Jugendkultur Emo Entdeck das Mädchen in dir

Sie tragen lange Haare, schminken sich, zeigen Gefühle. Die düster-kitschigen Emos sind die erste Jugendszene, in der sich Jungs an Mädchen anpassen. Sie stellen das Rollenmodell auf den Kopf, ernten dafür Spott und Unverständnis - und manchmal Schläge.

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Jungs wie Pascal Birkle erfüllen alles, was vom modernen Mann so gefordert wird. "Gefühle sind mir sehr wichtig", sagt der 17-Jährige, "das drücke ich auch in meinen Gedichten aus. Oder wenn ich singe." Er achtet auf seine Kleidung und trägt am liebsten Schwarz. Sein langer Pony fällt über ein Auge, das andere blickt empfindsam in die Welt. Manchmal sagen seine Mitschüler an seinem Gymnasium in der Nähe von Freiburg "Du bist krank" oder "Geh zum Friseur". Dann bedauert Pascal sie für ihre Engstirnigkeit. "Die sind einfach verklemmt. Ich rede aber lieber, als dass ich gleich draufhaue."

Pascal suchte Gleichgesinnte und fand sie bei einem "Emotreff" am Freiburger Hauptbahnhof. Wie in vielen anderen Städten versammeln sich dort regelmäßig Teenager, die schräg aussehen und vor allem ein Anliegen haben: ihre Gefühle auszuleben.

Sie kleiden sich oft in Schwarz, schminken sich blass und die Augen dunkel, sind aber keine Gothics.

Sie hören Hardcore und binden sich Nietengürtel um, sind aber keine Punks.

Sie tragen Vans, sind aber keine Skater.

Sie mögen Comicfiguren, wollen aber nicht mit Anhängern des Visual Kei verwechselt werden.

Es gibt sie schon seit ein paar Jahren, doch weil sie ihren Stil aus anderen Jugendbewegungen zusammenpuzzelten, wird Emo, im Unterschied zu HipHop oder Punk, als eigenständige Jugendkultur von anderen Szenen oft nicht anerkannt. Dabei haben die Emos auf einer anderen Ebene die Popgeschichte revolutioniert: "Emo ist die erste Jugendkultur, in der sich die Jungs an die Mädchen anpassen. Die Emos stellen das Rollenmodell auf den Kopf", sagt der Kulturwissenschaftler Jonas Engelmann, 31, der gerade das Buch "Emo. Porträt einer Szene" herausgebracht hat.

"Ich muss täglich Haare glätten"

Dass sich Teenie-Mädchen gern mit Klamotten und Schminke beschäftigen, ist nicht neu - jetzt aber stehen auch Jungs zu ihrer Eitelkeit. Sie schminken sich die Augen mit dunklem Kajal, lackieren die Fingernägel und geben sich in Internetforen Tipps, wie man durch zu viel Haarspray strapazierte Haare retten kann. Sie reden über Gefühle und trauen sich, auch mal zu weinen. Sie tragen Röhrenjeans, viel Schmuck und Sternchen-Tattoos, besonders beliebt sind "Snakebites", Piercings in beiden Winkeln der Unterlippe.

Die Emo-Szene
Die Wurzeln der Jugendkultur Emo, die Musik und das Outfit - ein kleiner Überblick:
Ursprünge
Emo oder auch Emocore (kurz für Emotive Hardcore) bezeichnete ursprünglich einen Musikstil, der in den achtziger Jahren in den USA aus dem Hardcore-Punk, einer harten und schnellen Version des Punkrocks, entstanden ist. Vertreter des Emo thematisierten in ihren Songtexten Themen wie Liebe und Freundschaft und wollten bewusst Gefühle und Ängste ausdrücken. Wichtige Bands dieser Anfangsphase waren Rites of Spring, Embrace oder Fugazi. In den neunziger Jahren entwickelte sich der Musikstil in unterschiedliche Richtungen, wurde melodischer und massentauglicher. Nicht zuletzt die Plattenindustrie sorgte dafür, dass auch Musik von Alternative-Rock-Bands unter dem Label Emo verkauft wurde und die Grenzen vollends verschwammen.
Outfit
Der aktuelle und sich vor allem in den USA, Europa und Lateinamerika stark ausbreitende Emo-Trend hat nur noch wenig mit den ursprünglichen musikalischen Wurzeln zu tun und gilt eher als Modeerscheinung. Die zum Großteil sehr jungen Emo-Kids, die der Mittelschicht entstammen, definieren sich hauptsächlich über ihre düstere und zugleich schrille äußere Erscheinung, der sie größte Aufmerksamkeit schenken. Für ihr Outfit mischen sie Elemente des Punk- und Gothic-Subkulturen. Die Farbe Schwarz dominiert, wird aber gerne mit Pink, Lila oder Rot kombiniert. Röhrenjeans, enge Band-T-Shirts, Schweißbänder, Nietengürtel und karierte Turnschuhe kommen genauso zum Einsatz wie eher niedliche Hello-Kitty-Accessoires. Hauptmerkmal ist aber der typische Haarschnitt, den Jungs und Mädchen gleichermaßen tragen: meist schwarz gefärbt, mit einem überdimensionierten Scheitel, der eines der schwarz geschminkten Augen verdeckt.
Musik
Emo-Kids hören heute Bands aus dem gesamten Spektrum des Alternative-Rock, einziges Bindeglied ist die Thematisierung emotionaler Inhalte wie Liebe, Freundschaft, Desillusioniertheit oder Trauer. Aktuell beliebte Bands der Emo-Kids sind My Chemical Romance, Taking Back Sunday oder Fallout Boy. Sie hören aber auch The Cure oder Teenie-Acts wie Tokio Hotel oder Avril Lavigne. In Lateinamerika gilt die kommerziell erfolgreiche mexikanische Band Panda als einer der Favoriten.
Betonung der Emotionalität
Nach wie vor spielt die Betonung von Gefühlen bei den Emo-Kids eine große Rolle. Emo zu sein, bedeutet für viele von ihnen eine Lebenseinstellung. Sie empfinden sich als sehr sensibel und melancholisch und gehen auch mit negativen Gefühlen wie Trauer und Verzweiflung sehr offen um. Auf Hunderten MySpace-Seiten finden sich depressive Gedichte, düstere Selbstporträts und traurige Songtexte. Während dies für den Großteil der Emos nur eine Antwort auf die Gefühlsarmut der heutigen Gesellschaft ist und ein Mittel, sich von anderen Jugendkulturen zu unterscheiden, nimmt ein kleiner Teil der Szene diese Seite der Emo-Bewegung sehr ernst, fühlt sich ernsthaft depressiv und geht sogar so weit, sich die Arme mit Rasierklingen einzuschneiden.

Matthias Neuser, 21, aus Siegen wurde Emo, weil er den "Stil und die Frisuren schon immer schön fand, und allmählich haben sich die Piercings angesammelt". Heute muss er sich "fast täglich die Haare glätten", damit sie in der gewünschten Form ins Gesicht fallen.

Matthias arbeitet als Elektriker, abends holt er in der Abendschule das Abitur nach. "Dazwischen habe ich 45 bis 60 Minuten Zeit, mich fertig zu machen. Das reicht gerade so, damit ich nicht so abgefuckt aussehe." Buchautor Engelmann erklärt: "Emos verweigern sich den gesellschaftlichen und ästhetischen Normen. Dabei ziehen sie allerdings viel Hass auf sich."

Unzählige Emo-Witze und Beschimpfungen

Für ihr Bekenntnis zum Gefühl und ihren androgynen Stil ernten Pascal und Matthias oft Spott und Verachtung. Bei YouTube und auf nur zu diesem Zweck eingerichteten Web-Seiten werden Emos beinahe so häufig verhöhnt wie einst Ostfriesen, Blondinen oder Manta-Fahrer. Sie bekommen virtuelle Morddrohungen, werden als schwach und schwul beschimpft, als verweichlichte Mittelschichtkinder ausgelacht.

Es gibt kaum einen Ort, an dem Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit so offen ausgelebt wird, wie die Schule. Als "Schwuchtel", "schwul" oder "Tunte" beschimpft zu werden, das geht auf den Pausenhöfen ganz schnell. Besonders die 14- bis 20-jährigen Jungs gelten in den Augen von Anhängern anderer, von demonstrativ breitbeiniger Männlichkeit dominierter Jugendszenen als "schwule" Heulsusen, die keine Freunde haben und sich regelmäßig die Arme aufritzen.

"Durch die Emo-Bewegung werden klassische Geschlechterrollen aufgelöst", sagt auch der Berliner Jugendforscher Marc Calmbach. "Alle reden vom neuen Mann, doch jetzt, wo Jungs eine neue, weiche Männlichkeit nach außen tragen, werden sie sofort sozial sanktioniert." Auch Tokio-Hotel-Sänger Bill Kaulitz, der mit seinem androgynen, schmächtigen Äußeren der Emo-Kultur ähnelt, polarisiert auf ähnliche Weise.

Wenn Matthias Neuser durch die Stadt geht, hört er oft "Iiih, ein Emo"; einmal wurde er verprügelt. In Mexiko taten sich gar im April 2008 etwa tausend Punks zusammen, um Emos aus der Stadt zu jagen. Der Berliner Rapper Gin Tonik tönte zur gleichen Zeit in seinem "Emo-Diss-Song": "Du wünschst dir den Tod, den wünsch ich dir auch."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 181 Beiträge
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Seite 1
benny.lindström 11.03.2010
1. ohne den artikel gelesen zu haben...
Zitat von sysopSie tragen lange Haare, schminken sich, zeigen Gefühle. Die düster-kitschigen Emos sind die erste Jugendszene, in der sich Jungs an Mädchen anpassen. Sie stellen das Rollenmodell auf den Kopf, ernten dafür Spott und Unverständnis - und manchmal Schläge. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,676835,00.html
Spiegel: du bist Jahre zu spät! Emo & Emocore waren vorsätzlich um das Jahr 2004 rum 'Scene'. Mittlerweile ist Emo das geworden was früher als ich noch Teeny war die 12 jährigen Kiddiepunks mit Toten Hosen Shirts waren. Emo an sich hat mit dem Ursprung aus Punk und Hardcore und der großen Bewegung die Anfang der 2000er aus den Staaten rübergeschappt ist nichts mehr zu tun, der Begriff ist entartet und entfremdet worden.
Quagmyre 11.03.2010
2. Emo
Zitat von sysopSie tragen lange Haare, schminken sich, zeigen Gefühle. Die düster-kitschigen Emos sind die erste Jugendszene, in der sich Jungs an Mädchen anpassen. Sie stellen das Rollenmodell auf den Kopf, ernten dafür Spott und Unverständnis - und manchmal Schläge. http://www.spiegel.de/schulspiegel/leben/0,1518,676835,00.html
Das sind die abartigen Auswüchse des jahrelangen Gender-Mainstreamings und der allfälligen "Frauen sind besser"-Tiraden von Politik und Medien.
DerUngläubigeThomas84 11.03.2010
3.
Grundsätzlich: AAAAAAAlt... Die Jugend wird halt feminisiert und das eigentlich Schlimme ist, dass diese Jungen niemals Frauen bekommen werden, da eben doch etwas anderes gefordert wird als die männliche beste Freundin zu sein. Aber ansonsten ist es beispielhaft für den feminisierten, pazifierten und wohlstandsverwöhnten "Weissen Mann". Peinlich...
H. Hipper, 11.03.2010
4. Stimmt nicht .....ätsch
Was ist Marc Calmbach denn für ein "Jugendforscher"? Selbstverständlich ist ist "Emo" keinesfalls die erste Jugendbewegung, welche mit den klassischen Rollenmodellen spielt und diese (in Richtung Androgynität oder Feminität) stellenweise auflöst. Wie in dem Artikel ganz richtig geschrieben wird, besteht Emo ja im Prinzip aus den Versatzstücken anderer Jugendkulturen. So gab es in den früher 80er Jahren bereits (u.a.) die "New Romantics" (aka "Blitz Kids") bei denen die Jungs ebenfalls durch aufwendiges Styling und die Verwendung von Make Up aufgefallen sind. Ich denke drastischer als "Boy George" hat bis heute kein Mainstream-Popstar äußerlich die Geschlechterrollen ad aburdum geführt - nicht mal Bill Kaulitz.
Haio Forler 11.03.2010
5. .
Zitat von DerUngläubigeThomas84Grundsätzlich: AAAAAAAlt... Die Jugend wird halt feminisiert und das eigentlich Schlimme ist, dass diese Jungen niemals Frauen bekommen werden, da eben doch etwas anderes gefordert wird als die männliche beste Freundin zu sein. Aber ansonsten ist es beispielhaft für den feminisierten, pazifierten und wohlstandsverwöhnten "Weissen Mann". Peinlich...
Hauptsache, er bringt die übelich "social skills" mit. Dann reichts auch für ein Gespräch ;)))
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