiter zu werfen. In einem Theaterraum zeigt ein Trainer Navid-Mengis-Breakdance-Bewegungen. "Ihr könnt sie kombinieren, wie ihr wollt, erfindet eure eigenen Moves", sagt er. "Es gibt keine Regeln beim Breakdance, wenn ihr tanzt, seid ihr frei." Das gefällt den Teilnehmern.

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Workshop im Knast: Breakbeats und frisches Obst

Johnny geht in die Parcours-Gruppe, die aber bis zur Frühstückspause nur Aufwärmübungen macht. Erst danach soll es weitergehen mit Saltos und Schwüngen. Ihn stört das nicht, er verausgabt sich jetzt schon.

"Unsere Freestyle-Sportler sind Heros", sagt Tobias Kupfer, 41, der Gorilla Deutschland 2014 gegründet hat und damit an deutsche Schulen geht. Er selbst war Skateboard-Weltmeister, steht auf den Brettern, seit er neun Jahre alt war. Wenn die Sportler in den Workshops die Begeisterung "entflammt" hätten, dann sei das Publikum für jedes andere Thema offen, erklärt er das Konzept.

Die anderen Themen kommen in der Essenspause: "Wir haben euch hier etwas Gesundes zusammengestellt, probiert es aus!" Jeder kann sich aus geschnittenem Obst und anderen Zutaten ein Müsli zusammenstellen. Viele der jungen Männer haben noch nie Leinsamen gegessen. "Was ist eigentlich Quinoa?", fragt Johnnys Kumpel Omar. Diätassistentin und Tänzerin Anne Pesth erklärt nebenbei die Ernährungspyramide: Viel Ballaststoffe, wenig Fett und Zucker, das mache fit. Wie viel Fleisch man pro Tag essen soll, fragt sie. Einer ruft dazwischen: "Früh, mittags und abends!" Er schlägt sich lachend auf die Schenkel.

Was ist Gorilla?
    Tobias Kupfer hat Gorilla Deutschland 2014 als gemeinnützige GmbH gegründet und will Menschen zwischen 9 und 25 Jahren "Spaß an Bewegung und ein positives Lebensgefühl" vermitteln. Vorbild ist das Schweizer Gorilla-Programm, das es seit 2010 gibt. Nach eigenen Angaben arbeiten rund 100 Sportler für die Aktion, ein Teil davon als Coaches, die in den Workshops mitarbeiten. Die werden begleitet von einem kleinen Kochbuch und Lernvideos auf Dein Gorilla. Ein wichtiger Förderer ist die Otto-Beisheim-Stiftung.

Guleed Yusuff aus Amsterdam hat seiner Gruppe an diesem Morgen das Fahren auf dem Longboard beigebracht - ein Erfolgserlebnis in kurzer Zeit. Später im Smoothie-Workshop wirbt er für die Fruchtgetränke, die er aus geschnippeltem Obst frisch püriert: "Wer kann sagen, in welchem von den Drinks die Brombeeren sind?" Die Sträflinge lassen sich auf das Ratespiel ein. Einer nickt anerkennend, nachdem er gekostet hat. Dann fällt sein Blick auf die Schüsseln mit dem kleingeschnittenen Obst neben dem Mixer: "Aber wenn ich das alles selbst schneiden müsste..."…

"Am Ende ist es nur ein Workshop"

Gorilla-Chef Kupfer dämpft die Erwartungen: "Natürlich wissen wir nicht, wie sich die Teilnehmer langfristig verhalten", sagt er. Seine Leute könnten einen Anstoß geben, mehr nicht: "Am Ende ist es nur ein Workshop."

Ein Haufen Idealisten in der harten Welt der Knackis - das hätte auch schiefgehen können. Der Termin war für Gorilla ein Experiment, die Vorbereitungen laufen seit Dezember. Und er ist die Gelegenheit, mehr Aufmerksamkeit zu bekommen als bei einem Workshop in einer Grundschule. "Die Bewerbung war nicht die beste von allen", sagt Kupfer, "aber uns hat es interessiert, zu Jugendlichen zu gehen, die die Gesellschaft ausgespuckt hat."

Die Stimmung ist gelöst. "Die Jungs hier sind total motiviert und diszipliniert", das hat Kupfer ein wenig überrascht. "An mancher Mittelschule geht es chaotischer zu." Beim Freestyle Soccer fliegen die Foot Bags, im "Upcycling-Workshop" sollen gebrauchte T-Shirts mit Spraydosen aufgehübscht werden - nachhaltiger Konsum steht ja auch auf dem Programm. Weil man das mit den Anstaltsklamotten nicht darf, haben die Veranstalter neue Shirts mitgebracht.

"Spaß hat man hier ja nicht immer"

So heiter geht es sonst nicht zu, der Ton unter den Gefangenen sei normal eher rüde, sagt eine Justizmitarbeiterin. Wer als Jugendlicher für zwei Jahre oder länger hinter Gitter muss, gehört zu den schweren Jungs.

Die jungen Männer wissen, welche Antworten an diesem Tag gut ankommen. Einer sagt, dass er noch nichts von dieser Bio-Milch wusste, die es heute gab: "Wenn ich die draußen mal im Supermarkt sehe, dann werde ich sie auf jeden Fall mal kaufen."

Für Johnny steht das nicht so im Vordergrund. In den letzten zwei Haftmonaten will er sich gut auf die Zeit danach vorbereiten. Er hat seine Schweißerausbildung bestanden. Er weiß: Wenn er plötzlich draußen ist, braucht er Tage mit Struktur. "Ich habe einen kleinen Sohn draußen, und muss langsam mal Verantwortung übernehmen."

Was bedeutet ihm der Tag mit Gorilla? "Ich habe heute Spaß gehabt, das hat man hier ja nicht immer." Dabei hatte er gar nicht erwartet, mit der Bewerbung Erfolg zu haben.

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